02.09.2021 - 15:10 Uhr
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Regensburger Firmengründer: „Hanf ist viel mehr als eine Droge“

Mit Hanf, erzeugt auf bayerischen Feldern, starten drei junge Regensburger Firmengründer durch. Sie schwärmen von der Vielseitigkeit der Nutzpflanze. Berauscht sind sie höchstens vom Zuspruch für ihre Produkte.

Matthias Coufal, 30 (von links), Isabella Voit, 24, und Jakob Graf, 28, stecken hinter der Regensburger Hans Brainfood GmbH.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Die Firmengeschichte der Hans Brainfood GmbH begann 2016 bei einer Start-up-Veranstaltung im Regensburger Innovationszentrum Techbase. Matthias Coufal, der bereits ein Agrarmarketing-Studium in der Tasche hatte, brachte die Idee mit, einen Riegel aus Hanfsamen und Honig auf den Markt zu bringen. Eine echte Nährstoffbombe sollte es sein, die proteinreich, nachhaltig und konzentrationsfördernd ist. Bei BWL- und Marketing-Student Jakob Graf stieß Coufal auf Begeisterung. Die beiden setzten sich das Gründer-Wochenende über zusammen, tüftelten an Rezepten und backten Musterriegel in der eigenen Küche. Am Ende der Start-up-Veranstaltung wurden die besten Ideen prämiert – und Coufal und Graf holten den zweiten Platz.

Angespornt durch diesen Erfolg feilten die beiden weiter an der Rezeptur von Energieriegeln in verschiedenen Geschmacksrichtungen aus Hanf. Beim Testen kam Isabella Voit zum Team dazu, sie kümmerte sich ab sofort um das Design. 2018 war das nunmehr dreiköpfige Team soweit, dass es einen Hersteller für die Hanfriegel gefunden hatte, auch das Design stand. Nun stellte sich die Frage: Zahlen die Leute auch für unser Produkt? Das Team nahm an einem Crowdfunding-Contest teil und sammelte Geld von interessierten Kunden ein. In einer Art Vorverkauf zahlten die Unterstützer zum Beispiel zehn Euro an das Unternehmen. Nach dem Produktionsstart bekamen sie dafür ein Probierset im gleichen Wert. 20 000 Euro kamen so zusammen. Die Herstellung konnte losgehen.

"Pflücken lohnt sich nicht"

Wo der Hanf für den Produktionsstart herkommen sollte, war klar. Matthias Coufals Bruder ist Landwirt bei Pfaffenhofen in Oberbayern. Er baute für die Gründer aus Regensburg auf zwei Hektar Land Hanf an – nicht ganz ohne Startschwierigkeiten. Teils wurden Pflanzen aus dem Boden gerissen – Passanten dachten wohl, sie könnten den Hanf rauchen. „Pflücken lohnt sich nicht“, stellt Jakob Graf klar. Der legal angebaute Nutzhanf habe einen THC-Wert von unter 0,2 Prozent – und keine berauschende Wirkung. Auch zwei Polizeibeamte wurden auf das Hanffeld aufmerksam. Als sie die Anbaulizenz sahen, rückten sie wieder ab. Mittlerweile bauen verschiedene Landwirte auf insgesamt 100 Hektar Fläche Hanf für Hans Brainfood an.

Im Februar 2019 gelang den Jung-Unternehmern der nächste Coup. Bei der Biofach-Messe, der weltweit größten Messe für ökologische Konsumgüter, bekamen sie den Preis für das beste neue Produkt des Jahres. Das machte den Handel aufmerksam. Mehrere Supermärkte nahmen die Hans-Riegel ins Sortiment auf. Weil die Nachfrage da war, entwickelte das Team neue Produkte, verkauft nun auch Hanfsamen, Snackballs und Proteinpulver. Auch CBD-Öl ist mittlerweile im Sortiment – nachdem der Europäische Gerichtshof festgestellt hat, dass das Öl kein Betäubungsmittel ist.

Die Corona-Krise führte zu einem Knick bei der Unternehmensentwicklung, erzählt Graf. „Die Einkäufer im Handel interessierten sich plötzlich nicht mehr für neue Hanfprodukte, sondern für Klopapier.“ Das Team konzentrierte sich auf den Onlinehandel. Dort vervierfachte sich 2020 das Ergebnis von 2019. Seit Ende 2020 ist Hans Brainfood profitabel, sagt Graf. Er und Coufal arbeiten Vollzeit in dem Start-up, Isabella Voit neben ihrem Design-Studium. Dazu kommen mehrere Teilzeitkräfte und Praktikanten. Seinen Sitz hat das Start-up in angemieteten Büroräumen im Herzen der Altstadt.

Erfolgreiche Kampagne

Ziel ist es, das Unternehmen weiter wachsen zu lassen. Dafür setzten die Gründer im Mai dieses Jahres wieder einmal auf ihre Unterstützer – und wurde überwältigt. In einer Crowdinvestment-Kampagne sammelte die Firma in nur zwei Tagen 440 000 Euro ein. „Ein Riesenerfolg“, sagt Graf. Eingesetzt werden soll das Geld für Marketing, Vertrieb und neue Mitarbeiter. Auch in anderen Ländern soll die Marke bekannt gemacht werden. Ein langfristiges Ziel ist es, die Produkte in einer eigenen Fertigung herzustellen. Bisher werden sie nach den Vorgaben von Hans Brainfood von Herstellern in Österreich produziert.

Hanf und Proteine – beides liegt im Trend und davon profitiert das Regensburger Start-up enorm. Doch viele Mitbewerber drängen auf den Markt. Wird die Konkurrenz da nicht zu groß? „Im Gegenteil“, findet Jakob Graf. Jedes Hanf-Produkt sei ein Gewinn, weil es Hanf als Nutzpflanze bekannter und akzeptierter mache. „Das ist jetzt nicht mehr so eine Nische wie am Anfang.“ Graf betont: So gut wie alle Teile der Pflanze seien nutzbar, die Samen für die Riegel, die Blüten für CBD-Öl und die Fasern bald hoffentlich für Verpackungen. Für letzteres laufe ein Projekt in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut. Und: Die Pflanze verbessere durch ihr dichtes Wurzelwerk sogar den Boden. „Hanf ist so viel mehr als eine Droge“, sagt Graf. „Es ist eine echt coole Pflanze, ein Multitalent.“

Immer mehr Hanf-Produkte

BesserWissen
Energieriegel aus Hanfsamen sind das Hauptprodukt des Regensburger Start-ups.
Matthias Coufal begutachtet das Wachstum der Hanfpflanzen auf einem Feld. Auf 100 Hektar Fläche lässt das Start-up mittlerweile Nutzhanf ohne berauschende Wirkung anbauen.
HINTERGRUND:

Nutzhanf

  • Insgesamt stehen 52 von der EU zertifizierte Hanfsorten für den Nutzanbau zur Verfügung. Sie enthalten einen sehr geringen Anteil von Tetrahydrocannabinol (THC) und sind daher nicht zur Erzeugung von Haschisch und Marihuana geeignet.
  • Genutzt werden die Hanffasern für Textilien, die Samen und Blüten für Lebensmittel und Öl.
  • Ab 1982 galt in Deutschland ein Anbauverbot auch für Nutzhanf. Das Verbot wurde 1996 aufgehoben, doch der Anbau ist nach wie vor genehmigungspflichtig. Es soll vermieden werden, dass THC-reiche Sorten zur Drogengewinnung angebaut werden, da eine Unterscheidung der verschiedenen Sorten optisch kaum möglich ist.
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