11.02.2019 - 16:10 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Selbstaufgabe für einen autistischen Bruder

Deutschsprachige Erstaufführung von Katherine Sopers "Wish List" am Theater Regensburg

Es gibt auch unterhaltsame Aspekte in der Tragikomödie „Wish List“ von Katherine Soper am Theater Regensburg.
von Stefan RimekProfil

Fangen wir doch einmal mit einer Kritik über ein modernes, zeitgenössisches Theaterstück ganz anders an: Wenn man sich vorstellt, dass die britische junge Autorin Katherine Soper ein Theaterstück über vier Menschen schreibt, die alle aufgrund ihrer Probleme in unserer turbokapitalistischen und digitalen Gesellschaft nicht mehr klarkommen, dann ist man immer versucht zu glauben, dass es sich hier um ein Stück handelt, das eine zwar vielleicht einigermaßen gute, aber dennoch klischeehafte Analyse unserer Situation beschreibt, die von einer subjektiven Sicht auf den alltäglichen Wahnsinn ausgeht. Aber dass es auch anders geht, beweist das Stück von Katherine Soper, das den Titel "Wish List" trägt, welches jetzt in der deutschsprachigen Erstaufführung in einer Übersetzung von Jessica Higgins im Theater am Haidplatz über die Bühne geht. Denn die Art und Weise, wie Katherine Soper eine Beziehung zwischen einem autistisch geprägten Bruder und dessen Schwester, die ihm bis zur Selbstaufgabe betreut, in diesem Theaterstück darstellt, ist bislang einzigartig.

Hier erlebt das Publikum eine ebenso tiefenpsychologische als auch unterhaltsame Analyse unserer heutigen Gesellschaft, die unter einem Leistungsdruck steht, der kaum noch mit dem normalen Menschenverstand konform geht. Das zeigt sich daran, dass die Protagonistin Tamsin auf ihre wissenschaftliche Karriere verzichtet, um ihren unter dem Asperger-Syndrom leidenden jüngeren Bruder zu unterstützen. Um einfach nur für sich und ihren autistischen Bruder Dean einen geringen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitet sie in einem ausbeutenden Betrieb, der Züge eines diktatorisch geführten Online-Versands trägt.

Der Regisseur Oliver D. Endreß und sein Ausstatter-Team in Form von Emanuel Schulze und Lena Scheerer setzen diese Tragikomödie auf äußerst fesselnde und berührende Weise im kleinen Theater am Haidplatz derart unmittelbar um, dass für den Theaterbesucher eine nachhaltige Wirkung entsteht.

Kristóf Gellén als Dean, Inga Behring als seine ältere Schwester Tamsin, Gero Nievelstein als Teamleiter und Murat Dikenci in der Rolle als Tamsins Arbeitskollege Luke agieren in dieser Produktion mit fesselnder Leidenschaft und Bühnenpräsenz, die zu Herzen geht.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.