16.05.2021 - 11:41 Uhr
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Oberpfälzerin bei der EKD: Mit 25 plötzlich im Spitzenamt

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Ihre Wahl ins höchste Laienamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat Anna-Nicole Heinrich ins Rampenlicht katapultiert. Die 25-Jährige aus Nittenau (Kreis Schwandorf) verrät, wie ihr ein Teppich half, zum Glauben zu finden.

Anna-Nicole Heinrich bei ihrer Vorstellungsrede bei der Frühjahrstagung der EKD-Synode.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Bundesweit ist Anna-Nicole Heinrich seit dem vergangenen Wochenende in den Schlagzeilen. Bei der digital abgehaltenen Synoden-Tagung der EKD wurde sie zur neuen Präses der Synode gewählt. Auf Heinrich fielen 75 Stimmen. Ihre Gegenkandidatin, die Richterin und Grünen-Politikerin Nadine Bernshausen (41), erhielt 39 Stimmen. Vor allem, dass sie die Wahl mit deutlicher Mehrheit gewann, habe sie überrascht, sagt Heinrich. Sie habe sich recht spontan nominieren lassen, die Entscheidung dafür sei erst in den Tagen vor der Tagung herangereift.

Und so fehlten ihr im ersten Moment fast die passenden Worte, als sie gefragt wurde, ob sie die Wahl annimmt. „Ich habe in einem Satz drei Mal Danke gesagt“, erzählt Heinrich. „Über die Vorstellungsrede habe ich mir ausführlich Gedanken gemacht, aber nicht darüber, was ich danach sage.“ Von jetzt auf gleich gingen bei ihr Unmengen an Reaktionen und Glückwünsche ein, viele über Mail, Instagram, Twitter und Messenger-Dienste – alle sehr herzlich und positiv, sagt Heinrich. Sie ist immer noch dabei, die Nachrichten zu beantworten. Dazu kommen Termine mit der EKD und Presseanfragen. „Meine Tage sind gerade deutlich voller als sonst.“

Mit 25 Jahren ist Heinrich die bislang mit Abstand jüngste Präses in der Geschichte der EKD-Synode. Ihre Vorgängerin Irmgard Schwaetzer ist 79. „Ein Nachteil ist mein Alter auf alle Fälle nicht“, findet Heinrich. „Ich komme mir schon ziemlich erwachsen vor, muss ich sagen.“ Angst, nicht ernstgenommen zu werden, hat sie nicht. In den vergangenen Jahren hat sie sich innerhalb der evangelischen Kirche in tragende Prozesse eingebracht. Mit dem Rückenwind und der Unterstützung aus der Synode und dem Präsidium sieht sie sich gut für das Amt gerüstet.

Heinrich hat Philosophie an der Universität Regensburg studiert. Aktuell steckt sie in ihren beiden Master-Studiengängen „Menschenbild und Werte“ und „Digital Humanities“. Den Lebensunterhalt finanziert sie sich durch eine halbe Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft an der Uni Regensburg. Ab sofort kommen 15 bis 20 Stunden für das Ehrenamt als Präses pro Woche dazu, schätzt Heinrich. Dass sie Studium und Job beibehält, war für die 25-jährige klar. Nach sechs Jahren als Präses müsse schließlich ihr normales Leben weitergehen, sagt die Studentin, die sich vorstellen kann, später beruflich an der Universität zu bleiben.

Ehrenamtlich hat sich Heinrich schon immer engagiert, ob bei der Wasserwacht oder im Bereitschaftsdienst. Später kam dann die Jugendarbeit in der evangelischen Kirchengemeinde Nittenau dazu. Das Engagement in der Kirche war Heinrich nicht in die Wiege gelegt. Ihre Eltern zogen vor ihrer Geburt von Thüringen ins oberpfälzische Nittenau, mit der Kirche hatte die Familie nichts zu tun. Als sie dann in die Grundschule kam, habe die Sekretärin gemeint: „Ja wie, nicht getauft? Das gibt es hier nicht.“ Heinrich durfte probeweise am Religionsunterricht teilnehmen – einmal am katholischen und einmal am evangelischen. Dabei überzeugte der erste Eindruck in der evangelischen Religionsstunde: Weil es so wenige evangelische Schüler gab, wurden die Kinder jahrgangsübergreifend im Raum der Mittagsbetreuung unterrichtet, alle saßen im Kreis auf einem Teppich. Das gefiel Heinrich.

In der evangelischen Kirchengemeinde Nittenau engagiert sie sich bis heute, fährt als Betreuerin auf die Sommerfreizeiten für Jugendliche mit. Die „richtig gute“ Kinder- und Jugendarbeit, die sie als Teilnehmerin und später als Betreuerin in Nittenau erlebte, habe sie geprägt, sagt die 25-Jährige, die eine jüngere Schwester hat. „Ich kann ganz selbstbewusst sagen, dass der christliche Glaube mir etwas gibt, und ich gerne dafür eintrete, das noch sichtbarer zu machen.“

Wie kann die Kirche aus ihrer Sicht wieder attraktiver für die Menschen werden? „Wir müssen an unserer Willkommenskultur arbeiten“, findet Heinrich. Sie erlebe selbst im Bekanntenkreis, dass junge Leute oft in der Zeit zwischen Schulabschuss und Berufsbeginn den Kontakt zur Kirche verlieren, wenn sie zum Beispiel zum Studium an einen anderen Ort ziehen. „Es ist in Ordnung, sich für eine Zeit zu entfremden“, sagt Heinrich. „Wichtig ist es, dass man danach wieder gut einsteigen kann, und man, wenn man Bock hat, Orientierung finden kann.“

Als Präses möchte Heinrich ausloten, wie sich die evangelische Kirche strukturell aufstellen muss, damit sich junge Menschen angesprochen fühlen. Heinrich verweist auf zwei Hackathons im vergangenen Jahr, die sie als stellvertretende Vorsitzende der Evangelischen Jugend in Deutschland mit organisiert hat, bei denen tolle Ideen entstanden seien. Soziale Medien seien ein weiterer Weg, junge Leute zu erreichen. Über Instagram bekomme sie seit ihrer Wahl zur Präses auch Nachrichten von Leuten, die mit der Kirche nichts am Hut haben, aber schreiben: „Was muss das für ein cooler Laden sein, dass sie dich an die Spitze wählen.“ Es gehe immer um den Kontakt mit Menschen. „Wenn man Leuten begegnet, die mit Lust von ihrem Glauben erzählen, kann das begeistern“, sagt Heinrich. „Das funktioniert in Social Media ganz gut.“

Heinrich beantwortet im Gespräch alle Fragen offen und engagiert. Nur einmal kommt sie ins Stocken. Bei der Frage, ob sie ein Vorbild hat, fällt ihr auch nach längerem Nachdenken keine Antwort ein. Gut möglich, dass stattdessen sie selbst für andere ein Vorbild sein wird.

Die Ziele von Anna-Nicole Heinrich

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Info:

Anna-Nicole Heinrich

  • Anna-Nicole Heinrich wurde 1996 in Schwandorf geboren und wuchs in Nittenau (Kreis Schwandorf) auf.
  • Sie stammt aus einem nicht-christlichen Elternhaus. Getauft wurde sie als Schulkind.
  • Geprägt wurde sie von der Kinder- und Jugendarbeit in der evangelischen Kirchengemeinde Nittenau.
  • Sie ist Master-Studentin (Studiengänge Menschenbild und Werte sowie Digital Humanities) und wissenschaftliche Hilfskraft an der Uni Regensburg.
  • Seit 2017 ist Heinrich stellvertretende Vorsitzende der Evangelischen Jugend in Deutschland. Seit 2020 ist sie Mitglied der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.
Anna-Nicole Heinrich, neue Präses der EKD-Synode, stammt aus Nittenau (Kreis Schwandorf). Sie ist Studentin und wissenschaftliche Hilfskraft an der Uni Regensburg.

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