17.01.2020 - 19:56 Uhr
SchmidmühlenDeutschland & Welt

Oberpfälzer Bauern hoffen auf China

Steigende Kosten, fehlende Nachfolge: Kurz vor der Grünen Woche in Berlin haben die Oberpfälzer Landwirte Gesprächsbedarf. Das wird beim Stallgespräch am Brunnhof in Schmidmühlen deutlich.

Stallgespräch vor der Grünen Woche: (von links) Milchbauer Bernhard Wiesner, Kreisobmann Peter Beer, Vize-BBV-Bezirkspräsident Ely Eibisch, Landwirt Martin Bäuml, Kreisbäuerin Brigitte Trummer und Hofherrin Heidi Wiesner.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Vor dem Sprung zur Grünen Woche am Wochenende in Berlin rüsten sich Ely Eibisch, der stellvertretender Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbandes (BBV), Kreisobmann Peter Beer und Kreisbäuerin Brigitte Trummer für politische Gespräche in der Hauptstadt.

"Der Bezirksverband fährt immer mit einem Bus hoch", sagt Ely Eibisch, das ist eine wichtige Plattform, bei der Bayern eine eigene Halle hat, alle anderen nur einen Stand." Die ganze Welt ist dort zu Besuch, jeder möchte sich präsentieren. Auch Gäste aus dem fernen China, die Eibisch als potenzielle Kunden identifiziert hat: "Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger erzählt von seinem China-Besuch, die wachsende Mittelschicht schreie nach Produkten ,Made in Bavaria' - Autos sowieso, aber auch Lebensmittel."

Wie jetzt? Gerade erst scheint die Philosophie regionaler Erzeugung und Wertschöpfung beim Verbraucher anzukommen, jetzt suchen Oberpfälzer Landwirte nach Absatzmöglichkeiten im Reich der Milliardäre? Nicht dass der Export heimischer Nahrungsmittel Neuland für den Bauernverband wäre. Neu ist vielmehr der Fokus auf Qualitätsprodukte statt billige Massenware wie Milchpulver. Während hierzulande Discounter den Preis bestimmen - regional, ökologisch oder Tierwohl hin oder her - sind neureiche Chinesen bereit, den Preis des Mehrwertes zu bezahlen.

Kosten verdoppelt, Preis gleich

Die Diskussion zeigt vor allem, wie verzweifelt die Lage der Familienbetriebe in der Oberpfalz inzwischen ist. Beim Stallgespräch am Brunnhof in Schmidmühlen wird der Existenzkampf spürbar: "Die Kosten haben sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt", sagt Milchviehhalter Bernhard Wiesner, "aber wir bekommen noch immer den gleichen Preis." Und das bei ständig wachsenden Anforderungen: "Die meisten Flächen sind gepachtet", schildert Wiesner, "Preis steigend. 50 Prozent befinden sich im FFH-Gebiet, viele Flächen grenzen an Gewässer, wo die Bewirtschaftung stark eingeschränkt ist."

Die Landwirte betonen: "Wir haben doch nichts gegen Umwelt- und Insektenschutz, wir legen selbst wert auf das Wohl unserer Tiere und wollen unseren Kindern einen gesunden Hof übergeben." Aber genau da liegt das Problem: "Die Jungen winken doch ab, die wollen sich das doch nicht mehr antun", sagt Nachbarbauer Martin Bäuml aus Galching.

Leben von der Substanz

"Dass es uns noch gibt", erklärt BBV-Vertreter Eibisch, "liegt daran, dass wir von der Substanz leben." Er selbst könne nur überleben, weil er die radikal reduzierte Landwirtschaft um Biogas und eine Gastwirtschaft ergänzt habe. Ans Wunder vom gerechten Preis glauben die Erzeuger längst nicht mehr: "Das sind zwei Prozent", sagt Bäuml kopfschüttelnd über Verbraucher, die bereit sind, einen mehr als kostendeckenden Preis für fair produzierte Produkte zu bezahlen.

Von der Regierungspolitik fühlen sich die Bauern verraten: "Da reden die Politiker einerseits von Klimaschutz und dann schließen sie ein Freihandelsabkommen mit Mercosur, der südamerikanischen Freihandelszone." Die Folge: "Unsere nach höchsten Umwelt- und Tierwohlstandards erzeugten Produkte haben den gleichen Marktwert wie die aus Südamerika - wo Düngeverordnung oder Tierwohl kaum eine Rolle spielen, wo Urwald gerodet und auf doppelter Fläche angebaut wird." Und anschließend transportiere man sie um die halbe Erde. Auf der Grünen Woche wollen Eibisch und Co. solche Widersprüche ansprechen und sich für lukrative Angebote aus aller Welt öffnen: Für Kunden, die die Oberpfälzer Qualität nicht nur zu schätzen, sondern auch zu bezahlen wissen.

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A. Schmigoner

Der Bericht offenbart die krude Strategie und Politik des DBV und des BBV. Seit Jahrzehnten setzen sich die Bauernverbandsfunktionäre mit Hilfe der Politik für ein System des „Wachsens oder Weichen“ ein. Alle DBV und BBV-Funktionäre waren und sind aufs engste mit der Lebensmittel-, Futtermittel-, und Landtechnikindustrie verbandelt. Die jetzige, fatale Lage der kleinen bayerischen Familienbetriebe ist das Ergebnis der eigenen Verbandspolitik. Letztendlich kann man aber nur einem Herrn dienen. Unterstützung erfährt die Funktionärsriege durch wohlfahrige Politiker, die ein Fördersystem etabliert haben, das auf billige, industrielle Lebensmittelproduktion setzt und Großbetriebe begünstigt. Das Ende der Milchquote führte zu einer Überproduktion bei Milch und Milchprodukten und zu einem weiteren Preisverfall. Der Export nach China soll nun also die Lösung bringen. Minister Aiwanger bestärkt die Bauern auch noch in ihrem Irrweg („Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger erzählt von seinem China-Besuch, die wachsende Mittelschicht schreie nach Produkten, Made in Bavaria' - Autos sowieso, aber auch Lebensmittel"). Dabei beklagten der DBV und der BBV stets die Billigimporte aus dem Ausland und das jüngste Handelsabkommen mit Südamerika! Die deutsche Industrie hat bereits ausreichende Erfahrung mit den tückischen Handelsbeziehungen zu China. Aus dem einstigen Entwicklungsland ist eine ernsthafte Konkurrenz geworden. Inzwischen hat China riesige landwirtschaftliche Flächen in Asien und Afrika „gepachtet“, um seine Bevölkerung selbst zu versorgen und der BBV wird sich auf die Suche nach neuen Absatzmärkten für seine hochsubventionierten Überschüsse machen müssen.

19.01.2020