16.12.2018 - 19:54 Uhr
SchwandorfDeutschland & Welt

Julia wird Jay: Das dritte Geschlecht

26 Jahre lang war Jay eine Frau. Seit drei Jahren fühlt sich die Schwandorferin jedoch immer weniger weiblich. Von der Frau bis zum sogenannten dritten Geschlecht "war es ein langer Prozess".

Julia heißt jetzt Jay.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Anfang 2018 fasste Julia Schnorrer zwei Entschlüsse: Ihr Geschlecht soll nicht definiert werden. Und statt Julia - ein für sie sehr weiblicher Name - möchte sie Jay genannt werden. Das klinge neutraler. Beides hätte sie gerne amtlich - deshalb hat sie kürzlich zwei Anträge im Rathaus von Berlin-Steglitz, wo sie wohnt, abgegeben. Mehrere Jahre dauerte es, bis es so weit war.

Nach dem Abitur 2010 zog Jay nach Berlin, studierte dort Filmwissenschaften. In der Hauptstadt traf sie Leute anderer Geschlechtsidentitäten. Es gebe dort sogar Clubs speziell für diese, berichtet Jay. Im englischsprachigen Raum seien Identitäten, die vom binären System mit "weiblich" und "männlich" abweichen, noch verbreiteter. Julia fing an, sich mehr damit zu beschäftigen, ihr Geschlecht zu hinterfragen. Dabei stellte sie fest: Sie fühlt sich nicht-binär, das heißt: weder als Mann noch als Frau. Und so will sie auch leben.

Positive Reaktionen

Nicht alle reagieren sofort begeistert. "Für meine Mutter werde ich immer die Tochter bleiben", erkennt Jay, 27 Jahre. Die zwei älteren Schwestern sehen das relaxter. Im Freundeskreis gibt es keine Probleme, viele in Berlin kennen Jay nicht anders. Doch in Schwandorf ist sie immer noch Julia. Den neuen Namen "will ich den Leuten nicht aufzwingen".

Mit einem Post outet sie sich auf Facebook. Die Reaktion darauf waren meist positiv, es gibt nur einen Bekannten, der ihr "mit respektlosem Tonfall" geantwortet habe. Aber Jay will Leute nicht zur Solidarität zwingen und hatte keine Lust, mit dem Mann einen "ewig langen Diskurs" zu beginnen. Jays Empfinden ist für einige nicht leicht nachzuvollziehen. Noch komplizierter wird es, wenn sie weitere Geschlechteridentitäten aufzählt.

Geschlecht und Identität:

Mann und Frau – so einfach ist es nicht. Viele Menschen fühlen weder so noch so. Und dann wird es kompliziert. Jay Schnorrer hat einen Antrag auf Streichung des weiblichen Geschlechts im Geburtenregister gestellt. Sie erläutert die Möglichkeiten der Geschlechteridentität:

  • transgeschlechtlich: Jemand, der im falschen Körper geboren wurde und sich umwandeln lässt oder sozial im anderen Geschlecht lebt.
  • nicht-binär: Eine Person, die als Frau oder Mann geboren und erzogen wurde, sich aber weder weiblich noch männlich fühlt, und keine Geschlechtsumwandlung vornimmt.
  • binär: Menschen, die sich als Frau oder Mann sehen.
  • intergeschlechtlich: Jemand, der mit weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren wird.
  • trans* oder inter*: Alle, außer jene, die weiblich oder männlich sind und sich so identifizieren.

Auch ihre beruflichen Kontakte hat Jay informiert - und ihnen ihre neue E-Mail-Adresse mit dem neutralen Namen geschickt. Die Reaktionen waren positiv. Im Idealfall ist es dem Gegenüber sowieso egal, welches Geschlecht man hat, meint Jay. Jedem Gesprächspartner gesteht sie ihre Gefühle nicht sofort. Bei einem Flirt etwa gebe es den Moment, in dem sie sich frage: "Sage ich jetzt was?" Das habe auch mit Selbstschutz zu tun. Jay habe zwar selbst keine Diskriminierung erlebt, aber Freunde, denen es so ergangen sei.

Shoppen? Schwierig

Jay will, dass der Entschluss auch offiziell anerkannt wird. Deshalb hat sie an der "Aktion Standesamt" teilgenommen um ihren neuen Namen eintragen und das Geschlecht "weiblich" aus dem Geburtenregister streichen zu lassen. Ob die Anträge angenommen werden? "Ich kann es echt nicht einschätzen." Es spreche aber kein Grund dagegen, "die Änderungen tun auch keinem weh." Jay werde aber wohl Monate auf eine Rückmeldung der Ämter warten müssen.

Das Leben mit dem dritten Geschlecht birgt einige Tücken. Zum Beispiel beim Klamottenkauf. Jay will sich neutral kleiden, doch das ist ganz schön aufwendig. Denn gender-neutrale Kleidung ist fast nur in wenigen Nischen-Shops erhältlich. "Im Alltag ist das frustrierend, weil du ständig daran erinnert wirst: Du passt hier nicht rein." Ihre Körperform ist zwar weiblich, "aber ich habe wenig Skrupel, in die Männerabteilung zu gehen". Dort findet sie zum Beispiel Shirts mit einem witzigen Aufdruck. Oder einen taillierten Anzug samt Herrenhemd für die Hochzeit ihrer Schwester. Schuhe dagegen nicht, weil ihre Füße für "coole" Herrenschuhe zu klein sind. Sportliche Sneaker, deren Form Jay gefällt, gebe es für ihre Größe in rosa oder pink. Und das "geht gar nicht".

Vorbild Schweden

Jays Entscheidung, weder Mann noch Frau sein zu wollen, wirke sich auch auf ihr Liebesleben aus, gesteht sie. Bei Jay ist auch dieses Thema kompliziert: Die 27-Jährige ist asexuell, das bedeutet: "Beziehungen sind bei mir nur romantischer Natur, nicht sexuell." Und sie befürchtet: "Die andere Person sieht in mir eine Frau." Seit ihrem Outing hatte Jay keine Beziehung. Wichtig ist Jay: "Geschlechteridentität hat nichts mit geschlechtlicher Orientierung zu tun." Wie man sich selbst fühlt und definiert, hat nichts damit zu tun, welche Personen man attraktiv findet.

Die Einführung des dritten Geschlechts könnte bald noch weitere Auswirkungen haben. Die deutsche Sprache müsste sich an einigen Stellen anpassen, etwa bei den Personalpronomen. Bisher gibt es "er" und "sie". Wer weder Frau noch Mann ist, findet für sich selbst eine Lösung. "Die toleranteste Frage ist: 'Was sind deine Pronomen?'", erläutert Jay und beantwortet sie selbst: Sie würde "they" und "them" aus dem Englischen verwenden.

Aber das verkompliziere die Kommunikation und führe nur zu Irritationen. Für sie ist es daher in Ordnung, weiterhin mit "sie" beschrieben zu werden. "Ich habe mich damit abgefunden, dass es im Deutschen bisher kein offizielles Pronomen" gibt. Im Schwedischen hat die Regierung dagegen ein solches eingeführt. Neben "hon" (sie) und "han" (er) gibt es seit 2015 auch ein "hen" für Leute, die weder Mann noch Frau sind. Woanders klappt geschlechtsneutrale Sprache schon ganz gut: Oft heißt es "Studierende" statt "Studenten". Auch das Gender-Sternchen *, das alle Geschlechter umfasst, findet Jay gut. Und in England hat Jay gender-neutrale Toiletten entdeckt.

Hintergund:

Der Gesetzgeber hat einen neuen positiven Geschlechtseintrag im Geburtenregister beschlossen. Auch der Bundesrat hat die Regelung am Freitag gebilligt. Die wichtigsten Fragen zum Gesetz:

Was ändert sich?

Künftig kann bei der Beurkundung der Geburt auch die Geschlechtsbezeichnung „divers“ gewählt werden. Eine spätere Änderung der Zuordnung und – soweit gewollt – die Wahl neuer Vornamen ist durch eine Erklärung gegenüber dem Standesamt möglich. Minderjährige können ab Vollendung des 14. Lebensjahr selbst eine Erklärung abgeben. Sie benötigen dazu die Zustimmung der Eltern.

Warum kommt die Neuregelung?

Bereits 2013 war das Personenstandsgesetz geändert worden, um auf die Tatsache einzugehen, dass es Menschen gibt, die biologisch nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind. Allerdings führte der Gesetzgeber kein „drittes Geschlecht“ im Geburtenregister ein. Geschaffen wurde die Möglichkeit, neben „weiblich“ oder „männlich“ keine Angaben zu machen. Das Bundesverfassungsgericht hatte 2017 gefordert, bis Ende 2018 für Menschen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung einen „positiven Geschlechtseintrag“ zu ermöglichen.

Für wen gilt der Eintrag?

Das Gesetz hält am körperlichen Geschlecht fest und nicht an einer Selbsteinschätzung. Betroffene müssen ihre Geschlechtsvariante durch ein ärztliches Attest nachweisen. In besonderen Härtefällen soll auch eine eidesstattliche Versicherung ausreichen – etwa, wenn Operationen vorgenommen wurden, die nicht mehr nachgewiesen werden können.

Was heißt „körperliches Geschlecht“?

Intersexualität kann sich an den Chromosomen, den Hormonen oder den anatomischen Geschlechtsmerkmalen zeigen. Die Ausformungen sind vielfältig. In der Vergangenheit wurden zumeist in der frühen Kindheit Operationen zur Angleichung der Genitalien vorgenommen, ergänzt durch eine langfristige hormonelle Nachbehandlung.

Wie viele sind betroffen?

Das Bundesverfassungsgericht sprach von rund 160 000 Menschen in Deutschland. Die Bundesregierung geht davon aus, dass sich etwa ein Drittel nicht mit dem im Geburtenregister beurkundeten Geschlecht identifiziert und damit eine Änderungserklärung abgeben wird. Jährlich wird zudem mit etwa 1500 Neugeborenen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung gerechnet. (kna)

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