Update 29.04.2026 - 20:14 Uhr

Jubel und Zweifel – Wie geht’s weiter mit dem Wal?

Der Wal ist auf dem Weg zur Nordsee - und viele Menschen jubeln. Die Reaktion mag verständlich sein. Doch sehr wahrscheinlich wird das geschwächte Tier nun im offenen Meer sterben, sagen Experten.

In eine Art stählernes Aquarium gesperrt wird der Poeler Buckelwal nach Wochen im Flachwasser Richtung Nordsee geschleppt. Dort soll er vom Kahn schwimmen – wo genau, stand nach Angaben der Privatinitiative hinter dem Transport zunächst nicht fest. Vor der Abfahrt konnte der Eindruck entstehen, die gesamte Aktion könne mit dem Verladen des Wals schon als geglückt gelten. Doch stimmt das? Ein Überblick über die Lage:

Ende gut, alles gut?

Jubel, Umarmungen, Tränen: Nachdem der Wal am Dienstag erfolgreich in die Barge getrieben war, konnte man den Eindruck gewinnen, die Aktion sei nun mit vollem Erfolg abgeschlossen. „Der Versuch ist gelungen“, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus auch am Mittwoch noch einmal. Tatsächlich war das Verladen aber nur ein Zwischenschritt: Noch muss der Wal den tagelangen Transport um die Nordspitze Dänemarks herum durch das Skagerrak überstehen – und vor allem muss er langfristig überleben.

Nach der langen Liegezeit sei fraglich, ob der Wal noch normal schwimmen und tauchen könne, sagte der Walforscher und Meeresbiologe Fabian Ritter. Auch die Frage nach der Nahrungsaufnahme stelle sich wegen der in seinem Maul gefundenen Netzteile.

Aus Gewässern vor Großbritannien und Kanada sei bekannt, dass Bartenwale, die Netzreste in ihren Barten haben, die Nahrungsaufnahme vollständig verweigern, hieß es vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund. „In diesen Gebieten strandeten auch Bartenwale, die große Mengen an Netzresten im Magen hatten, was die Nahrungsaufnahme ebenfalls verhinderte.“

Was vermuten Experten zum Ausgang?

Der Poeler Buckelwal war Anfang März erstmals in der Ostsee gesehen worden. In den etwa 60 Tagen seither lag er zu rund zwei Dritteln der Zeit in Flachwasserzonen. 

„In verschiedenen Regionen der Welt ist dokumentiert, dass Großwale bei ausgeprägter Erschöpfung vermehrt flache Küstengewässer mit weichem Untergrund aufsuchen“, erklärte das Deutsche Meeresmuseum. Als der Wal sich noch frei in den Gewässern von Mecklenburg-Vorpommern bewegt hat, suchte er bereits ausschließlich Küsten- und Flachwassergewässer auf.

Die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) betont: „Von einer Rettung kann man erst sprechen, wenn sich der Wal zurück im Nordatlantik befindet und dort langfristig überlebt; sich seine Haut wieder vollständig erholt hat; er wieder eigenständig auf Nahrungssuche geht und an Gewicht zunimmt; und seinem natürlichen Verhalten nachgeht.“

Nach WDC-Einschätzung hat der Wal keine langfristigen Überlebenschancen. Das Tier werde nach dem Freisetzen kaum überleben, hieß es auch von der Internationalen Walfangkommission (IWC). 

Wo soll der Wal freigesetzt werden?

Letzter Stand war nach Angaben aus dem Team der Privatinitiative, dass der Wal in der Nordsee ins Wasser gelassen werden soll - wo genau, stehe noch nicht fest. Experten sehen große Risiken für das Tier: „Es ist sehr geschwächt und findet im offenen Meer keine Möglichkeit, sich abzulegen“, hieß es vom Meeresmuseum. Es bestehe die Gefahr, dass es ertrinke.

Auch die WDC-Experten sind der Ansicht, dass mit dem Hinaustreiben die wirklich heikle Phase bevorsteht. „Uns ist nicht bekannt, wie die Freilassung und Wiedereingliederung des Wals in seinen eigentlichen Lebensraum genau geplant ist“, hieß es. „Ohne weitere Informationen dazu wirkt es aktuell so – und hier verwenden wir ein Bild, um es zu veranschaulichen – als würde man jemanden, der sich wochenlang im Hospiz befand, nun vor die Tür setzen und sich selbst überlassen.“ Es sei zu hoffen, dass die private Initiative für die Freisetzung ein Konzept entwickelt hat.

Nach der Rückreise vom Äquator zögen die Buckelwale, zu deren Population der Poeler Wal gehöre, in die kalten Gewässer des Nordatlantiks. „Wenn er in der Nordsee freigelassen wird, steht ihm somit noch eine Weiterreise in den Atlantik bevor, die er eigenständig schaffen muss“, erklärte WDC. Insbesondere die Nordsee berge viele Gefahren wie Lärm, Fischerei und Schiffsverkehr. „Aber auch im Atlantik sind Wale und Delfine nicht sicher vor menschlichen Aktivitäten.“

Wie geht es dem Tier aktuell?

„Pudelwohl“ fühle der Wal sich in der Barge, verlautbarte Backhaus, nachdem das geschwächte Tier erfolgreich in das Stahlbecken getrieben war. So manchem Experten dürften ob dieser Bemerkung die Haare zu Berge gestanden haben.

Der Gesundheitszustand des Wals sei grundsätzlich schon nicht gut, sagte Meeresbiologe Ritter. „Das sagen alle, auch die Befürworter der Rettungsaktion.“ Es gebe eine lange, traumatische Vorgeschichte. Das Tier habe sich in Netzen verfangen, sei wochenlang herumgeirrt und habe fünf Selbststrandungen hinter sich. „Das sind deutliche Zeichen, dass der Wal alles andere als fit ist.“ 

Das beobachtete Verhalten des Tieres sei insgesamt stark passiv, hieß es auch vom Meeresmuseum. „Im Vergleich dazu zeigen gesunde Bartenwale, insbesondere Buckelwale, ein deutlich aktiveres Bewegungs- und Verhaltensrepertoire, einschließlich dynamischer Schwimm- und Sprungbewegungen.“

Nach dem anhaltenden Trubel direkt am Wal in den vergangenen zwei Wochen könnte der Transport das Tier noch einmal mehr stressen, ist Ritter überzeugt. „Was mir Sorgen macht, ist die Lautstärke“, sagte er. Am Vormittag fuhr der Schlepper mit dem Stahlbecken zum Beispiel durch den vielbefahrenen Fehmarnbelt. Wale und Delfine lebten in einer Welt des Schalls. „Die sind da extrem empfindlich.“ Der mehrtägige Transport sei so, als würde man einem Menschen drei Tage lang eine helle Lampe ins Gesicht halten, sagte er.

Von WDC hieß es: „Viele Wildtiere entwickeln unter solchen Bedingungen eine Fangmyopathie – ein stressbedingter Muskelabbau, der durch extreme Anstrengung, Angst, Einfang oder Transport entsteht.“

Werden wir das weitere Schicksal verfolgen können?

Zunächst wurde der Wal mit einem Sender ausgestattet, der unter Wasser nicht funktioniert. Die Privatinitiative gab an, mit einem neuen GPS-Sender nachzubessern. Ohne funktionierenden Sender droht unbemerkt zu bleiben, würde das geschwächte Tier binnen Tagen oder Wochen nach dem Freisetzen verenden.

Die Informationen, wo sich der Wal befinde, würden aber nur den Teammitgliedern der Privatinitiative und dem Schweriner Umweltministerium zur Verfügung gestellt, sagte die Rechtsanwältin der Initiative, Constanze von der Meden. Es solle vermieden werden, dass Menschen losführen und nach dem Wal schauten.

Eine langfristige vollständige Dokumentation sei für die Einschätzung der gesamten Maßnahme essenziell, hieß es vom Meeresmuseum. „Insbesondere die öffentliche Verfügbarkeit der Trackerdaten in Echtzeit sowie Live-Videomaterial vom Wal während des Transports und während der Freilassung sind grundlegend für eine transparente Vorgehensweise und um wertvolle Erfahrungen für zukünftige Bergungen sammeln zu können.“ Auch das IWC Strandings Expert Panel der Internationalen Walfangkommission betonte die Wichtigkeit solcher Daten, unter anderem um die Intervention im Nachhinein aufzuarbeiten.

Eine langfristig erfolgreiche Rettung ließe sich vermutlich daran festmachen, dass der Wal in den nächsten Jahren in seinen nördlichen Nahrungsgründen, südlichen Paarungsgebieten oder auch dazwischen, während seiner Wanderungen, gesichtet und mittels Foto-ID eindeutig identifiziert werde, hieß es von WDC. „Das wäre ein klares Indiz dafür, dass er seinem natürlichen Verhalten nachkommt.“

© dpa-infocom, dpa:260429-930-7063/11

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