Update 23.06.2026 - 13:21 Uhr

Streit mit Polen: Selenskyj knickt Reise nach Danzig

Polen und die Ukraine haben sich über Geschichte zerstritten. Doch der ungebremste Zwist greift auf andere Bereiche der wichtigen Zusammenarbeit über.

Polens Regierungschef Tusk muss bei der Wiederaufbaukonferenz auf Selenskyj verzichten. (Archivbild) Bild: Radek Pietruszka/PAP/dpa
Polens Regierungschef Tusk muss bei der Wiederaufbaukonferenz auf Selenskyj verzichten. (Archivbild)

Wegen eines eskalierenden Geschichtsstreits mit Polen reist der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nicht zu einer Wiederaufbaukonferenz nach Danzig (Gdansk). Ministerpräsidentin Julia Syrydenko teilte auf Telegram mit, dass sie die ukrainische Delegation bei der gemeinsam mit Polen ausgerichteten Konferenz am Donnerstag und Freitag leiten werde. Zu dem Treffen über den Wiederaufbau der Ukraine wird mit anderen Staats- und Regierungschefs am Donnerstag auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erwartet.

Polen empört über Kiewer Geschichtspolitik

Die Ukraine und Polen sind angesichts des russischen Angriffskrieges enge Verbündete, haben sich aber in einem Streit über ihre schwierige Geschichte entzweit. Selenskyj hatte eine Armee-Einheit nach den Kämpfern der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) im Zweiten Weltkrieg benannt. Die UPA ermordete unter deutscher Besatzung Zehntausende Polen im heutigen Westen der Ukraine, weshalb die Ehrung in Warschau große Empörung hervorrief.

Der polnische Staatschef Karol Nawrocki entzog Selenskyj einen polnischen Orden. Selenskyj und andere ukrainische Politiker gaben daraufhin polnische Auszeichnungen zurück. Zwischen Warschau und Kiew flogen scharfe Worte hin und her. Der Konflikt droht alle Bereiche der strategisch wichtigen Kooperation zu erfassen. 

Dabei hat der Streit in Polen auch eine innenpolitische Seite. Die Wiederaufbaukonferenz ist Sache der linksliberalen Regierung von Ministerpräsident Donald Tusk. Der Rechtspopulist Nawrocki versucht Tusks Arbeit zu erschweren; er macht sich eine wachsende Ukraine-Müdigkeit in der polnischen Gesellschaft zunutze.

Medienaufruf zu Besonnenheit auf beiden Seiten

Große Medien beider Länder riefen zu Besonnenheit auf. „Unsere Politiker sollten Weisheit und Vernunft beweisen, nach Einigung und einem Ausweg aus der Krise suchen“, hieß es in einem Aufruf. Er wurde in Warschau unter anderem von der „Gazeta Wyborcza“ und dem Portal „Onet.pl“ veröffentlicht, in Kiew vom Nachrichtenportal „Ukrajinska Prawda“. Der Streit nütze nur dem gemeinsamen Feind Russland, hieß es.

Die Konferenzen zum Wiederaufbau der Ukraine (Ukraine Recovery Conference/URC) mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft haben seit dem ersten Kriegsjahr jährlich an wechselnden Standorten stattgefunden. Selenskyj war 2022 in Lugano und 2023 in London zugeschaltet. Für die Konferenzen 2024 in Berlin und 2025 in Rom reiste er persönlich an.

© dpa-infocom, dpa:260623-930-268288/2

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