23.05.2020 - 08:16 Uhr
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Auch Männer leiden an Essstörungen: "Ich hatte regelrechte Fressattacken"

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Nicht nur Frauen erkranken an Essstörungen. Stefan aus dem Landkreis Schwandorf weiß das aus Erfahrung. Er spricht über das schlechte Gewissen nach den "Fressattacken" und über das, was er sich von seinen Freunden gewünscht hätte.

Bei einer Essstörung geht es nicht immer darum, schön sein zu wollen. Oft spielen psychische Probleme eine Rolle.
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

Wenn Stefan (Name geändert) hört, Essstörungen seien "typische Frauenkrankheiten", schüttelt er den Kopf. Denn es sind nicht nur Frauen, die mit diesen Erkrankungen zu kämpfen haben. Studien zeigen: Fünf bis zehn Prozent der an einer Essstörung leidenden Deutschen sind Männer. Stefan aus dem Landkreis Schwandorf ist einer von ihnen. Er ist heute 40 Jahre alt und kämpft seit fast 15 Jahren mit Essstörungen und zwar „in beide Richtungen“, wie er erklärt. Es gibt Phasen in Stefans Leben, in denen er ständig gegessen hat, dann wieder Zeiten, in denen er nur sehr wenig zu sich genommen hat.

Stefans Geschichte zeigt auch: Es geht bei einer Essstörung nicht immer darum, dass der Betroffene schlank und schön sein will und deswegen hungert. Der Wunsch nach dem idealen Körper ist nicht immer der Auslöser für Krankheiten wie Magersucht, Bulimie oder Binge-Eating (unkontrollierte Heißhungerattacken mit dem Verlust der Kontrolle über das Essverhalten). Oft sind psychische Probleme die Ursache.

Freundin trennt sich nach zehn Jahren Beziehung

Aber von vorne. Zurück ins Jahr 2006: „Ich hatte regelrechte Fressattacken", erinnert sich der heute 40-Jährige. Nach diesen Attacken sei dann das schlechte Gewissen gekommen. Als Auslöser nennt Stefan zwei Dinge, die ihn damals psychisch sehr belastet haben, die er mit dem Essen kompensieren wollte: Zu Beginn des Jahres beschließt er, mit dem Rauchen aufzuhören. „Was ja eigentlich positiv ist“, wie er sagt. Dazu kommt aber, dass sich kurz darauf auch seine damalige Freundin nach einer fast zehnjährigen Beziehung von ihm trennt. Stefan isst und isst und nimmt innerhalb von zwölf Monaten rund 40 Kilo zu. Bei einer Größe von 1,80 Metern wiegt er am Ende fast 120 Kilo.

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„Ich habe das damals aber nicht als Essstörung realisiert.“ Hilfe holt sich der heute 40-Jährige erst in „Phase 2“, wie er diesen Teil seines Lebens nennt. Stress und Mobbing in der Arbeit sowie der Tod von drei von vier seiner Großeltern in kürzester Zeit lösen vor eineinhalb Jahren zu Angststörungen und Panikattacken aus. Die Folge: „Ich habe plötzlich relativ wenig gegessen.“ Aber auch hier dauert es rund acht Monate, bis der Schwandorfer merkt, dass etwas nicht mit ihm stimmt. „Ich habe gedacht, das ist nur eine kurze Phase, die wieder vergeht.“

Nachdem Stefan mehrmals mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert wird, die Ärzte aber nichts Organisches finden können, raten ihm die Mediziner, sich bei einem Psychotherapeuten vorzustellen. Stefan begibt sich in psychotherapeutische Behandlung und geht fünf Wochen auf Reha. Bis heute ist er in Therapie. „Beides in Kombination hat mir geholfen, vieles aufzuarbeiten und zu verarbeiten.“ Vor allem helfe ihm die Therapie aber, offen mit seiner Krankheit umzugehen. „Ohne die Therapie könnte ich nicht wieder unter Leute gehen, geschweige denn arbeiten.“ Das geht nämlich lange nicht: „Ich habe Panikattacken bekommen, sobald ich unter zu vielen Leuten war oder diese mir zu nahe gekommen sind – egal ob im Supermarkt oder in der Arbeit.“

Neuer Job, neue Leidenschaft

Mittlerweile geht es dem 40-Jährigen wieder „doch recht gut“. Stefan hat aktuell ein Gewicht von 108 Kilo. Er hat sein Essverhalten unter Kontrolle, hat seine Ernährung umgestellt, isst viel Gemüse, raucht immer noch nicht wieder. Er hat einen neuen Job, in dem er sich wohlfühlt. Zwar hat er noch hin und wieder „negative Phasen“. Aber die sind bei weitem nicht mehr so schlimm, wie in der Vergangenheit. „Ich habe Techniken und andere Dinge an die Hand bekommen, die mir sehr helfen.“: Atemübungen sowie autogenes Training. Und Stefan hat ein neues Hobby entdeckt. „Eher sogar eine Leidenschaft“, wie er es selbst beschreibt: die Fotografie. „Hier nehme ich mir sehr oft einfach Zeit für mich.“ Die Fotografie hilft ihm, abzuschalten und auf andere Gedanken zu kommen.

Ein großer Rückhalt ist für Stefan seine Familie. „Auch, wenn es selbst hier unterschiedlichste Reaktionen gab.” Von Aussagen wie „Sowas hast du nicht, das geht schon wieder weg” bis „Denk jetzt nur an dich, und wenn etwas ist, dann sind wir immer für dich da” sei alles dabei gewesen. Am meisten in dieser für ihn schweren Zeit hat Stefan aber gemerkt, wer seine wahren Freunde sind. „Ich kann ja verstehen, dass viele Angst davor haben, etwas falsch zu machen und sich überhaupt zu melden. Andererseits finde ich es schade, dass gerade in solchen Zeiten, sich die Zahl derer, die sich um einen Gedanken machen, doch schnell klein wird.” Stefan hätte sich gewünscht, dass die Menschen um ihn herum zumindest kurz nachgefragt hätten, wie es ihm geht.

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Kommentare

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Peter Busch

Ich finde es gut, dass mal ein Mann mit dieser Problematik an die Öffentlichkeit geht. Ich bin sicher, dass Du mit Deinem Bericht anderen sehr hilfst, Stefan. Danke dafür.

24.05.2020