22.03.2019 - 14:21 Uhr
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Michaela Kaniber: Söders grüne Geheimwaffe

Am Telefon war Markus Söder: "Zieh Dir ein Dirndlgwand an, Du wirst Landwirtschaftsministerin." Seit genau einem Jahr ist Michaela Kaniber jetzt im Amt. Im Regensburger Presseclub erzählt die 41-Jährige nicht nur, wie ihre Ministerkarriere begann. Sondern auch, was ihr so auffällt als Nichtbäuerin unter Bauern.

Seit einem Jahr im Amt: Michaela Kaniber ist Bayerns erste Landwirtschaftsministerin ohne Wald, Feld und Wiese. Sie versucht, auch mit grünen Themen zu punkten.
von Albert Franz Kontakt Profil

Michaela Kaniber, so die gängige Erzählung, hat sich rasch Respekt verschafft, obwohl sie bis vor einem Jahr nicht als Landwirtschaftsexpertin aufgefallen ist. Stattdessen arbeitete sie im Sozial- und Wissenschaftssausschuss. Von ihrem Vorgänger Helmut Brunner hat sie zur Überraschung der Ministeriellen sofort alle Termine übernommen, die 14 Tage der Osterferien 2018 für einen Crash-Kurs in Agrarpolitik genutzt. Heute ist sie überzeugt, dass sie sich als Außenstehende besser als Schutzschild vor die Landwirtschaft stellen kann als es ein Lobbyist aus der Branche könnte.

Mühelos spricht sie über Anbindehaltung und Düngeverordnung. Aber nicht erst der Erfolg des Volksbegehrens "Rettet die Bienen" hat der 41-Jährigen gezeigt, wie sehr sich die Gesellschaft verändert, wie sich Stadt und Land auseinanderentwickelt haben, wie sehr sich Bauern und Verbraucher entfremdet haben. Beim Landeanflug auf den Flughafen München falle jedem die ausgeräumte Landschaft auf. Ja, es läuft einiges schief - auch im paradiesischen Bayern. Zu viele Vorschriften, zu viele Auflagen, zu viel Bürokratie. Kaniber hat schnell bemerkt, dass "enormer Druck im Kessel" ist, ein beengendes Gefühl greife um sich auf den Bauernhöfen. "Es gibt viele Bauern mit Burnout, viele junge Frauen halten den Druck nicht mehr aus." Kaniber hat mit dem Erfolg des Volksbegehrens gerechnet, aber sie will nicht hinnehmen, dass allein die Bauern in die Verantwortung genommen werden. "Eine Branche an den Pranger zu stellen ist zu kurz gesprungen." Auch Staat, Kirchen und Privateigentümer seien beim Artenschutz in der Pflicht. "135 000 Hektar ist das Potenzial der Privatgärten. Es kann jeder seinen Beitrag leisten."

"Wir haben zwei Prozent Landwirte und die restlichen 98 Prozent erzählen den Bauern, wie sie zu wirtschaften haben", erklärt die Ministerin. Aber das ist bei weitem nicht der einzige Widerspruch. "84 Prozent der Verbraucher finden Bioprodukte super, aber nur 4 bis 8 Prozent kaufen sie." Auch die Versuche, Patenschaften für Blühflächen anzubieten, liefen keineswegs so erfolgreich, wie man das nach dem Erfolg des Volksbegehren hätte annehmen können. Und die Grenzen des Umweltbewusstseins findet sie in den Zierkiesgärten in ihrer Reihenhaussiedlung daheim im Berchtesgadener Land: "Wenn der Buchsbaumzünsler um sich greift spritzen sie alle."

Trotzdem klingt die CSU-Frau Kaniber sehr nach grün, wenn sie über ihre Vision spricht, dass Landwirtschaft auch in den Städten wieder eine Rolle spielen müsse. Sie erzählt, dass sie mit Foodbloggern und Influencern arbeiten will, um die Kommunikationsstragie des Ministeriums zu modernisieren. Die Bauern müssten viel mehr darüber reden, was sie für den Naturschutz tun.

"Urban gardening", Dachbegrünung, Bienen-Highways neben Radwegen - warum nicht? Kaniber greift auch grüne Themen auf wie Flächenverbrauch und Versiegelung. Warum nicht per Baurecht vorschreiben, dass auf Discountern Wohnungen und Büroräume gebaut werden müssen? Ob oberirdische Parkplätze bei Discountern überhaupt noch genehmigungsfähig seien? "Wir müssen in die Höhe gehen", so ihr Credo.

Nicht immer seien die Prioritäten eindeutig. Beispiel Fischotter: "Was der in einem Teich anrichtet und an Artenvielfalt zerstört, das will keiner wahrhaben", sagt Kaniber. Beispiel Wolf: "Wo Menschen oder Nutztiere in Gefahr geraten, da muss im Einzelfall auch der Abschuss möglich sein." Beispiel Biogas und Mais-Monokulturen: "Da hilft auch kein Blühstreifen als Alibi." Viel Arbeit für Kaniber, die Fleißige: Sie erzählt, wie die Familie aus Kroatien kam, wie schwer der Start in Bayern war, wie die Eltern 22 Jahre ein Gasthaus bewirtschafteten. Ab dem zehnten Lebensjahr hat sie mitgeholfen im elterlichen Betrieb, bei der Küchenarbeit und im Service. Nicht ohne Stolz erzählt die gelernte Steuerfachangestellte, wie sie drei Jobs gleichzeitig bewältigte, in der Steuerkanzlei, als Bedienung und als Übersetzerin. "Ein 15-Stunden-Tag ist für mich überhaupt kein Problem, da bleiben ja immer noch neun Stunden", so Kaniber.

Kaniber, die Entschlossene, überlässt nichts gern dem Zufall. Liebend gern erzählt sie deshalb die Geschichte, warum sie ihre drei Töchter, heute 14, 18 und 19 Jahre alt, zum 14. Geburtstag bei der Jungen Union angemeldet hat. Sie hatte das Beispiel der früheren CSU-Sozialministerin und Landtagspräsidentin Barbara Stamm vor Augen, deren Tochter Claudia Stamm zuerst bei den Grünen landete und später eine eigene Partei gründete. Kanibers Vorsatz: "Das passiert mir nicht."

Sie selbst ist wegen Edmund Stoiber in die CSU eingetreten, erzählt sie. Karriere aber macht sie an der Seite von Markus Söder. Sie war die Erste aus dem mächtigen Parteibezirk Oberbayern, die sich im Machtkampf offen gegen Horst Seehofer und für Söder positioniert hat. Ob als Generalsekretär, als Europaminister, als Umwelt- oder als Finanzminister - "Söder hat aus jedem Haus etwas gemacht", sagt Kaniber voller Bewunderung. Auch Söders jüngste Verwandlung zum Ministerpräsidenten und Landesvater wundert sie deshalb nicht. "Man wächst an seinen Herausforderungen", sagt Kaniber. Ein Satz, den die Landwirtschaftsministerin ohne Bauernhof wohl nicht nur auf Söder, sondern jederzeit auch auf sich bezieht.

Wir haben zwei Prozent Landwirte und die restlichen 98 Prozent erzählen den Bauern, wie sie zu wirtschaften haben.

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