27.02.2019 - 18:34 Uhr
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FSME: Mit einem Stich fast alles weg

Egon Lorenz ist Hufschmied, ein Baum von einem Mann. Doch 2016 war es plötzlich vorbei mit Kraft und Energie. Eine Zecke hatte den 56-Jährigen mit dem FSME-Virus infiziert. Die Geschichte eine langen Leidenszeit.

Heute hat Egon Lorenz wieder alles im Griff. Nach einem Zeckenbiss im Sommer 2016 war die Gesundheit des Hufschmieds schwer angeschlagen.
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Im Interview erzählt Egon Lorenz, mit welch unscheinbarem Ereignis sein Leiden begann, wie hart der Weg zurück war und weshalb er eine regelrechte Impfwelle in seinem Bekanntenkreis ausgelöst hat.

ONETZ: Herr Lorenz, Sie sind 2016 von einer Zecke gebissen worden, was ist passiert?

Egon Lorenz: Ich war bei Waldarbeiten. Es war Sommer und warm, ich trug eine kurze Hose. Plötzlich bemerkte ich an meinem Schienbein eine Zecke, die dort aber höchstens eine halbe Stunde gesaugt haben konnte. Ich entfernte sie, machte mir weiter keine Gedanken. Wir leben hier mit und in der Natur, da sind Zecken nichts Ungewöhnliches.

ONETZ: Wann haben Sie gemerkt, dass der Stich Folgen für Sie hatte?

Egon Lorenz: Ungefähr drei Wochen später saß ich an einem Freitagabend während der Feldarbeit auf meinem Trecker und fühlte mich plötzlich unglaublich müde. Ich wollte nur kurz die Augen schließen, schlief jedoch ein und wachte erst wieder vom Hupen des Mähdrescherfahrers auf. Da muss ich ungefähr eine halbe Stunde richtig tief geschlafen haben. So was war mir noch nie passiert. Ich wollte weiterarbeiten, fühlte mich aber überhaupt nicht gut. Ich hab noch gedacht, nach ein wenig Schlaf würde ich mich am nächsten Morgen besser fühlen. Mein Zustand verschlechterte sich an diesem Wochenende jedoch so sehr, dass ich gleich Montag früh zum Hausarzt ging. Ich hatte hohes Fieber, Kreislaufprobleme und konnte nichts essen.

ONETZ: Erkannte Ihr Arzt das Problem?

Egon Lorenz: Aufgrund meiner Symptome tippte er auf Sommergrippe und verschrieb mir entsprechende Medikamente. Die schlugen allerdings nicht an, stattdessen verschlechterte sich mein Zustand weiter. Zwei Tage später ging ich wieder zum Arzt, der mich dann direkt nach einem Zeckenstich fragte. Als ich ihm vom Zeckenbiss erzählte, war für ihn klar, dass ich ins Krankenhaus muss, um mich auf FSME testen zu lassen.

ONETZ: Was passierte dann?

Egon Lorenz: Ich wurde sofort stationär aufgenommen. Die Ärzte entnahmen mir durch eine Rückenmarkpunktion Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit, um eine Entzündung des zentralen Nervensystems feststellen zu können. Die Ergebnisse kamen nach einigen Tagen und bestätigten den Verdacht meines Hausarztes: Ich hatte FSME.

ONETZ: Wie haben Sie sich gefühlt, als die Diagnose FSME feststand?

Egon Lorenz: Ich war schockiert, bis dahin war ich nie ernsthaft krank. Auch für meine Familie war die Diagnose ein Schock. Gegen FSME gibt es keine Medikamente, kein Arzt konnte nicht sagen, ob und wann es mir bessergehen wird. Da wurde mir bewusst, dass das Leben schnell vorbei sein kann. Dieser Gedanke macht Angst.

ONETZ: Wie ging es dann weiter?

Egon Lorenz: Ich hatte Glück, nach einigen Tagen stabilisierte sich mein Zustand. Allerdings kamen plötzlich Koordinationsstörungen dazu, und auch meine Feinmotorik funktionierte nicht mehr richtig. Dagegen konnten die Ärzte nichts ausrichten. Mein Körper musste sich selbst heilen. Zu Hause sollte ich mich weiter erholen.

ONETZ: Was hat die Diagnose bedeutet, und leiden Sie unter Spätfolgen?

Egon Lorenz: Zu merken, dass der eigene Körper nicht mehr das macht, was man möchte, war furchtbar. Anfangs konnte ich keine acht Meter geradeaus gehen, war nicht in der Lage, mit einer Hand ein Gummiband über zwei Holzdübel zu spannen. Bis zu meiner FSME-Erkrankung hatte ich meine Pferde praktisch blind beschlagen, Hufnägel in einer Hand sortieren und zurechtlegen können – das Feingespür war weg. Wenn man sein Leben lang handwerklich gearbeitet hat, dann setzt eine solch Einschränkung der Psyche zu.

ONETZ: Sie sind Hufschmied und viel draußen unterwegs – haben Sie damals erwogen, den Beruf aufzugeben?

Egon Lorenz: Tatsächlich dauerte es fast ein ganzes Jahr, bis ich mich wieder halbwegs gesund fühlte. Insbesondere meine körperliche Leistungsfähigkeit war lange stark eingeschränkt. Aber ich liebe meinen Beruf, in den ich vor über 40 Jahren praktisch reingerutscht bin. Damals kam ich gerade aus der Wehrdienstzeit zurück, und mein Schwiegervater, der Hufschmied war, brauchte einen Lehrling. Ich habe meine Entscheidung nie bereut, weil die Arbeit sehr abwechslungsreich ist.

ONETZ: Hat sich nach der Erkrankung Ihr Verhältnis zum Draußensein, zu Natur und Zecken verändert?

Egon Lorenz: Nein. Die Weite und das Idyll hier bei uns in der Oberpfalz gibt mir noch immer ein Gefühl von Freiheit. Zu sehen, was die Natur zu leisten vermag, wie zum Beispiel aus einem Keimling eine ausgewachsene Pflanze wird, das ist für mich jedes Mal aufs Neue einzigartig. Meine Familie und ich leben hier sehr intensiv mit der Natur und sind gleichzeitig auf sie angewiesen. Das macht einen demütig und regt zumindest mich immer wieder dazu an, aktiv Naturschutz zu betreiben. Und was die Zecken betrifft, treffe ich Vorsichtsmaßnahmen.

ONETZ: Welche Vorsorgemaßnahmen?

Egon Lorenz: Wenn ich draußen unterwegs bin, suche ich mich zwischendurch immer wieder nach Zecken ab und trage nach Möglichkeit auch lange Kleidung. Außerdem sind jetzt alle in meiner Familie gegen FSME geimpft . Ich habe in meinem Umkreis sogar eine Impfwelle ausgelöst – viele meiner Kunden waren von meiner Erkrankung so erschrocken, dass sie sich impfen ließen. Wenn der Hufschmied, der einem seit Jahrzehnten die Pferde beschlägt und nie krank war, plötzlich monatelang mit einer schlimmen Krankheit ausfällt, dann ist die Gefahr, die von der FSME ausgeht, wohl viel näher, greifbarer.

ONETZ: Welche Tipps haben Sie für Leute, die sich mit Zecken, Zeckenvorsorge und FSME beschäftigen wollen?

Egon Lorenz: Nehmen Sie die Warnungen ernst, denn Zecken können winzig klein sein und werden schnell übersehen. Treffen Sie Vorsorgemaßnahmen, wie das Tragen langer Kleidung und denken Sie daran, sich nach jedem Aufenthalt draußen nach Zecken abzusuchen. Informieren Sie sich auch über FSME-Risikogebiete – hier bei uns in Bayern gehören leider fast alle Landkreise dazu – und lassen Sie sich wegen einer Impfung bei Ihrem Hausarzt beraten. Und zu guter Letzt: Vergessen Sie Ihre Haustiere nicht! Unsere Pferde sprühen wir zum Beispiel mit Anti-Zecken-Mittel ein, der Hund bekommt regelmäßig ein Anti-Zecken-Mittel in den Nacken geträufelt. Ohne diese Mittel wäre ich den ganzen Tag nur damit beschäftigt, Zecken aus ihrem Fell zu entfernen.

Dr. Thomas Holtmeier zu FSME und Borreliose: Vorsicht ja, Panik nein:

Eine FSME-Impfung sei durchaus sinnvoll, sagt Dr. Thomas Holtmeier. Allerdings gebe es keinen Grund zur Panik, schiebt der Chef des Gesundheitsamts Weiden/Neustadt hinterher. Empfohlen sei die Impfung bei Menschen, die viel in Wald und Flur unterwegs sind. Andererseits habe es im „Rekordjahr“ 2018 deutschlandweit „nur“ 583 dokumentierte FSME-Fälle gegeben, in Bayern waren es 224, in Weiden und dem Landkreis Neustadt 11. „Über die Jahre treten zudem große Schwankungen auf“, sagt Holtmeier. Es sei anzunehmen, dass der schöne Sommer 2018 eine Rolle spielt. Wenn Menschen draußen sind, steige das Risiko.

Wobei eine Infektion mit dem FSME-Virus nicht automatisch Krankheit bedeutet. „Viele Menschen bemerken gar keine Symptome.“ Bei anderen fallen sie unscheinbar aus, werden mit einer Sommergrippe verwechselt. Seltener greifen die Viren wie bei Egon Lorenz das Nervensystem an, was bis zu Lähmungserscheinungen führen kann, im Extremfall fällt der Patient ins Koma. Abgesehen von der Impfung gibt es keine Medikamente gegen die Krankheit.

Genau anders herum ist es bei der Borreliose. Gegen die Bakterien hilft keine Impfung, im Frühstadium lässt sie sich aber gut durch Antibiotika behandeln. Zu erkennen ist Borreliose durch einen roten Kreis um die Stichstelle, der manchmal wächst und sich farblich verändert. Wird die Erkrankung nicht behandelt, breiten sich die Bakterien im Körper aus und können Entzündungen hervorrufen. 2018 gab es in Bayern 4993 gemeldete Fälle, davon 454 in der Oberpfalz.

Holtmeier empfiehlt, es den Zecken möglichst schwer zu machen: durch lange Kleidung oder indem hohes Gras und Gebüsch meidet. Entdeckt man doch eine Zecke am Körper, entfernt man sie mit einer Pinzette oder Zeckenzange. „Nicht drehen, Zecken haben ja kein Gewinde“, sagt Holtmeier. Auch von „Hausmitteln“ wie Klebstoff aufs saugende Tier zu geben, hält Holtmeier nichts. „Lieber die Einstichstelle desinfizieren und anschließend beobachten.“ Wenn man den Eindruck halt, dass man nicht ganz Zecke entfernen konnte, dass sollte man zum Hausarzt gehen. (wüw)

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