26.06.2019 - 18:11 Uhr
SchönseeDeutschland & Welt

Aus Eisernem Vorhang wird Grünes Band

Wo liegen die Perspektiven im Jahr 30 nach dem Fall des Eisernen Vorhangs? Darauf gab das 4. Partnerforum der Regionalkooperation Oberpfalz – Pilsen am Dienstag im Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) in Schönsee eine klare Antwort.

Exkursion zur Bügellohe. Erinnerungsort im zukünftigen Grünen Band. Vorne Maria Hammerer als Erzählerin.
von Hans EibauerProfil

Die Botschaften des Partnerforums am letzten Dienstag sind: Intelligente Wirtschaftskooperationen, am besten im Verbund mit bayerischen und tschechischen Hochschulen, Intensivierung von Begegnungsinitiativen zusammen mit Kulturprojekten und das Grüne Band als ökologischer Lebensraumverbund im schmalen Streifen des ehemaligen Eisernen Vorhangs.

Das Grüne Band (international Green Belt) zieht sich über 12.000 km vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer durch 24 Staaten. Experten sehen in dem Streifen entlang der Ost-Westgrenze, in Zeiten des Kalten Kriegs von Stacheldraht und Wachtürmen beherrscht, den längsten Lebensraumverbund der Welt. Einige Länder haben schon sehr früh erkannt, welche ökologisches Potenzial im ehemaligen Grenzstreifen schlummert. Wie Dr. Christian Barth, Amtschef des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz, bei der Vorstellung der Machbarkeitsstudie „Grünes Band Oberpfalz – Tschechien“ im CeBB betonte, wollen Bayern und Tschechien die Lücke in diesem „unverzichtbarer Stück Naturheimat, in dieser grüne Oase, in dieser Zone unberührter Natur“ zwischen Thüringen und Oberösterreich schließen.

Partner und persönliche Freunde. Regierungspräsident Axel Bartelt (rechts) und der oberste Repräsentant der Region Pilsen, Hejtman Josef Berard, mit einer tausendfach in beiden Regionen verteilten Karte mit den Kulturhighlights auf beiden Seiten.

Dazu hat der Ministerrat bei seiner Oberpfalzsitzung am 4.4.2017 beschlossen, eine Machbarkeitsstudie in Auftrag zu geben. Sie stellte das beauftragte Planungsbüro Blum aus Freising am Dienstag vor. Biotopverbund, Biodiversität, Kulturlandschaft und naturbezogener Tourismus sind die wichtigsten Säulen in dem schmalen Korridor, der auf bayerischer Seite oft nur einige hundert Meter, auf tschechischer Seite ein paar Kilometer tief ist. Experten aus beiden Nachbarregionen identifizierten in der Untersuchung Schwerpunkträume mit detaillierten Angaben zu möglichen Trägern, Partnern und zur Finanzierung, die Entwicklung immer im grenzüberschreitenden Verbund. Niedermoore, Naturwaldzellen, Fließgewässer sind der Kern eines Biotopnetzes in einem „offenen Grünen Band“, zu dem auch der Bayerische Bauernverband seine Zustimmung signalisiert hat. „Soweit die Festlegungen nicht über die Köpfe der dortigen Bauern hinweg erfolgen“, wie der Oberpfälzer BBV-Präsident Josef Wutz in seinem Statement bekräftigte.

Generalkonsulin Kristina Larischová bei ihrem Grußwort, im Vordergrund der Projektverantwortliche Heinrich May, Regierung der Oberpfalz

Für die Grenzgemeinden liefert die Machbarkeitsstudie sehr konkrete Vorschläge unter der Überschrift „Geschichte erleben“. Öffentliche und gemeinnützige Träger können auf Fördermittel hoffen, um Erinnerungsorte, historische Handelswege, militärgeschichtliche Stellungen, Landmarken (Burgen, Wachtürme) für den sanften Tourismus zu nützen. Neualbenreuth sieht mit der Einbeziehung des Tillenberg seine Chancen steigen, für das Sibyllenbad das angestrebte Zertifikat „Naturnahes Heilbad“ zu bekommen. Dritter Bürgermeister Alfred Wolf, Bärnau, bezeichnete das Grüne Band als große Chance für die Silberhütte, das von der Stadt erworbene Objekt zu einem europäischen Naturverständniszentrum auszubauen. Die Kulturlandschaft Schönseer Land wird in der Studie als Ort für ein Info- und Besucherzentrum genannt. Ein Themenweg „Grenze erleben“ könnte Friedrichshäng, Plöß, Wenzelsdorf und die Bügellohe verbinden, bereichert von den ersten Land Art Kunstobjekten aus Studentenworkshops. Bund Naturschutz Referentin Dr. Liana Geidezis signalisierte starke Unterstützung des BUND und brachte die Bewerbung als nationales UNESCO-Naturmonument ins Spiel.

Mit dem 4. Partnerforum schloss das dreijährige Projekt „Oberpfalz und Region Pilsen. Gemeinsam in der Mitte Europas“. Die ganztägige Konferenz im CeBB mit über 130 Akteuren der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit eröffnete Regierungspräsident Axel Bartelt, der sich begeistert zeigte von der „immer enger und besser werdenden Zusammenarbeit der Nachbarregionen Oberpfalz und Pilsen“. Das Treffen bilanzierte von seinen sieben Arbeitsgruppen initiierte und diskutierte Projekte, die mit der dreijährigen Förderperiode enden, doch in neuer Thematik und geeint im europäischen Geist Fortsetzung finden werden. Dazu soll auch eine Präsentation der Partnerregionen Oberpfalz und Pilsen am 12. September in Brüssel beitragen, bei der Bezirkstagspräsident Franz Löffler, Generalkonsulin Kristina Larischová, Regierungspräsident Axel Bartelt, der Pilsner Hejtman Josef Bernard mit Kommunalpolitikern und Engagierten von beiden Seiten Flagge zeigen und Werbung für weitere Förderung machen wollen. Geld in Brüssel wird durch den Brexit knapper, die Regionalförderung könnte darunter leiden, vor allem für Regionen mit guten Wirtschaftsdaten, wie Joachim Menze, Leiter der Vertretung der EU-Kommission in München, ausführte. Um das zu verhindern, ziehen IHK, Handwerkskammer, Mandatsträger, der Freistaat, Staatsbehörden, Hochschulen, Schulen, NGO's und die vielen ehrenamtlichen Akteure an einem Strang. Die EU-Förderung hat viel zur Prosperität in unseren ländlichen Räumen beigetragen, das soll sich in der neuen Periode 2021 – 2027 fortsetzen.

Über 130 Gäste verfolgten das 4. Partnerformum, das wichtigste grenzüberschreitende Treffen Oberpfalz Pilsen in diesen Jahr. Am Rednerpult Generalkonsulin Kristina Larischová bei ihrem Grußwort

Emotionale Moment erlebte das Partnerforum bei der Exkursion zur Bügellohe in der Mittagspause. Regierungspräsident Axel Bartelt setze mit dem Besuch des letzten noch erhaltenen Anwesens an diesem vom Leid der Vertreibung geprägten Ort vor Hejtman Josef Bernard und einem großen Kreis von bayerischen und tschechischen Konferenzteilnehmern bewusst ein Zeichen der Versöhnung. „Wichtig ist, dass sowas nie wieder passiert“ war die Botschaft der Maria Wachter als letzte Worte in einer gespielten Szene, die alle beeindruckte. „Ich bitte dich darum, lieber Josef, bei einem meiner nächsten Besuche in Pilsen, gemeinsam an einen Ort zu gehen, an dem umgekehrt wie hier Unrecht von Deutschen an Tschechen ausgeübt wurde“ sagte Regierungspräsident Axel Bartelt zum Pilsener Hejtman Bernard, der diesen Wunsch als ehrliche Geste der Versöhnung verstand. Daran anknüpfend griff der höchste Repräsentant der Region Pilsen beim abendlichen Sommerempfang in seinem Grußwort seine persönlichen Erfahrungen mit den unsäglichen Diktaturen von Nationalsozialisten und Kommunisten auf und erzählte über seine Erinnerungen an die Jahre vor 1989, als in ihm, einem unter den Kommunisten leidenden Jugendlichen, Widerstandsgefühle aufkamen, die schließlich in der „Samtenen Revolution“, getragen von Millionen Menschen, vor 30 Jahren zur Wende führten.

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