17.08.2018 - 13:54 Uhr
Deutschland & Welt

"Schreit es hinaus in alle Welt, wie es bei uns aussieht"

Während drüben die Russen kommen: Gespräche mit den Tschechen gleich beim Schlagbaum

Original-Zeitungsausschnitt von 1968
von Externer BeitragProfil

Der Morgen graut, als wir in Richtung Grenze fahren. Keiner spricht ein Wort. Nichts von all dem gewohnten Kollegenflachs; jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach. Die Russen sind in die Tschechoslowakei einmarschiert, die Ungarn, die Polen, und - wie im Oktober vor genau dreißig Jahren - die Deutschen. Der Bayerische Rundfunk sendet erste Nachrichten aus Prag. Dann drehen wir auf den Deutschlandsender; für einige Minuten, länger ist es nicht zu ertragen. An der Grenze in Waidhaus ist alles ruhig, als sei nichts geschehen.

Und doch ist die Stimmung unter den Grenzern und Zöllnern am Übergang niedergeschlagen wie wir es in all den Jahren journalistischer Arbeit an der Grenze noch nie erlebt haben. Was wir hören, ist von tiefer Niedergeschlagenheit getragen, was wir sehen, sind kreidebleiche Gesichter und Tränen. Es ist der bitterste Tag, den wir seit zwei Jahrzehnten in Waidhaus, wo wir uns schon manche Nacht um die Ohren geschlagen haben, erleben. Deutsche, Holländer, Belgier, Franzosen, Engländer, Amerikaner, Tschechen, Finnen, Dänen, Österreicher, wir fragen alle nach ihren Eindrücken. Die Russen in Prag, die Russen in Pilsen, die Russen in Eger, in Karlsbad, die Russen zwei Kilometer hinter der Grenze, zwischen Roßhaupt und Waidhaus. "Es ist drüben ein einziges Weinen", sagt uns ein Österreicher. "Freunde, das Freunde? Sagen Freunde und machen ...", stößt ein tschechischer Lastzugfahrer heraus und macht eine nicht mißzuverstehende Gebärde des Halsabschneidens. "Schreit es hinaus in alle Welt, wie es bei uns aussieht", ruft ein Tscheche zwei Österreicherinnen auf der Fahrt zur Grenze zu. "Das ist unsere Freiheit!", resigniert ein anderer und zeigt auf russische Panzer.

Niedergeschlagenheit, ohnmächtige Wut, tiefe Resignation kennzeichnen die Situationen nach all diesen Augenzeugenberichten überall in der Tschechoslowakei. "Die Russen rücken rücksichtslos vor, sie walzen alles nieder. Wir haben umgefahrene Telefonmasten gesehen mit herabhängenden Drähten, auf den Straßen liegt der von den Panzern aufgewühlte Dreck zentimeterhoch. "Es ist so, wie man es sich vorstellt, wenn der Russe kommt." Diesen Kommentar gibt der letzte Tscheche, den wir gestern über Waidhaus einreisen sahen. Vor den Geschäften drüben gibt es um die Mittagszeit lange Schlangen, die Hausfrauen kaufen, kaufen, kaufen. Drohende Fäuste gegen die einmarschierenden Russen. Hüben wie drüben hängen die Leute an den Radiolautsprechern und bangen jeder neuen Meldung entgegen. Der Russe kommt.

Der Russe kommt? Vor mehr als dreiundzwanzig Jahren war das ein Satz, der Millionen zur Flucht trieb, zur Preisgabe all dessen, was ihnen Heimat war und lieb und teuer. Gewiß, man kann die Situation von damals bei uns, nicht mit der von heute in der CSSR vergleichen. Aber das, was sich gestern jenseits der weißblauen Grenzpfähle abgespielt hat, ließ die ganze Welt den Atem anhalten. Für einen Tag, für zwei, für einige Wochen. Dann wird man sich an die neue Lage gewöhnt haben, wird zur Tagesordnung übergehen und sich um die da drüben so wenig scheren wie um den Völkermord in Biafra, um das große Sterben in Vietnam. Denn noch sind sie nicht bei uns, noch nicht ...

Was bleibt, ist Ratlosigkeit und Ohnmacht, das niederschmetternde Gefühl, tatenlos zusehen zu müssen, wie ein Volk, das sich nach Freiheit sehnt, an einem einzigen Tag von seinen sogenannten Freunden an die Kette gelegt wird. Drüben verabschiedet sich ein alter Mann. Ein tschechischer Grenzsoldat trägt ihm seine Koffer durch den Schlagbaum bis zum Grenzbach. Als ein junger Tscheche am Vormittag, drei Minuten nach neun, mit langen Sätzen sich auf deutsches Gebiet rettet, greifen die Wachsoldaten zur Maschinenpistole. Aber sie schießen nicht. Was werden sie morgen tun? Tun müssen? Wortlos wie wir hinterfuhren, fahren wir zurück. Einen Kloß im Hals. Drüben sind die Russen gekommen.

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