"Romantik ist bestialisch"

Gianna Nannini wurde über Nacht zu einem umstrittenen Star. Viele liebten sie, noch mehr hassten sie. Inzwischen kann sie sich alles erlauben und nutzt diese Freiheit ausgiebig. Jede Textzeile verheißt Protest, Auflehnung und häufig: Sex.

Die Rocksängerin Gianna Nannini geht in diesem Jahr wieder auf Tournee.
von Autor MFGProfil

Auch auf ihrem kraftvollen neuem Album "La Differenza" (Sony), es ist ihre 19. Studio-Produktion, nimmt das Energiebündel kein Blatt vor den Mund. "Romantik ist bestialisch", singt sie, da gibt es den Ruf zur "ultimativen Befreiung", wir hören das Traktat, dass heute "nicht der rechte Zeitpunkt zum Sterben" ist. Außerdem suhlt sich Nannini wie beinahe nebenbei schwer in der waidwunden Unglückseligkeit - und irgendwie auch entrückenden Unsterblichkeit - des Blues. Die italienische Variante, völlig klar. Also mit einem leichten Augenzwinkern versehen.

Mehr Rock als Pop

Musikalisch hat sich Nannini nach eigener Aussage "zurückbesonnen auf meine ureigene Tradition aus den Achtzigern: Mehr schweißtreibender Rock als freundlicher Pop. Ich habe immer noch jede Menge Freude daran, Euphorie in meiner Arbeit auszuleben und weiterzugeben. Ohne Ekstase bedeutet mein Leben nichts."

Aufgenommen wurde das aktuelle Werk der Italo Rock-Queen sowohl in der Country-Metropole Nashville, Tennessee als auch in London, wo Gianna seit etlichen Jahren mit Tochter Penelope ihr Domizil hat. "In Nashville", lacht Gianna, "sind die härteren Stücke produziert worden, weil es da so viel harte Musiker-Jungs und meist gutes Wetter gibt, das lädt mich mit Energie auf. In London sind die nicht wenigen nachdenklicheren Lieder entstanden, wegen all dem Regen, der da häufig fällt. Da werde ich gerne ein wenig nostalgisch. Somit jedenfalls die perfekte Kombination für "La Differenza". Wie gesagt: Ich liebe die Extreme!"

Mit der aktuellen Scheibe stellt Gianna Nannini souverän unter Beweis, dass sie nicht zu Unrecht seit langem die einzige italienische Singer/Songwriterin ist, die seit Dekaden glühende Fans in ganz Europa besitzt. Und das, obwohl sie weiterhin ihre Texte konsequent auf Italienisch schreibt und singt.

Penelope war glücklich in Nashville, erzählt Gianna, die 65jährige Mutter des aufgeweckten Mädchens, "weil die Kleine dort für einige Wochen relativ unbeaufsichtigt war, ich musste ja arbeiten", lacht Nannini. "Also ist sie herum gestromert in dieser ihr fremden und merkwürdigen Stadt. Natürlich unter Aufsicht. Aber ihre Augen waren die ganze Zeit über weit geöffnet. Zumindest hat sie mir das erzählt. Sie hatte Spaß in Nashville. Ich übrigens auch, trotz all dem Stress."

Wenn Gianna sich ihre Tochter betrachtet, denkt sie viel nach über die eigene Adoleszenz. Zumindest verriet sie das der November-Ausgabe der italienischen "Vogue". "Ich habe es als Heranwachsende gehasst, mich im Spiegel betrachten zu müssen", gab sie bekannt. "Ich hielt mich für extrem hässlich! Da wir diese viel zu lange Nase. Da waren die Brüste, die groß sein sollten, aber es lange Zeit nicht wurden. Ich fühlte mich ungelenk und linkisch. Und denke heute, da ich Mutter einer Tochter bin, die bald in die Pubertät kommen wird: "Mädchen, lass dich nicht unterkriegen von irgendwelchen Erwartungshaltungen!" Man muss klare Kante beziehen, wenn man am Ende frei sein möchte. Dieses Diktat gebe ich an Penelope weiter."

Frei in Kopf und Körper

Tatsächlich hat Nannini es geschafft, irgendwann vor Selbstbewusstsein nur so zu strotzen, gesteht sie im Interview - auch wegen ihrer eindeutig-zweideutigen sexuellen Ausrichtung: "Seit Dekaden werde ich von den Medien gefragt", lacht sie, "ob ich sexuell mehr auf Männer oder Frauen stehe. Meine Antwort ist dann jedes Mal: "Auf denjenigen, der netter ist, interessanter, auch körperlich reizvoller. Ich halte nicht viel von "Coming Out". Denn ich gehe davon aus, dass jeder Mensch, der sexuell aktiv ist, sich instinktiv für einen Menschen entscheidet, mit dem er sich körperlich austauschen möchte, der ihm demnach taugt. Ganz egal welchen Geschlechts dieser Mensch ist. Alles andere wäre widersinnig. Wer glücklich und erotisch befriedigt sein möchte, muss sich erst mal frei machen in Kopf wie in Körper."

Zurück zur Musik: Im Herbst kommt "La Nannini" für Konzerte nach Deutschland. Letztlich bleibt bei manch garantiert herrlichem Spektakel eindrücklich zu vermerken, was Gianna ihrem aktuellen Kreativ-Stellenwert mit auf den Weg gibt: "Es mag sich vieles ändern in dieser merkwürdigen Welt. Aber ich bin noch da. Einfach so!" Genau so ist es. Genau so ist es gut. Wunderbar gut.

Konzerte: 12. Oktober München (Philharmonie), 17. Oktober Nürnberg (Meistersingerhalle)

Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter Telefon: 0961/85-550, Telefon: 09621/306-230 oder Telefon: 09661/8729-0

"la differenza" ist der Titel der aktuellen CD.
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