23.06.2020 - 12:23 Uhr
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Prozessbeginn im Mordfall Maria Baumer: Das Doppelleben des Verlobten

Nach dem Verschwinden von Maria Baumer 2012 präsentierte sich Christian F. als besorgter Verlobter. Ab 1. Juli 2020 muss sich der 35-Jährige vor dem Landgericht Regensburg verantworten: als Angeklagter des Mordes. Eine Chronologie.

Christian F. in einer Kirche. Die Szene stammt aus der Sendung „Aktenzeichen XY“ 2012.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

2004: Christian F. (Jahrgang 1984) macht Abitur am Domspatzen-Gymnasium in Regensburg. Er ist kein Internatsschüler, tut sich aber als Tutor für jüngere Schüler hervor. Sein Spitzname: "Kindergärtner" der Domspatzen.

2005: Maria Baumer macht in Oberviechtach Abitur. Sie will Medizin studieren. Das scheitert am Numerus clausus. Eine Ausbildung zur Krankenschwester in Regensburg bricht sie ab und studiert in Bayreuth Geoökologie.

2008: Christian F. und Maria Baumer werden ein Paar. Er arbeitet im Bezirkskrankenhaus in Regensburg als Krankenpfleger, sie studiert in Bayreuth.

2003 bis 2011: Christian F. missbraucht zwei jüngere Schüler des Domspatzen-Gymnasiums über mehrere Jahre hinweg. Er fotografiert und filmt die Übergriffe auf die teils schlafenden Opfer. Der eine Bub ist anfangs 13, der andere elf Jahre alt. Diese Taten gesteht er 2016 vor Gericht. Tatort sind ein Campingwagen und auch die Wohnung in Regensburg, die er an den Wochenenden mit Maria Baumer bewohnt.

Ende 2011: Christian F. lernt im Bezirksklinikum eine damals 19-jährige Patientin aus dem Raum Schwandorf kennen. Die junge Frau wird aufgrund schwerer Depressionen stationär behandelt. Er besucht sie auch außerhalb des Dienstes. "Wir fanden es anfangs rührend, wie er sich um sie kümmerte", sagte die Mutter später in einem Interview. Aber Christian F. entwickelt Gefühle, die nicht erwidert werden. Der jungen Frau wird die Freundschaft zu eng. Sie versucht den Kontakt abzubrechen. Ermittler sprechen später von 535 Kontaktaufnahmen durch Christian F. per SMS, Whatsapp und Facebook. Die junge Frau antwortet 33 Mal.

Mai 2012: Nach Abschluss ihres Studiums zieht Maria Baumer nach Regensburg. Eine Woche vor ihrem Verschwinden tritt sie eine Stelle als Windanlagentechnikerin an. Sie wird zur Landesvorsitzenden der Katholischen Landjugendbewegung gewählt. Mit ihrem Verlobten Christian F. plant sie die Hochzeit am 8. September 2012. Die Einladungen sind schon gedruckt.

22. Mai 2012: Christian F. kauft einen Spaten in einem Regensburger Baumarkt. Ein baugleicher Spaten wird 2013 bei der Leiche gefunden. In diesen Tagen googelt Christian F. die Suchbegriffe "Lorazepam", "letale Dosis" und "Der perfekte Mord". Diese Ermittlungsergebnisse präsentieren Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft Regensburg bei der Pressekonferenz am 12. Dezember 2019.

Freitag, 25. Mai 2012: Maria Baumer und ihr Verlobter Christian F. verbringen den Abend vor dem Pfingstwochenende bei einer Grillfeier auf dem Reiterhof seiner Familie in Bernhardswald (Landkreis Regensburg). Abends fährt das Paar zurück nach Regensburg.

26. Mai 2012: Maria Baumer ist weg. Christian F. sagt, dass sie ihn am Tag ihres Verschwindens angerufen und um eine Auszeit gebeten habe. Diese beiden Anrufe, angeblich aus Nürnberg und Hamburg, hat es laut Kripo nie gegeben.

29. Mai 2012: Christian F. meldet die 26-jährige Partnerin bei der Polizei als vermisst.

Oktober 2012: Die Zwillingsschwester der Vermissten und ihr Verlobter treten in der Sendung "Aktenzeichen XY" auf. Christian F. zeigt das Handy von Maria und den Verlobungsring, den sie zurückgelassen habe. "Ich kenne meine Schwester nicht als Geheimniskrämerin", sagt ihre Schwester zu Rudi Cerne.

Christian F. betritt 2016 als Angeklagter im Missbrauchsprozess mit seinem Verteidiger Michael Haizmann das Landgericht Regensburg.

8. September 2013:Pilzsammler finden die sterblichen Überreste von Maria Baumer im Forst in der Nähe von Bernhardswald.

14. September 2013: Christian F. wird als dringend tatverdächtig r in Untersuchungshaft genommen.

September 2013: Bei einer Wohnungsdurchsuchung bei Christian F. stellt die Polizei auf seinem Computer kinderpornografisch Videos und Fotos sicher. Diese zeigen auch Christian F. selbst, wie er sich an einem zur Tatzeit schlafenden, 13-jährigen Domspatzen vergehen. Christian F. kann anhand von Pigmentflecken und Narben an der Hand identifiziert werden.

6. November 2013:Christian F. kommt nach einer Haftbeschwerde seines Anwalts wieder frei.

April 2014: Unter einem Vorwand besucht Christian F. die ehemalige Patientin aus dem Raum Schwandorf. Er mischt ihr das starke Beruhigungsmittel Lorazepam, Handelsname "Tavor" in den Tee. Nach dem Aufwachen fühlt sich die junge Frau wie nach einer Narkose. Die Polizei, die Christian F. zu der Zeit observiert, bringt sie ins Krankenhaus. Im Slip wird seine DNA gefunden. Ein indirekter Transfer über die Toilette kann nicht ausgeschlossen werden. Christian F. bestreitet sexuelle Nötigung. Die Betäubung gesteht er im Prozess 2016.

4. April 2016: Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen sexuellen Missbrauchs und Körperverletzung im Fall der Domspatzen und der Patientin.

15. Dezember 2016: Christian F. wird wegen Kindesmissbrauchs und Körperverletzung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.

31. Dezember 2018: Die Ermittlungen gegen ihn im Mordfall Maria Baumer werden eingestellt.

Anfang 2019:Familie Baumer legt gegen die Einstellung Beschwerde bei der Generalstaatsanwaltschaft Nürnberg ein. Es wird noch einmal nachgefasst.

11. Dezember 2019: Erneute Festnahme von Christian F. Laut Staatsanwalt Thomas Rauscher konnten an Haaren und einem Kleidungsstück der Toten Spuren von Lorazepam gefunden werden. Möglich machten dies neue chemisch-toxikologische Untersuchungsmethoden eines privaten Labors, die es fünf Jahre davor nicht gab.

April 2020: Anklageerhebung wegen Mordes.

1. Juli 2020: Geplanter Prozessbeginn am Landgericht Regensburg. Angesetzt sind 25 Verhandlungstage.

Wir wissen nicht, ob es direkt durch eine Überdosis Lorazepam zum Tod kam oder ob die Geschädigte anderweitig getötet wurde.

Staatsanwalt Thomas Rauscher

Staatsanwalt Thomas Rauscher

Mehr über den Fall Maria Baumer

Der Prozess:

65 Zeugen, 18 Sachverständige

In einer Woche, am Mittwoch, 1. Juli. beginnt vor der 2. Strafkammer des Landgerichts Regensburg der Mordprozess gegen Christian F., den Verlobten der 2012 getöteten Maria Baumer. Aktuell hat das Landgericht Regensburg 65 Zeugen und 18 Sachverständige geladen. Ob dies ausreiche, werde der Verlauf der Beweisaufnahme zeigen, informierte Landgerichtssprecher Thomas Polnik am Dienstag.

Er informierte zudem über die Beteiligung der Öffentlichkeit am Verfahren. Für Medienvertreter, die zu Berichterstattungszwecken an dem Prozess teilnehmen wollen, werden 20 Sitzplätze reserviert. 21 Sitzplätze bleiben dem allgemeinen Publikum vorbehalten. Die Vergabe erfolgt jeweils in der Reihenfolge des Eintreffens. Geräumte Sitzplätze werden unverzüglich zur Neubelegung freigegeben. Eintrittskarten für das allgemeine Publikum sind am Eingang zum Sitzungsgebäude erhältlich.

Und immer wieder schliefen die Opfer. Christian F. gestand, einer ehemaligen Patienten das starke Beruhigungsmittel Lorazepam in den Tee gemischt zu haben. Auch der Anwalt eines der missbrauchen Domspatzen vermutete, dass sein Mandant betäubt war. 2019 fand ein Labor an Maria Baumers Leichnam Spuren des Medikaments.
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