04.11.2019 - 17:34 Uhr
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Von Vivaldis Barock bis zu AC/DC

Georg Reischl feierte mit seinem Tanzabend "Juke Box Heroes" seinen Einstand am Theater Regensburg

Geschlechterzuordnungen durch Bewegung und Kostüme aufzulösen ist die Intension von Georg Reischls Tanzproduktion „Juke Box Heroes“ am Theater Regensburg.
von Stefan RimekProfil

Acht Jahre lang bekleidete Olaf Schmidt das Amt des Ballettdirektors am Theater Regensburg, bevor er ab der Spielzeit 2012/2013 von seinem Nachfolger Yuki Mori abgelöst wurde, der wiederum bis zur Spielzeit 2018/2019 als Chef der Sparte Tanz am Theater Regensburg fungierte.

Wenngleich Olaf Schmidt für eine ausgeglichene Mischung aus traditionellem Ballett und modernem Ausdruckstanz stand und Yuki Mori hingegen deutlich letzterem das Übergewicht gab, hatten beide doch eine wichtige Gemeinsamkeit. So waren beide nicht nur begnadete Choreographen, sondern gleichzeitig auch Autoren und Regisseure, was man ihren Produktionen deutlich anmerken konnte.

Hohe Erwartung

Da durfte man nun auf die erste Produktion des neuen Chefchoreographen und Leiter der Sparte Tanz am Theater Regensburg, Georg Reischl, gespannt sein. "Juke Box Heroes" heißt der neue Tanzabend, der am Samstag im ausverkauften Theater im Velodrom zur Uraufführung kam. Um "Stimmen, die sich eindeutigen Geschlechterzuweisungen widersetzen, die berühren und irritieren und allein schon durch ihre Indiffenrenz eine Aussage sind", geht es Reischl laut Programmheft in dieser Produktion. Aus diesem Grund beginnt der Abend auch mit vom Countertenor Philippe Jaroussky gesungenen Arien aus Vivaldi-Opern. Dazu choreographierte Reischl eine Mischung aus klassischem Ballett und modernem Ausdruckstanz, die vom traditionellen Pas de deux über fließende Besetzungvarianten bis hin zum Ensembletanz reicht.

Geschickt integriert Reischl hier die eine oder andere kreative Hebefigur und Geste des modernen Ausdruckstanzes sowie barocke Elemente in Strukturen des klassischen Balletts. Dabei komplettieren die weitgehend genderneutralen Kostüme von Min Li die Intention Reischls, Geschlechterzuordnungen aufzuweichen. Am Ende des ersten Teils unterstützt ein Pas de deux für zwei männliche Mitglieder der Compagnie zu dem von Tom Waits gesungenen "Somewhere" aus Bernsteins "West Side Story" diese Intention nochmals auf deutliche Weise.

Aber auch der zweite Teil, der mit stilistisch verschiedensten Pop- und Rocksongs fast schon plakativ dem Titel des Abends gerecht wird, widmet sich größtenteils der Genderproblematik. Aber auch die - vor allem in Ballett und Tanz - ewig aktuelle Auseinandersetzung zwischen Individuum und Gesellschaft thematisiert Georg Reischl hier. Nicht selten verleiht der Choreograph den Mitgliedern der Compagnie wortwörtlich Stimmen, indem er sie zu den aus der Konserve eingespielten Nummern oder auch im Chor alleine singen lässt.

Innovative Farbtupfer

Choreographisch bietet auch dieser zweite Teil einige innovative Farbtupfer, wenngleich der reine Unterhaltungswert und der Spaß am Tanz hier viel Gewicht bekommt. Interessant ist durchaus die Musikauswahl, denn wann erlebt man schon einmal in einem Theater Choreographien zu Nummern von Bonnie Tyler, "AC/DC" oder "Bronski Beat"?

Insgesamt ist "Juke Box Heroes" ein gelungener Einstand von Georg Reischl, der hier allerdings im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern mehr als reiner Choreograph und weniger als Autor und Regisseur agiert. Die neunköpfige Compagnie setzt Reischls Choreographie mit bis in die Fingerspitzen reichenden Ausdruck um. Das Publikum feierte seinen Einstand im ausverkauften Velodrom jedenfalls euphorisch.

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