Rüge für Veröffentlichung des Täter-Videos von Halle

Der Presserat hat auf seinen Dezember-Sitzungen in Berlin vier Rügen ausgesprochen. Auch Verstöße gegen den Opferschutz waren wieder Thema in den Beschwerdeausschüssen.

Polizisten bringen den Attentäter von Halle zur Haftprüfung.
  • Halle-Video: Redaktion hat die Dramaturgie des Täters übernommen

Bild.de erhielt eine Rüge für die Veröffentlichung von Ausschnitten aus dem Video, das der Attentäter während seines Anschlags auf die Synagoge von Halle live ins Internet übertragen hatte.

Der Presserat führte zu seiner Entscheidung Folgendes aus: "Die Redaktion verstieß damit gegen Richtlinie 11.2 des Pressekodex, wonach die Presse sich nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen darf. In dem Video unter dem Titel ,35 Minuten Vernichtungswahn' ordnete ein Reporter die gezeigten Sequenzen zwar ausführlich ein. Jedoch übernahm die Redaktion die Dramaturgie des Täters, indem sie seine Vorgehensweise chronologisch vom Laden der Waffen bis hin zu den Sekunden vor und nach den Mordtaten zeigte. Bei beiden Szenen konnten die Zuschauer aus der Perspektive des Täters quasi live dabei sein. Diese Darstellung geht über das öffentliche Interesse hinaus und bedient überwiegend Sensationsinteressen."

  • Foto und Namensnennung des Attentäters von Halle presseethisch in Ordnung

An der Veröffentlichung des Fotos und des Namens des Attentäters von Halle besteht nach Ansicht des Presserats hingegen ein berechtigtes öffentliches Interesse. Ein Beschwerdeführer hatte kritisiert, dass bereits die Veröffentlichung des Namens und Fotos in dem nachrichtlichen Beitrag "Neonazi Stephan Balliet (27) streamte seine Tat im Internet" auf Bild.de dem Täter eine Bühne geboten habe. Für den Presserat überwiegt in diesem Fall das Informationsinteresse an der Person und den Beweggründen des Täters. Sensationsinteressen nach Ziffer 11 des Pressekodex seien nicht bedient worden. Die Beschwerde wurde deshalb als unbegründet zurückgewiesen.

  • Stadtwerke-Aufsichtsrat schreibt als freier Mitarbeiter über die eigenen Windpark-Pläne

Wegen eines Verstoßes gegen das Gebot zur Trennung von Tätigkeiten gemäß Ziffer 6 in Verbindung mit Ziffer 1 des Pressekodex wurde der Südkurier gerügt. Die Zeitung hatte einen Artikel zu einem geplanten Windpark von einem freien Mitarbeiter schreiben lassen, dem aufgrund seiner Tätigkeiten als Lokalpolitiker und im Aufsichtsrat der am Windpark beteiligten Stadtwerke ein massiver Interessenskonflikt bei dem Thema zu unterstellen war. Die Redaktion hätte daher einen anderen Mitarbeiter beauftragen oder zumindest den Lesern den Interessenkonflikt offenlegen müssen. Dabei war die Qualität des Artikels unter der Überschrift "Betreiber wird Windkraftanlagen bauen" unerheblich. Das Gremium betonte, dass bereits der Anschein, die Berichterstattung könnte interessengeleitet sein, geeignet sei, das Ansehen der Presse massiv zu schädigen.

  • Redaktion zeigt Porträtfoto einer verunglückten Familie

Bild wurde gerügt für die Veröffentlichung eines Opferfotos ohne Einwilligung der Angehörigen. Unter der Überschrift "Ganze Familie stirbt in diesem Autowrack" veröffentlichte die Redaktion ein Porträtfoto einer bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommenen Familie. Es lag in den Augen des Presserats weder ein öffentliches Interesse an der identifizierbaren Darstellung der Opfer vor, noch hatten die Angehörigen eine Einwilligung erteilt. Am Vortag hatte die Redaktion unter der Überschrift "Ganze Familie stirbt bei Fahrt in den Urlaub" bereits ein Foto des Autowracks gezeigt. Auch hier waren die Betroffenen identifizierbar, da das Nummernschild des Unfallwagens erkennbar war. Der Presserat beurteilte die Berichterstattung als einen schwerwiegenden Verstoß gegen den Opferschutz nach Ziffer 8, Richtlinie 8.2 des Pressekodex.

  • Facebook-Eintrag kein Freibrief für Verwendung von Opferfotos

Ebenfalls als Verstoß gegen den Opferschutz wertete der Presserat die identifizierende Darstellung einer Frau, die im nordrhein-westfälischen Voerde vor einen Zug gestoßen worden war. Unter der Überschrift "Gleiskiller wegen Diebstahls und Körperverletzung bekannt" hatte Bild.de Vornamen sowie die abgekürzten Nachnamen von Täter und Opfer genannt und jeweils ein Foto von ihnen veröffentlicht. Die identifizierende Darstellung des Täters sei von einem öffentlichen Interesse gedeckt, da ihm eine außergewöhnlich schwere Straftat zur Last gelegt wird, betonte der Presserat.

Einen groben Verstoß gegen den in Richtlinie 8.2 formulierten Opferschutz sieht das Gremium aber in der Abbildung und Namensnennung der getöteten Frau, da diese weder eine Person des öffentlichen Lebens war, noch ihre Angehörigen der Verwendung zugestimmt hatten. Die Platzierung des deutlich größeren Täterporträts in Macho-Pose neben dem kleineren Foto der Frau sei zudem dazu geeignet, die Angehörigen extrem zu belasten. Obwohl der Ehemann auf Facebook offen mit dem Verlust seiner Frau umgegangen war, bedurfte es für die redaktionelle Verwendung der Fotos nach Meinung des Presserats einer aktiven Einwilligung.

Der Presserat betont in diesem Zusammenhang: "Die Veröffentlichung von Fotos und Angaben zu Opfern durch die Angehörigen in sozialen Netzwerken ist nicht gleichzusetzen mit einer Zustimmung zu einer identifizierenden Darstellung in den Medien."

  • Statistik

Abschließend die kompletten Ergebnisse der Dezember-Sitzungen des Presserats in Berlin: vier öffentliche Rügen, acht Missbilligungen und zehn Hinweise. Die Ausschüsse bewerteten drei Beschwerden als begründet, verzichteten jedoch auf eine Maßnahme. 48 Beschwerden wurden als unbegründet erachtet.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.