02.04.2021 - 17:11 Uhr
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Sehnsucht nach einer simplen Umarmung

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Eine Umarmung oder ein Begrüßungsküsschen auf die Wange: Was früher selbstverständlich war, ist in der Corona-Pandemie außerhalb der eigenen Familie kaum mehr möglich. Hat das Einfluss auf die psychische Gesundheit der Menschen?

Professorin Monika Sommer, leitende Psychologin am Bezirksklinikum Regensburg.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

„Der Berührungssinn ist ein extrem wichtiger Sinn“, stellt Professorin Monika Sommer klar. Sie arbeitet als leitende Psychologin an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Bezirksklinikum Regensburg. Der Berührungssinn sei der erste Sinn, der bei Babys vollentwickelt ist. „Säuglinge lernen damit, dass es eine äußere Welt gibt.“

Und was passiert im Körper, wenn man einen guten Freund umarmt? Die Rezeptoren auf der menschlichen Haut reagieren auf Impulse wie Druck und Wärme, erklärt Sommer. Das Gehirn wiederum nehme eine emotionale Einordnung vor. War die Berührung angenehm? Wenn ja, schütte der Körper das Bindungshormon Oxytocin und Endorphine aus. „Das senkt den Stresslevel, der Herzschlag verlangsamt sich, der Körper entspannt“, sagt die Psychologin. Berührung sei damit – solange sie als positiv empfunden wird – für die Stressbewältigung ganz zentral.

Wie wirkt es sich nun aus, wenn Alltagsberührungen wie Umarmungen in der Pandemie wegfallen? „Vermissen tun das wohl die allermeisten“, sagt Psychologin Sommer. Dabei spiele auch eine kulturelle Komponente eine Rolle: Es sei ein seltsames Gefühl, eine Freundin nicht mehr umarmen zu dürfen. Plötzlich würden solche eigentlich so positiven Berührungen als Gefahr gelten. Sommer hat den Eindruck, dass die Menschen in der Pandemie tatsächlich dünnhäutiger werden. Doch ob sich die Berührungsarmut wirklich auf die psychische Gesundheit auswirkt, könne man derzeit noch nicht sagen. Dafür sei es zu früh, sagt Sommer.

Was hilft: Viele Menschen holen die verlorengegangenen Berührungen in der Familie nach, nehmen den Partner oder die Kinder einfach noch einmal mehr in den Arm. Auch freundliche Gespräche könnten das Bedürfnis nach Berührung ein Stück weit kompensieren. „Wir sollten am besten noch ein bisschen netter miteinander umgehen.“ Doch was ist mit alleinlebenden Menschen? „Da ist die Situation sicher schwieriger“, sagt die Psychologin. Auch wenn es sich simpel anhöre: Manchmal helfe schlicht ein Haustier, das man streicheln kann. Auch das könne dazu beitragen, das Stresslevel zu reduzieren.

Wen die Berührungsarmut besonders betrifft, kann Sommer nicht sagen. Allen Altersgruppen sei es ein Bedürfnis, andere Menschen zu spüren. Neugeborene würden sich durch Berührungen überhaupt erst im Hier und Jetzt verankern. Für Kinder sei Trösten durch Umarmungen und Kuscheln mit den Eltern wichtig für die Emotionsregulation. Jugendlicher kämen vielleicht etwas cooler rüber, doch auch sie hätten zum Beispiel oft bestimmte Begrüßungsrituale, bei denen sie sich berühren. Auch bei hochbetagten oder dementen Menschen wirkten sich Berührungen wie das Streicheln über die Hand sehr positiv aus.

Gibt es Menschen, die andere nicht so gerne nah an sich heranlassen und durch die Pandemie vielleicht sogar entlastet sind? „Ja“, sagt Psychologin Sommer. Autistische Menschen, für die Rituale mit Körperkontakt wie das Händeschütteln oft unangenehm sind, fänden die aktuelle Berührungs-Armut sicher eher erleichternd. Auch für Menschen mit sozialen Ängsten könnte die derzeitige Situation einfacher sein. „Weil jetzt alle in sozialen Situationen unbeholfener sind, fühlen sie sich vielleicht weniger unbeholfen“, sagt Sommer.

Kinder wachsen in der Pandemie mit den Kontaktbeschränkungen auf, sehr kleine Kinder kennen es oft gar nicht anders. Ihnen wird deutlich gemacht, dass vom Kontakt mit anderen eine Gefahr ausgehen kann. Inwiefern davon Spätauswirkungen für die Kinder folgen, zum Beispiel vermehrte Ängste vor Ansteckungskrankheiten, sei derzeit noch nicht klar, sagt Psychologin Sommer. Grundsätzlich seien Kinder sehr anpassungsfähig. Wenn Berührungen innerhalb der Familie weiterhin stattfinden, könne das viel ausgleichen.

Wird das Verhalten der Menschen auch nach der Pandemie verändert bleiben? Die Expertin kann sich schwer vorstellen, dass das Händeschütteln künftig komplett wegfällt. Es gebe bei den Menschen ein großes Bedürfnis nach einem körperlichen Begrüßungsritual als vertrauensbildende Maßnahme. Das zeige sich auch dadurch, dass die Menschen in der Pandemie neue Rituale erfinden, wie die Begrüßung per Ellenbogen-Berührung. „Das scheint etwas zu sein, was viele als notwendig empfinden.“ Möglicherweise werde das Händeschütteln künftig aber nicht mehr so stark eigefordert, meint Sommer – oder es werde nur mehr in bestimmten Gruppen praktiziert. Fest steht für sie: Die Pandemie hat die Bedeutung von Berührungen, die sonst als Selbstverständlichkeit galten, wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt.

#gehenstattessen

Kohlberg
Studie aus München:

"Hunger" nach Berührung

  • Die Universität der Bundeswehr München hat im Mai 2020 eine Studie gestartet, die untersucht, welche Auswirkungen die Selbstisolation auf das mentale, psychologische und emotionale Wohlbefinden der Menschen hat.
  • 1700 Menschen haben bislang daran teilgenommen.
  • In der ersten Phase war erkennbar, dass eine erhebliche Anzahl von Menschen in der Pandemie einen „Hunger“ nach Berührung verspürte. Die Daten zeigen, dass dieser „Hunger“ jedoch spezifisch für Familienmitglieder ist.
  • Berührungen durch Fremde werden – vermutlich aufgrund des wahrgenommenen Risikos für die Gesundheit – vermieden.
  • Weitere Ergebnisse der Studie: Diejenigen, denen die Berührung fehlt, sind einsamer und diejenigen, die sich weniger mit anderen verbunden fühlen, sind gestresster und depressiver.
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