22.05.2019 - 16:55 Uhr
SchwandorfDeutschland & Welt

Schwandorfs gruppendynamischer Arbeitsvermittler

„Eine Zukunftsregion mit gutem Branchenmix und starken Unternehmen“, nennt Markus Nitsch, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit in Schwandorf und Amberg sein Verantwortungsgebiet.

Markus Nitsch, kreativer Chef der Arbeitsagentur Schwandorf.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Im Interview nennt er Gründe für den Aufschwung.

ONETZ: Herr Nitsch, das Magazin „enorm“ bezeichnete Sie in Ihrer Zeit in Stendal als Deutschlands besten Arbeitsvermittler. Wie wird man das? Haben Sie gepredigt?

Markus Nitsch: Naja, ich selber sehe mich nicht so. Wir haben alle zusammen einen Beitrag geleistet, die Situation unserer Kunden zu verbessern. Ich habe mit den Kollegen einen eigenen Ansatz in der Vermittlung und Beratung entwickelt, damit das, was an guten Ansätzen schon in den Köpfen war auch tatsächlich gelebt werden kann.

ONETZ: Was bedeutet Beratung in diesem Kontext?

Markus Nitsch: Entscheidend ist, dass die Idee des Kunden im Mittelpunkt steht. Jeder Mensch hat einen Traum, der Vermittler unterstützt den Kunden, diesen Traum zu realisieren. Natürlich muss dieser manchmal gemeinsam mit dem Kunden angepasst werden.

ONETZ: Sind Sie selbst noch in der Beratung?

Markus Nitsch: Ich vermittle einmal im Jahr einen Tag. Ich gebe Schulungen für Vermittlungsfachkräfte – das geht nur, wenn ich selber Praxis habe.

ONETZ: Haben Sie ein Beispiel für eine besonders gelungene Beratung?

Markus Nitsch: Ein Beispiel, bei dem ich hospitiert habe: Es ging um eine Frau, die nur noch 20 Monate zum Ruhestand hatte und zuvor bei ihrem Mann beschäftigt war. Ihr ging es primär darum, versichert zu sein, ihre Motivation, einen neuen Job anzufangen, war nicht allzu groß. Der Vermittler konnte sie aus der Reserve locken: „Was hat Ihnen denn im Beruf Freude gemacht?“ Man kam schnell überein, dass sinnvoll gestaltete Zeit schön wäre. Ihre Ausgangsposition war gut, sie hatte ein eigenes Netzwerk, wusste, wie sie bei ihrer Arbeitssuche vorgehen kann. Die Kundin ging hochzufrieden raus, der Vermittler auch.

Sensationelle Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt: Die Oberpfalz mit Vollbeschäftigung.

ONETZ: Sie konnten bisher immer gute Nachrichten verbreiten – was ist ursächlich für den Wandel des Landkreises Schwandorf plus Amberg von Massenarbeitslosigkeit zu Vollbeschäftigung, inwieweit ist so eine Erfolgstory hausgemacht oder Folge der deutschen Boomjahre?

Markus Nitsch: Bei uns im Landkreis ist durch die Maxhütte eine Branche weggefallen. Wir hatten dadurch auch in Amberg oder Cham hohe Arbeitslosigkeit – im Winter sogar bis zu 50 Prozent. Der grenznahe bayerische Wald war von Haus aus strukturschwach.

ONETZ: In der nördlichen Oberpfalz schlugen Glas, Porzellan und Textil aufs Gemüt – in Schwandorf war Schicht im Schacht. Welche Branchen gingen, welche kamen wohin zwischen Amberg und Schönsee?

Markus Nitsch: Insgesamt haben wir im Landkreis eine tolle Entwicklung mit Wackersdorf als Treiber. Jetzt haben wir einen guten Mix aus Metall, Elektro, in Cham auch den Gesundheitssektor.

ONETZ: Wie gut bilden die Zahlen den Arbeitsmarkt tatsächlich ab? Kritiker rechnen gerne diejenigen dazu, die in Maßnahmen geparkt sind. Dazu kommt, dass gerade Frauen nach der Babypause in schlecht bezahlte Minijobs wechselten, von denen sie oft nicht leben können.

Markus Nitsch: Man muss zwei Dinge unterscheiden. Die Erfassung der Arbeitslosigkeit ist gesetzlich definiert, was wichtig ist für den internationalen Vergleich der Daten. Wir weisen aber auch die Unterbeschäftigungsquote aus, in der die aktuell Kranken und die Menschen in Maßnahmen erfasst sind. Ich würde trotz aller Bedenken von Vollbeschäftigung reden. Jeder, der im Moment arbeiten kann und möchte, eine Fachkraft dreimal, braucht uns eigentlich gar nicht.

ONETZ: Arbeiten ja, aber häufig im Niedriglohnsektor oder mit mehreren Minijobs?

Markus Nitsch: Bei den Minijobs kommt es darauf an, ob man das will oder keine andere Wahl hat. Wenn eine Mutter sagt, mein Schwerpunkt liegt auf dem Kind, kann es ein passendes Angebot sein. Diejenigen, die aus der Not heraus, zwei oder drei Minijobs machen, sind zumindest derzeit zum Glück in der Minderheit – auch, weil es Teilzeit-Modelle in allen Varianten gibt.

Der Strukturwandel ist abgeschlossen, die Maxhütte Geschichte.

ONETZ: Monokulturen sind meist ungesund – über wie viele Standbeine verfügt der Landkreis und lässt sich Pluralismus steuern?

Markus Nitsch: Sollte in Deutschland eine große Krise der Autoindustrie kommen, sind wir alle betroffen, da hängt viel dran. Das ist nur begrenzt steuerbar. In Wackersdorf kann und muss ein Bürgermeister versuchen, ganz unterschiedliche Firmen an Land zu ziehen, wenn er Flächen zur Verfügung hat. Viele regionale Firmen machen einen Bezirk unabhängiger. Umgekehrt schafft das Exportland Deutschland auch viele Arbeitsplätze. Insofern müssen wir für unsere großen Firmen und die Automobilzulieferer auch sehr dankbar sein.

ONETZ: Amberg ist mit Weiden Standort einer in Unternehmerkreisen viel gelobten OTH. Inwiefern wirkt sich die Nähe einer Hochschule über sogenannte Lernorte hinaus auch auf den Standort Schwandorf aus?

Markus Nitsch: Für beide Landkreise ist die OTH wertvoll. Cham hat seinen eigenen Ableger aus Deggendorf. Die Hochschulen übers Land zu verteilen, ist eine segensreiche Entwicklung.

ONETZ: Wirtschaftsweise und Minister warnen vor der Eintrübung der Konjunktur – dazu Trumps Handelskrieg mit China und mit der deutschen Autoindustrie, der Brexit und eine divergierende EU. Sind die guten Nachrichten bald Geschichte?

Markus Nitsch: Die Abschwächung der Weltwirtschaft, vielleicht sogar eine Rezension kann passieren. Aber ob das so bedrohlich ist für unsere Region, ist nicht ausgemacht. Der demografische Wandel macht sich bereits massiv bemerkbar. Da müsste schon ein massiver Einbruch kommen.

ONETZ: Also keine Angst vor Trumps Strafzöllen auf deutsche Autos?

Markus Nitsch: Eher davor, dass sich alternative Antriebe massiv durchsetzen, und die Deutschen würden das verschlafen. Krisen sind unser Geschäft. Wenn jemand arbeitslos wird, helfen wir, eine neue Arbeit zu finden. Im Köcher haben wir dazu Weiterbildung und Umschulung. Der zweite große Trend, die Digitalisierung, führt zu einem erhöhten Anpassungsbedarf. Das Qualifizierungschancengesetz vom 1. Januar fördert die Weiterbildung von Mitarbeitern in Unternehmen. Das ist vorausschauend. Bei der letzten Krise, hat uns die Kurzarbeit geholfen, die Unternehmen konnten sofort darauf zurückgreifen.

ONETZ: Noch gilt die Facharbeiter-Knappheit als das größte Wachstumshemmnis: Sie verweisen auf 8 Prozent Tschechen im östlichen Landkreis, das Potenzial beim Nachbarn ist aber auch ausgeschöpft. Woher Gastarbeiter nehmen, ohne die Herkunftsländer zu beschädigen?

Markus Nitsch: Jenseits der Grenze profitieren vor allem deutsche Unternehmen. Für die tschechischen Kollegen habe ich Verständnis, dass sie den Wettbewerb als unfair empfinden, weil tschechische Arbeitnehmer das Kindergeld in voller Höhe bekommen. Damit kann man seine Tochter in Prag studieren lassen. Die Frage ist, ob man da nicht eine EU-weite Reform versucht. Wir haben aber nicht nur tschechische Arbeitnehmer, sondern auch eine zentrale Auslandsvermittlung. Ich war im griechischen Trikala, da hatten wir mit der Partnerstadt Amberg einen guten Anknüpfungspunkt, weil sich viele Arbeitnehmer von dort in Amberg und Nürnberg niedergelassen haben.

Automation statt Email bei der Baumann GmbH in Amberg.

ONETZ: Wie sind die Fortschritte der Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt?

Markus Nitsch: Es ist verblüffend, wie gut die Integration gelingt. Wir haben enorme Zahlen bei der Ausbildung und besonders der Arbeitsaufnahme. Ein Großteil des Erfolgs verbucht das Jobcenter mit den Geflüchteten.

ONETZ: Können Sie vermitteln, wenn ein Flüchtling, der einen Ausbildungsplatz oder eine Stelle hat, abgeschoben werden soll?

Markus Nitsch: Wir sind solchen Situationen immer wieder begegnet. Das ist ein schmerzhafter Prozess. Formalrechtlich mag das richtig sein, das sagt aber noch nichts über Sinn und Unsinn aus. Wenn jemand eine Arbeit aufnimmt, zeigt er, dass er sich integriert, menschlich und wirtschaftlich ist das unsinnig.

ONETZ: Sie wollen Langzeitarbeitslose besser qualifizieren. Haben Sie das nicht auch bisher schon mit übersichtlichem Erfolg versucht?

Markus Nitsch: Die Qualifizierung ist oft ein zweiter Schritt. Erst einmal muss so ein Mensch wieder an eine regelmäßige Beschäftigung herangeführt werden. Wir haben ein neues Programm, das erfolgreich anläuft. Dabei bekommen Arbeitgeber bis zu 100 Prozent Zuschuss, weil wir davon ausgehen, dass er zunächst nur Aufwand hat. Das Ziel ist, dass Menschen wieder Fuß fassen, dann gehen wir das Thema Qualifizierung an, wenn man weiß, dass das klappt. Die Erfolgsquote ist sicher geringer als bei der Vermittlung von Arbeitslosen. Das Schöne, auch bei einer Erfolgsquote von 30 bis 50 Prozent: Da steht hinter jeder Ziffer ein Mensch, bei dem beginnt ein neuer, sehr viel positiverer Abschnitt seines Lebens.

ONETZ: Digitalisierung verheißt den einen neue Chancen, den anderen schwere Zeiten für den Faktor Mensch wie uns Printjournalisten. Glauben Sie eher an ein Nullsummenspiel, bei dem neue, spannende Jobs eintönige Tätigkeiten ersetzen, oder doch eher an Verdichtung und Bescheidenheit auf Arbeitnehmerseite?

Markus Nitsch: Das ist bestimmt das, was kommen kann. Automatisierung hat bis jetzt im Niedriglohnsektor massive Auswirkungen, die Gesellschaft insgesamt aber ist reicher geworden. Dieser Sektor aber nicht, auch wenn nicht alle da drin bleiben. Jetzt kann es ganz andere Bereiche treffen. Rechercheprogramme machen die Arbeit von Juristen überflüssig, im Ottoversand gibt es keine Einkäufer mehr, die Prokura übernimmt ein neuronales Netzwerk. Lebenslanges Lernen ist deshalb umso wichtiger, was kann ich mit dem Juristen in einem anderen Zweig viel produktiver machen, welche Anpassung braucht er? Ohne demografischen Wandel sehe es aber problematischer aus.

Zur Person:

Agenturchef mit Biografie-Brüchen

Markus Nitsch ist der Exot unter Deutschlands Chef-Arbeitsvermittlern. Der Diplomtheologe aus dem fränkischen Ansbach, Jahrgang 1961, verbrachte fünf Jahre als Seelsorger in der Türkei, kümmerte sich zweieinhalb Jahre um Strafgefangene, Alkoholkranke und Drogensüchtige. „Irgendwann kam mir der Glauben abhanden“, beschreibt er den Umbruch in seinem Leben.

Eines hat Nitsch bei seiner Biografie mit Brüchen allemal gelernt: Wie sich Arbeitnehmer fühlen, die Orientierung suchen: „Als ich hörte, die Bundesagentur für Arbeit sucht befristete Vermittler, war das ein Aha-Effekt – das ist eigentlich genau das, was ich suche.“ Nach ersten Schritten in der Arbeitsverwaltung in Bayern ergibt sich die Chance, die Agentur in Stendal zu leiten. „Ich finde das spannend, man kann nicht nur, man soll innovativ sein.“ Seine Frau, Kemptener Urgestein, ist bereit, den Sprung zu wagen. Mit seinen unkonventionellen Methoden macht er schnell von sich reden. Im November 2017 übernimmt er die Agentur in Schwandorf: „Ich noch etwa zehn Jahre“, sieht er nach vorne, „sehr wahrscheinlich, dass ich hier bleibe.“

Und die will er nutzen: „Ich will bei uns so viele Menschen wie möglich qualifizieren.“ Etwa mit einem Instrument, dass die Schwandorfer Agentur als erste in Deutschland einführte: „Das OKR-Steuerungssystem von Google. Dabei konzentriert sich jedes Team auf das, was es selbst beeinflussen oder verändern kann.“

Traditionell und erfolgreich: Die Evelyn-Glashütte in Amberg.
Kommentar:

So geht Motivation!

Für die Wirtschaftswissenschaft ist der Mensch ein Nutzenmaximierer, der zielstrebig seinen Vorteil sucht. In der komplexen Wirklichkeit, ist der rationale Anteil am menschlichen Verhalten eher überschaubar. Die moderne Gehirn- und Verhaltensforschung beschreibt den Menschen vielmehr in seinen Widersprüchen: instinktgesteuert, von Ängsten und Sehnsüchten getrieben, in seinen Entscheidungen selten frei. Gerade in Krisensituationen, wie es die Arbeitslosigkeit meistens ist, kann da ein Seelsorger mehr erreichen als ein technokratischer Sachbearbeiter. Diplom-Theologe Markus Nitsch versucht die große Triebfeder seiner Kunden im Gang zu setzen: die intrinsische Motivation. Mit ihr kann der Mensch vielleicht nicht alles, aber sehr viel mehr erreichen, als mit angeknackstem Selbstvertrauen.

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