24.08.2018 - 13:33 Uhr
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"Ich möchte niemanden beeinflussen"

Anja Wolbergs hielt sich immer im Hintergrund. In ihrem Buch „In Liebe, Jana!“ verarbeitet sie nun die Spendenaffäre um ihren Mann. Im Interview verrät sie, warum sie diesen Schritt gewagt hat, und ob sie je den Gedanken an Rache hatte.

Im Roman „In Liebe, Jana!" verarbeitet Anja Wolbergs die Geschehnisse um ihren Mann, Regensburgs suspendierten Oberbürgermeister Joachim Wolbergs.
von Eva Hinterberger Kontakt Profil

Über zwei Jahre sind seit dem Bekanntwerden der ersten Vorwürfe gegen Regensburgs suspendierten Oberbürgermeister Joachim Wolbergs vergangen. Anja Wolbergs Buch ist eine Chronologie dieser Zeit - vermischt mit Fiktion und Einblicken in ihr Privatleben.

ONETZ: Ihr Buch ist seit einigen Tagen auf dem Markt. Wie sind die Reaktionen aus Ihrem Umfeld?

Anja Wolbergs: Das Feedback ist sehr positiv. Alle, mit denen ich bisher Kontakt hatte, sind vom Buch begeistert. Natürlich tun sich auch manche meiner Freunde schwer, es zu lesen.  Sie erkennen meinen Lebensweg wieder und wissen, was meine Familie in dieser Zeit mitgemacht hat und dass es mir manchmal nicht so gut ging. 

ONETZ: Wie ist das Buch entstanden? 

Anja Wolbergs: Ich habe nach der Trennung angefangen, Tagebuch zu führen. Das war ein Tipp von einer Freundin. Als mein Mann dann verhaftet wurde, hab ich das auch gemacht, um mich und meine Familie zu schützen: Mit wem hab ich wann telefoniert? Was ist vereinbart worden? Ich wollte eine Sicherheit haben. Man ist in einer solchen Situation total verunsichert. Verliert das Vertrauen in viele Menschen. Das war der Hintergrund, warum ich alles detailliert aufgeschrieben habe.
Das Schreiben des Buchs war für mich wie eine Therapie. Freunde und Bekannte haben mitbekommen, dass ich schreibe und auch mal darüber gelesen. Sie haben gesagt: „Veröffentliche das doch.“ Ich hab mir das dann lange überlegt, auch mit meinen Kindern und meinem Mann gesprochen. Erst, nachdem die gesagt haben, es ist für sie in Ordnung, habe ich mich entschlossen, das Buch zu veröffentlichen.

ONETZ: Wie haben Ihr Mann und Ihre Kinder reagiert?

Anja Wolbergs: Meine Kinder waren von Anfang involviert. Sie standen dem Buch positiv gegenüber. Mein Mann hat es relativ spät erfahren. Er hat gesagt, ich soll mir gut überlegen, ob ich diesen Schritt in die Öffentlichkeit wirklich machen will. Er hat aber auch gesagt, dass er mich dabei unterstützen wird.

ONETZ: Welche Aspekte im Buch sind Fiktion, welche sind Realität?

Anja Wolbergs: Fiktion und Realität verschwimmen. Ein Teil ist Fiktion, ein Teil ist die Wirklichkeit. Der Strang um den Reporter ist Fiktion. Ich hab ihn gebraucht, damit ich mich in die Medien einfühlen konnte. Diese Kapitel sind mir aber schwerer gefallen wie meine Kapitel, beziehungsweise die Jana-Kapitel, in denen meine Verarbeitung stattgefunden hat.

ONETZ: In den realen Abschnitten lassen Sie die Öffentlichkeit tief in Ihr Privatleben blicken ...

Anja Wolbergs: Das war kein leichter Schritt. Es war immer wieder so, dass ich gezweifelt habe: Soll ich das machen oder nicht? Aber nur so konnte ich das Erlebte erzählen. Ich habe ein paar Freunde darüberlesen lassen. Die haben gesagt: Das kannst du so machen. Am Ende waren die Zweifel weniger schwer.

ONETZ: Sie schreiben im ganzen Buch kein böses Wort über Ihren Mann. Das kann vermutlich nicht jede Frau, die verlassen wurde.

Anja Wolbergs: Ich habe immer das Gefühl für mich gehabt: Wenn jemand gehen will, dann muss man ihn loslassen. Es bringt nichts, jemanden zu halten, nur weil man verheiratet ist. So war meine Lebenseinstellung, und so ist es auch bis heute. Ich trage meinem Mann nichts nach. Ich kann mir die Situation vorstellen. Man arbeitet zusammen, lernt sich kennen und versteht sich gut. Und dann ist da auf der anderen Seite jemand, mit dem man schon Jahre verheiratet ist. Der auch mal sagt „Räum deine Socken auf“, „Bring den Müll raus“. Dass man sich vielleicht auseinander lebt, ist irgendwie nachvollziehbar. Auch wenn es wehgetan hat.

ONETZ: War da nie das Bedürfnis nach Rache?

Anja Wolbergs: Einmal habe ich sämtliche Anzüge und Schuhe meines Mannes gepackt und in den Keller geworfen. Ich habe natürlich darauf geachtet, dass Straßenschuhe und Hemden gemischt auf diesem Haufen liegen. So dass auch wirklich alles schön schmutzig ist.  Wir haben auch eine Katze, die hat es sich dann ganz oben bequem gemacht. Das war meine einzige Rache. Ich hatte kurzzeitig überlegt, ob ich alles in meinen Vorgarten werfe. Aber dann hab ich mir gedacht: Nö, dann sieht es ja die Öffentlichkeit. Das wollte ich auf keinen Fall. 

ONETZ: Es wird viel spekuliert, warum Sie das Buch veröffentlichen. Wollen Sie die Öffentlichkeit beeinflussen?

Anja Wolbergs: Ich möchte niemanden beeinflussen. Wer beeinflusst werden könnte, soll bitte das Buch nicht lesen. Ich wollte meine Geschichte erzählen, weil ich hoffe, dass das Buch Menschen in ähnlichen Lebenssituationen helfen kann, nicht aufzugeben. Es soll als Lebensbegleiter gesehen werden.

ONETZ: Eine weitere Vermutung: Es geht um finanzielle Gründe.

Anja Wolbergs: Es ist so, dass ich wahrscheinlich nicht viel mit dem Buch verdienen werde. Wenn ich was verdiene, freue ich mich – wie jeder andere auch -  darüber. Aber „In Liebe, Jana!“ ist nicht unter einem finanziellen Aspekt geschrieben.

ONETZ: Was sagen Sie zu der Art, wie die Öffentlichkeit mit Ihnen, Ihrem Mann und der Situation umgegangen ist?

Anja Wolbergs: Ich kann natürlich gewisse Dinge nachvollziehen. Gewisse Sachen sind interessant. Ich lese beim Friseur zum Beispiel auch Bunte oder Gala. Auf der anderen Seite ist es natürlich immer die Frage, inwiefern Medien – sei es Zeitung  oder Fernsehen – auf jedem rumtrampeln müssen, der am Boden liegt. Ob ich da nicht irgendwann als Journalist sagen kann: Okay, jetzt ist es gut. Ich berichte über das, was an Fakten da ist, aber ich muss die Suppe nicht immer wieder aufkochen. Viele Dinge die berichtet wurden, sind unwahr und skandalös.

ONETZ: Wie haben Sie sich in den letzten zweieinhalb Jahren verändert?

Anja Wolbergs: Ich denke, dass ich für mich einen riesigen Entwicklungsschritt gemacht habe. Ich hab sehr viele Freunde gewonnen. Ich habe auch etliche verloren, um die ich nicht traurig bin. Und die wahrscheinlich auch nicht traurig sind, dass sie mich nicht mehr haben. Aber im Endeffekt ist es so, dass man Menschen in so einer dramatischen Phase des Lebens sehr gut kennenlernt. Mir ist mittlerweile bewusst, dass man nicht jedem Menschen vertrauen kann.

ONETZ: Wie blicken Sie dem Prozessbeginn am 24. September entgegen?

Anja Wolbergs: Ich bin als Zeugin geladen – allerdings erst im Januar. Also werde ich da dann das erste Mal vor Gericht erscheinen. Ich werde ansonsten nicht zum Prozess gehen. Ich war aber noch nie in einem Gerichtssaal und bin insofern etwas aufgeregt. Aber auf der anderen Seite auch dankbar, dass es endlich losgeht. Ich denke, dass jetzt ein unabhängiges Gericht darüber entscheidet, was richtig und was falsch ist.

ONETZ: Haben Sie Angst vor der Entscheidung des Gerichts?

Anja Wolbergs: Ich denke, die Entscheidung wird das Gericht ganz unabhängig treffen, und es ist, wie es ist.

ONETZ: Wird es nach Ende des Prozesses eine Fortsetzung von „In Liebe, Jana!“ geben?

Anja Wolbergs: Ich habe gleich nachdem ich mit dem Buch fertig war gesagt, ich schreib nie mehr ein Buch. Mittlerweile haben viele gefragt, ob es eine Fortsetzung gibt. Da habe ich gesagt: Ich weiß es nicht. Vielleicht sollte man niemals nie sagen, aber momentan hab ich es nicht vor.

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