12.06.2019 - 17:38 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Der Supermensch und die Moral

Beim Jahreskolloquium des Bayerischen Wissenschaftsforums sind sich die Experten einig: Der rasant voranschreitende technische Fortschritt macht neue Regeln notwendig.

Aufmerksam verfolgten Hochschulvertreter aus ganz Bayern die Diskussion darüber, was Biotechnologie alles möglich macht. Von links: Die Professoren Karsten Weber, Simone Schürle, Christiane Woopen und Oliver Amft. BR-Wissenschaftsredakteurin Jeanne Turczynski moderierte.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil
Von links: Die Professoren Karsten Weber, Simone Schürle, Christiane Woopen und Oliver Amft. BR-Wissenschaftsredakteurin Jeanne Turczynski moderierte.

In den aktuellen Kino-Blockbustern sind Helden mit Superkräften die Stars schlechthin. Der technische Fortschritt in der Gentechnik, Biotechnik, Robotik und Informationstechnik macht es heute in manchen Bereichen tatsächlich möglich, dass der Mensch seine Fähigkeiten verbessern kann. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob diese Möglichkeiten wirklich genutzt werden sollten.

„Homo sapiens 2.0 – mit Künstlicher Intelligenz und Biotechnologie zum Supermenschen?“ lautete der Titel einer Podiumsdiskussion an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg am Mittwoch. Die Veranstaltung war Teil des Jahreskolloquiums des 2015 gegründeten Bayerischen Wissenschaftsforums, dem alle 30 Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften in Bayern angehören.

Wie weit die Technologie mittlerweile ist, machten die Ausführungen von Professorin Simone Schürle von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich deutlich. Die Expertin für Mikro- und Nanotechnologie entwickelt winzige Maschinen für medizinische Anwendungen im menschlichen Körper. Diese Systeme können Wirkstoffe präzise an erkrankte Stellen im Körper bringen oder Erkrankungen früher erkennen. Die Systeme sind so klein, dass sie über die Blutbahn in den Körper gebracht oder sogar inhaliert werden können. Sie können auf Krankheitssymptome reagieren und nach außen Signale abgeben.

Schürle sieht diese Technologie als großen Fortschritt. So könnte etwa Arthritis bereits erkannt werden, bevor die ersten Schmerzen auftreten. Krankheiten könnten frühzeitig behandelt oder vorgebeugt werden. Ob sie Verständnis dafür hat, dass Patienten Hemmungen haben könnten, ein solches Messgerät einfach herunterzuschlucken, wurde Schürle gefragt. „Ja, und das ist gut so“, sagte die Wissenschaftlerin. Das zeige, dass der Patient reflektiert. Doch schon heute werde so viel gemessen. Dass das Messgerät in den Körper gelangt, macht für sie nicht den entscheidenden Unterschied.

Während es in Schürles Forschungsgebiet um einen medizinisch-therapeutischen Ansatz geht, macht in der Wissenschaft immer häufiger der Begriff „Human Enhancement“ die Runde. Darunter versteht man etwas, dass über die Heilung einer Krankheit hinaus geht. Es geht um nicht weniger als die Verbesserung der üblichen Fähigkeiten des Menschen. Als Beispiel führte Schürle an, dass moderne Prothesen besser sein können als die Original-Gelenke.

Die Grenze zwischen einer medizinischen Therapie und „Human Enhancement“ sei fließend, gab Professorin Christiane Woopen, Vorsitzende des Europäischen Ethikrats, zu bedenken. Sie warnte davor, dass im Körper erhobene Daten auch an die Krankenversicherung gehen könnten, die bei schlechten Gesundheitswerten dann entsprechend ihre Prämie erhöhen könnten. Hier brauche es nicht unbedingt ein Verbot, die Daten zu erheben, sicherlich aber „kluge Verwertungsverbote“.

Professor Karsten Weber, Direktor des Regensburg Center of Health Sciences and Technology (RCHST) an der OTH Regensburg, brachte die Gerechtigkeitsfrage ins Spiel: Wie könne gerechtfertigt werden, dass Menschen hierzulande ihre normalen Fähigkeiten noch verbessern können, wohingegen Menschen in anderen Ländern nicht einmal Zugang zu sauberem Wasser oder Impfstoffen haben? Oliver Amft, Professor für Digital Health an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, erklärte, dass Studenten technischer Fachrichtungen verstärkt lernen müssten, einzuordnen, was Entwicklungen ethisch bedeuten. „Dafür bauen wir auch Vorlesungen ein“, sagte er.

Einig waren sich die Diskutanten, dass die neuen technologischen Möglichkeiten einen möglichst globalen Konsensus nötig machen, was man darf oder nicht. Sonst könnte zwischen Nationalstaaten eine Art Wettrüsten auf dem Gebiet der Biotechnologie ausbrechen.

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