15.05.2019 - 15:45 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Zucker für den Affen der Halbbildung

Florian Toperngpong hat mit "Aus dem Papierkorb der Weltgeschichte" ein wahrhaft fantastisches Buch vorgelegt

„Unglaubliche Briefe und Schriftstücke aus dem Archiv von Aaron Aachen“ präsentiert Florian Toperngpong in seiner Ausstellung.
von Peter GeigerProfil

Der Regensburger Künstler Florian Toperngpong ist nicht nur ein schlauer Kopf, er ist vor allem ein mutiger Mensch. Vor zwei Jahren hat er nicht weniger als sein Denken öffentlich ausgestellt. In der Regensburger Galerie konstantin b. grübelte er eine Woche lang öffentlich über Kernfragen des Seins - und brachte die Ergebnisse anschließend kunstvoll in Form. Das war dann die Ausstellung - und die legte Zeugnis davon ab, was ein gebildeter Mittdreißiger wie er alles weiß.

Aber auch sein Nichtwissen, die Lücken und die unbestellten Felder führte er vor. Die gelben Post-it-Zettelchen, die er als Medium nutzte, sie enthielten nicht nur kugelschreiberblaue Zeichnungen und Sätze, sondern auch die weißen Flecken seiner Bildungsbiografie.

Surrealer Kern

In seiner aktuellen Ausstellung "Aus dem Papierkorb der Weltgeschichte", da hat Toperngpong wie ein guter Showkoch - als Sohn eines thailändischen Restaurantbesitzers versteht er sich auch darauf! - schon mal alles vorbereitet. Und beim Verlagshaus "Jacoby & Stuart" unter gleichem Titel einen Bildband erscheinen lassen, der es in sich hat.

Dieses Mal versteckt sich der Künstler hinter einer selbstgewählten Maske - und hat in der geheimnisvoll-kruden Figur des angeblichen Archivars Aaron Aachen (s)ein Alter Ego erfunden. Dieser, so verrät er hinter vorgehaltener Hand, lebe zurückgezogen auf einem Jagdschloss an der Grenze zu Tschechien. Beim Pilze sammeln habe man sich kennengelernt - und Aaron Aachen habe sich ihm als Sammler zu erkennen gegeben, als einer, der in seinem Privatarchiv in großer Zahl Briefe und andere Fundstücke prominenter Persönlichkeiten verwahre.

Darunter Promis wie Tim Mälzer oder Sascha Hehn, aber auch Berühmtheiten wie Joseph Beuys oder Legenden wie Elvis und Hermann Hesse. Jeder einzelne dieser Briefe verfüge über die Kraft, nicht nur Fässern den Boden auszuschlagen, sondern auch dafür zu sorgen, dass künftig die Geschichte der Welt neu buchstabiert werden muss.

"Die Traumdeutung"

Weshalb jetzt im Buch und in der Ausstellung auch jene handschriftlich verfasste Nachricht eines 17-jährigen Prager Gymnasiasten namens Franz Kafka an den damals schon recht bedeutenden Dr. Sigmund Freud zu sehen und nachzulesen ist. Der Erfinder der Psychoanalyse hatte soeben - man schreibt das Jahr 1900 - seine voluminöse Untersuchung "Die Traumdeutung" auf den Markt gebracht hat. Und sieht sich nun mit der Bitte um Analyse eines kafka'schen Nachtmahrs konfrontiert. Wie alle diese Briefe ist auch dieser von seltener Perfektion. Das Briefpapier historisch, das Schriftbild so, wie man es von Kafka kennt. Trotzdem beginnt man sich, hinterm Ohr zu kratzen.

Und die Zweifel werden nicht weniger, im Gegenteil: Dass Joseph Ratzinger am 15. Juli 1950 - da war er gerade 23 geworden - einem Mädchen namens Rosa einen Heiratsantrag unterbreitete und mit "Salute" schließt, zaubert einem dann doch ein Lächeln auf die Lippen. Ja, jede einzelne dieser brieflichen Äußerungen, die Florian Toperngbong hier zeigt und ausbreitet, sie ist so asymptotisch nah an der Wahrheit und Wirklichkeit, dass es tatsächlich so gewesen sein könnte.

Aber in der dargebotenen Summe wird klar: Das entstammt seiner eigenen Werkstatt! Da spielt einer mit unseren Erwartungen! Und gibt dem Affen der Halbbildung Zucker. Der Besucher und Leser des Buchs freilich darf mit der Zunge schnalzen: Weil er Zeuge wird eines sehr feinen Humors, der den Geist der Verwirrspiele der "Neuen Frankfurter Schule" atmet. Und dessen Liebe zur Handwerklichkeit bestechend ist.

___Ausstellungsfinissage in der Regensburger Galerie konstantin b. (Am Brixener Hof 11) am Freitag, 17. Mai (20 Uhr).

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