09.02.2020 - 22:48 Uhr
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Rockgötterdämmerung um Regensburgs Seele

Der Teufel will drei Seelen, seltsamerweise auch die von Mitarbeitern des Regensburger Hochbauamts. Doch in der Uraufführung der skurrilen Rockrevue "Jenseits von St. Emmeram" im Velodrom steht mehr auf dem Spiel.

Da tanzen sogar Teufel (Kristóf Gellén, links) und „Steini“ (Michael Haake, rechts) im Gleichklang: Die Rockrevue „Jenseits von St. Emmeram“ glänzt mit starken Stimmen (hier die umwerfende Steffi Denk, Mitte), tollen Arrangements und eleganten Choreographien.
von Tobias Schwarzmeier Kontakt Profil

Das Ringen um Regensburgs Zukunft und seine ureigene Seele nämlich. Eigentlich kann einem der Herrscher der Unterwelt leid tun. Beim Bau der Steinernen Brücke, bei dem er einst dem Brückenbaumeister half, wurde er um seinen Lohn betrogen. 885 Jahre später – 1000 in Marketingjahren – will er beim Nachfahren Hans Steiner (Michael Haake) die Schuld eintreiben.

Doch am Vorabend der Jubiläumsfeiern sieht sich der denglisch-mondäne Teufel (Kristóf Gellén mit viel Verve) dem echten Bösen ausgesetzt: Werbefuzzis, Superreiche, und Immobilienhaie. Der zaudernde Teufel lässt sich durch den einen oder anderen Kuhhandel mit dem listigen "Steini" hinhalten - und von grandiosen Musikeinlagen.

„Sympathy for The Devil“. Markus Engelstädter verschafft Teufel Kristóf Gellén einen steinstarken Abgang.

Top-Musiker am Start

Dafür bietet die unterhaltsame Inszenierung von Marc Becker für das Theater Regensburg die musikalische Seele der Donaustadt auf. Steffi Denk und Markus Engelstädter mäandern stimmgewaltig quer durch alle Stile und Hits der jüngeren Musikgeschichte. Unter den vom Musikchef Gerwin Eisenhauer und seiner Band kreativ arrangierten und von Amalia Darie elegant choreografierten Rockklassikern finden sich ein üppiges Elvis-Medley – mit dem bewegenden Duett "Suspicious Minds" als Höhepunkt – und etliche Queen-Klassiker. Aber auch ein rasanter "Zapping-Mix" mit rohen Musikfetzen von Rammstein und Trude Herr über Madonna, Jackson 5 und Beethoven, bis hin zu Aretha Franklin und DJ Ötzi. Die Band mit Gerwin Eisenhauer (Drums), Bernd Meyer (Keyboards), Andreas Blüml (Gitarren), Uli Zrenner-Wolkenstein (Bass) und Martin Jungbauer (Saxofon) leistet da Großartiges.

Gänsehaut erzeugen Denks umwerfende Joy-Fleming-Reminiszenz "Ein Lied kann eine Brücke sein" oder Engelstädters souliges "Crying in the Chapel". Immer wieder begleitet vom Szenenapplaus des Premierenpublikums am Samstag.

Bei dieser musikalischen Urgewalt gerät die etwas dünne Rahmenhandlung fast in den Hintergrund. Die collagenartige Bearbeitung tut sich mitunter schwer, die richtige Balance zwischen den Spielszenen und den üppigen Musikblöcken zu finden. Dies gleicht aber ein starkes Darstellerensemble aus: Gellén und Haake geben herrliche, in herzlicher Feindschaft verbundene Widerparte, Robert Herrmanns vereinigt einen Beamten und einen Superhelden abstrus-schlüssig in sich und Silke Heise glänzt in vielseitigen Rollen.

Die Tanzcrew (Amalia Darie, Sophia Friedl, Roshi Gurung und Jonas Dürrbeck) verschmilzt als verbindendes Element mit einem Stilmix zwischen Klassik und Street-Dance alles miteinander.

Auf Schlager programmiert: „Steini“ (Michael Haake) drückt bei den Cyborg-Sängern die richtigen Knöpfe.

Jenseits von Regensburg

Die detailreiche Bearbeitung mit vielen Bonmots und technischen Effekten ist sichtlich um Lokalkolorit bemüht. Doch trotz Titel, Sage, Orte und Befindlichkeiten sowie Tom Webers Stadthymne "Regensburg" (Analogien mit Rainald Grebes "Brandenburg" sind rein zufällig) bleibt im Stück eine gefühlte letzte Kluft, um zu einer ureigenen "Regensburger Geschichte" zu werden. Auch sind Themen wie nahende Klimakatastrophen - mit den wunderbaren Bühnenbildern Peter Engels von einem Regensburg unter Wasser (mit "Mensch-Karpfen-Hybriden") oder unter der Erde (im "Ameisenfarm"-Stil) - einfach zu universell. Ebenso Horror-Immobilienpreise, Touristenschwärme sowie "Gender- und Veganer-Over-Correctness". Was der Wirkung der Szenen jedoch keinen Abbruch tut.

Die Zuschauer genießen merklich den sehenswerten, chaotischen Mischmasch mit exzellenten Zutaten. Und auch ein vermeintliches Happy End: "Käpt'n Regensburg" (Herrmanns) in Pseudotracht mit Sponsorenlogo - eine der seltsamsten Verkörperungen eines "Deus Ex Machina" - kommt zur Rettung. Der Teufel ist bezwungen, die Seelen in Sicherheit - oder doch nicht?

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