11.01.2019 - 12:09 Uhr
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Suche nach freundlichen Menschen

Harald Grills neuestes Buch "Hinter drei Sonnenaufgängen" erzählt von seiner Balkanreise. Mit Rucksack, Schlafsack und Wanderschuhen zieht er los. Menschen sind ihm wichtiger als Sehenswürdigkeiten.

"Hinter drei Sonnenaufgängen" heißt das neue Buch von Harald Grill.
von Autor SWBProfil

Also ich habe die Theorie, dass man freundlicher wird, wenn man an einem Fluss lebt, die eigene Natur wird freundlicher. Das ist vermutlich der Einfluss der Donau." Ich stelle mir vor, dass Harald Grill sich sehr bestätigt gefühlt hat, als er am Ende seiner dreimonatigen Reise über den Balkan diese Feststellung von Mircea Dinescu gehört hat. Früher war der Mann Lyriker und Revolutionsheld, heute ist er Öko-Aktivist, Fernsehkoch und politischer Kommentator. In der rumänischen Ortschaft Cetate hat er einen Kulturhafen ins Leben gerufen, eine Begegnungsstätte für Musiker, Bildhauer, Schriftsteller.

Dort hat Harald Grill ihn dann doch noch getroffen, nachdem ihm der vielbeschäftigte Allrounder schon zweimal durch die Lappen gegangen war. Der Oberpfälzer Autor und unbedingte Verfechter eines entschleunigten Reisens kann nämlich ungeheuer hartnäckig sein. Jedenfalls zitierte ihm Dinescu eine seiner Gedichtzeilen, "an einem Fluss leben nettere Menschen".

Davon war und ist Harald Grill, der an der Donau geborene Hengersberger, sicher auch schon immer überzeugt gewesen. Und trotzdem musste er die Probe aufs Exempel machen und, seinem Kindheitsfluss folgend, hinunter auf den Balkan reisen, in die Länder Rumänien und Bulgarien. Und das obwohl ihn alle warnten. "Räuber, Diebe, Mörder - was willst du dort?" Wenn man Grills Bericht dieser Reise gelesen hat, kommt man zu dem Schluss: Unter anderem das Gegenteil beweisen.

___ Auf Nebenstrecken ___

Mit einem klapprigen alten Ford, der noch 300 Euro wert war, ist Grill aufgebrochen. So gut wie nie nahm er Schnellstraßen und Autobahnen, sondern viel lieber Nebenstrecken, ja sogar Feldwege, die auch einmal im Nirgendwo, will heißen auf einer einsamen Kuhweide endeten. Dann wurde halt der Autositz umgeklappt, Schlafsack herausgeholt und dort übernachtet. Geweckt hat den Trapper und Fallensteller literarischer Augenblickseindrücke am nächsten Morgen eine Kuh, die zum Seitenfenster hereinschaute.

Das alles beschreibt Harald Grills Art des Reisens, die er auch schon während seiner einjährigen Europawanderung praktizierte, sehr genau. Er selbst schreibt: "Ich will mich lösen aus dem Würgegriff der Geschwindigkeit, will mir keine Richtung diktieren lassen, will mich frei bewegen [...]. Will bei mir sein, wenn ich reise, und nah bei den Menschen, denen ich begegne. Sie sind mir wichtiger als Sehenswürdigkeiten."

Und genau so ist es auch in diesem ziegelsteindicken Buch mit seinen 464 Seiten und den vielen, etwas arg klein geratenen Schwarzweißfotos, auf denen in der Tat wenig Bauwerke, aber viele Menschen abgelichtet sind. Sie alle waren Harald Grills Gesprächspartner, mit denen er teilweise tagelang unterwegs war und so natürlich tief in Fragen der Landeskunde und -geschichte, aber auch der Mentalität und Kulinarik eindringen konnte.

Berühmtheiten waren darunter, wie etwa der Schriftsteller Mircea Cartarescu, derzeit wohl Rumäniens genialster Autor, oder auch Eginald Schlattner, Pfarrer und Romanautor aus Sibiu, einer Ortschaft nahe Hermannstadt. Er ist der Chronist der mittlerweile bis auf einen jämmerlichen Rest zusammengeschrumpften deutschen Minderheit in Siebenbürgen. Nur mehr ein paar Alte, die aufs Sterben warten, sind da, die Jungen, Talentierten, Fähigen sind alle Richtung Westen abgehauen.

Über solche Fragen - wie verändern sich die Gesellschaften auf dem Balkan, wie sind die Migrationsströme, welche Rolle spielt die Politik - lässt sich in diesem Buch vieles erfahren, und zwar immer in einem lebendigen, erzählerischen Ton. Grill hatte nicht nur seinen Fotoapparat dabei, sondern auch ein Tonband, und so kann er seine Gewährsleute in langen Passagen wörtlicher Rede selber zu Wort kommen lassen.

Vor allem von Rumänien entsteht so das Bild eines multikulturellen Miteinanders, von dem am ehesten die Ethnie der Roma ausgesperrt ist. Sie machen die ewigen Sorgenkinder des Balkans aus, teilweise aus eigenem Verschulden (weil sie die Kinder nicht in die Schulen schicken), zum großen Teil aber auch aufgrund der Ablehnung durch die Mehrheitsgesellschaft. Alle anderen aber genießen weitreichende Minderheitenrechte und sind auch alle im rumänischen Parlament vertreten.

___ Wo der Strom endet ___

Als einen ähnlichen Schmelztiegel erlebt Grill die ukrainische Millionenstadt Odessa am Schwarzen Meer, sie ist gewissermaßen der End-, aber auch Höhepunkt seiner Reise. Zuvor hatte er sich wochenlang im Donaudelta "herumgetrieben" und dabei nicht nur endlich gesehen und erfahren, wo jener Strom endet, der seine Gedanken- und Bilderwelt seit den Kindheitstagen prägte. Er lernt auch eine ganz eigenwillige Landschaft und Vegetation dort kennen, die man nur in kleinen Booten erkunden kann, die Donau franst ja zum Schluss in hunderterlei Einzelarme aus. Und die Bewohner dieses Deltas, die sind auch eigen und faszinierend, zum Beispiel die Lipowaner, altgläubig orthodoxe Christen, die das Zaren-Russland Ende des 17. Jahrhunderts fluchtartig verließen. Im "Gestrüpp" der Donauarme kurz vorm Schwarzen Meer fanden sie ein Versteck, wo sie noch heute ihren alten Glauben leben.

Vom Donaudelta aus orientierte sich Harald Grill dann nordöstlich, eigentlich wollte er mit einem Schiff bis Odessa mitfahren. Alle rieten ihm davon ab beziehungsweise es war gar nicht möglich - zum Zeitpunkt der Reise war die ukrainisch-russische kriegerische Auseinandersetzung auf ihrem Höhepunkt. Er probierte es über Land und strandete an einem Zollübergang, wo man ihn auch nicht weiterlassen wollte. Grill verwickelte einen sehr gut deutsch sprechenden Beamten in eine über einstündige Erzählung seines Schriftstellerdaseins und seiner bisherigen Reise, bis der Mann ihn ziehen ließ, über die Grenze Richtung Odessa.

___ Ein handvoll Gedichte ___

Er erreicht am Ende doch noch sein erträumtes Ziel. Die Passagen, die er über die legendenumwobene Stadt am Schwarzen Meeres schreibt, gehören dann noch einmal zu den lebendigsten des ganzen Buches. Von Odessa aus geht es wieder zurück, und nach einem ziemlich großen Schlenkerer durch Bulgarien und vorbei an der Millionenstadt Sofia trifft Harald Grill zuletzt wieder auf die Donau, die ihm den Weg zurück nach Hause weist. Ihr ist das letzte der zwei Handvoll Gedichte gewidmet, die über dieses bunte, vielgestaltige Buch zusätzlich verstreut sind, schließlich ist Harald Grill seit Anbeginn seiner (mundartlichen) Schriftstellerkarriere vor allem auch Lyriker. Über die windgekräuselten Donaufluten heißt es: "kleine wellen die sich aufstellen / wie nackenhaare // der fluss scheint kehrtzumachen / heimzu geht es heim".

___Harald Grill: "Hinter drei Sonnenaufgängen. Balkanstreifzüge durch Rumänien und Bulgarien bis Odessa". 464 Seiten, mit Fotos, 22 Euro, edition lichtung.

Aufbruch im Bayerischen Wald.
In Plovdiv – mit rund 300 000 Einwohnern die zweitgrößte bulgarische Stadt – befindet sich dieses Kloster.
In Bulgarien findet Harald Grill den besten Automechaniker der Welt
Cover des neuen Buches.
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