02.04.2026 - 07:01 Uhr

Wie das Sommermärchen Deutschland veränderte

Ein lesenswertes Sachbuch nicht nur für Fußballfans erinnert an den Sommer vor 20 Jahren, als die WM ganz Deutschland verzauberte.

Tausende Zuschauer verfolgen 2006 auf der Fanmeile am Brandenburger Tor in Berlin das WM-Fußballspiel zwischen Deutschland und Argentinien. (Archivfoto) Bild: Marcel Mettelsiefen/dpa
Tausende Zuschauer verfolgen 2006 auf der Fanmeile am Brandenburger Tor in Berlin das WM-Fußballspiel zwischen Deutschland und Argentinien. (Archivfoto)

Es ist nun schon zwanzig Jahre her, doch die meisten, die sich an den Sommer 2006 erinnern, bekommen immer noch glänzende Augen. Und beginnen zu erzählen. Diese Erfahrung machte auch der Sportjournalist Ronald Reng, als er sein Buch über diesen legendären deutschen Sommer vorbereitete: „Welche Glücksgefühle und Erinnerungen die Leute aus dem Sommer 2006 zogen, merkte ich, wenn ich erwähnte, an welchem Buch ich gerade arbeite. Ach, 2006! Ich bekam postwendend jedes Mal eine persönliche Geschichte aus jenen Wochen zu hören.“

So ist sein Buch „Der deutsche Sommer“, das jetzt zum Jubiläumsjahr vorliegt, auch eine Reportage über viele ganz persönliche Geschichten geworden, die sich mit der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland und dem berühmten „Sommermärchen“ verbinden. 

Magische Wochen

Es sind Erzählungen von Fußballern und Trainern, Journalisten und Filmemachern, aber auch ganz normalen Fans, bei denen sich dieser Sommer ins Gedächtnis eingebrannt hat. Wir begleiten Jürgen Klinsmann und die Nationalmannschaft, die Deutschland für ein paar magische Wochen in einen Taumel der Begeisterung versetzten. 

Wir erleben Trainer Jürgen Klopp, der als Fußballkommentator überraschend Furore machte, und begleiten Julian Nagelsmann als jugendlichen Beobachter, noch ganz ahnungslos, dass er eines fernen Tages in Klinsmanns Fußstapfen treten würde. Der Autor schaut hinter die Kulissen und überrascht mit vielen unbekannten Hintergrundinformationen. 

Die eigentliche Hauptrolle in seinem Erinnerungsbuch spielen aber die deutschen Fußballfans, jene, die es immer schon waren und die vielen, die es bei diesem WM-Turnier erst wurden. Wie kam die außergewöhnliche Leichtigkeit dieses Sommers zustande, diese „wunderbare Selbstverwandlung“, die Deutschland nach den Worten des damaligen Außenministers Frank-Walter Steinmeier erfuhr? 

Eine ganze flaggengeschmückte Nation bekannte sich plötzlich zu Schwarz-Rot-Gold. Das war ungewöhnlich für ein Land, das sich aufgrund seiner schwierigen Geschichte mit nationalen Symbolen lange Zeit so schwertat. Hier aber wurden diese Symbole zum unschuldigen Schmuck eines fröhlichen Festes.

Dass dieses Fest kein Zufall war, sondern akribisch vorbereitet wurde, erfährt man auch. Mit der WM 2006 sollte das verwirklicht werden, was schon mit den Olympischen Spielen 1972 in München geplant war, dann aber durch den Terroranschlag so furchtbaren Schaden nahm, eine fröhliche Sportveranstaltung, bei der die Welt zu Gast bei Freunden ist. So lautete das Motto der WM. 

„Noch nie hatte ein Staat bei einer Fußball-Weltmeisterschaft so viel dafür getan, um nicht nur ein fähiger Ausrichter, sondern ein guter Gastgeber zu sein“, schreibt Reng. In einer Service- und Freundlichkeitskampagne der Bundesregierung wurden Tausende Mitarbeiter von Bahn, Hotels und Restaurantketten im Umgang mit ausländischen Gästen geschult. Es sollte eine Wohlfühlstimmung entstehen, und es gelang. 

„Public Viewing“ - ein Schlüssel zum Erfolg

„Wir beginnen fast schon, uns selbst zu mögen“, brachte es der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble in seiner trockenen Art auf den Punkt. Das Image Deutschlands stieg jedenfalls durch die WM international in bisher unbekannte Höhen. Ausländische Fans fingen sogar an, das deutsche Essen zu loben.

Ein Schlüssel zum Erfolg waren in jedem Fall die erstmals organisierten Fanfeste mit „Public Viewing“, eine echte Fußballrevolution, die für immer mit 2006 verbunden sein wird. Es gab sie später erneut bei Fußballgroßereignissen, aber die „unschuldige Freude des ersten Mals war nicht zu schlagen“. Ebenso wenig wie das außergewöhnlich trockene und heiße Sommerwetter, das Deutschland 2006 verwöhnte. Es spielte einfach mit.

Reng erinnert auch an das, was nicht so märchenhaft war in jenem Sommer. Der Afghanistaneinsatz lief keineswegs so wie geplant, es gab rechtsextremistische Anschläge. Ein verhaltensgestörter Braunbär namens Bruno geisterte durch Bayern und sorgte für Unruhe. Und doch bleibt am Ende vor allem das „Sommermärchen“. Wer in Erinnerung schwelgen möchte oder die Stimmung dieser Zeit einfach nur nachempfinden will, der ist mit diesem Buch gut bedient.

© dpa-infocom, dpa:260402-930-897915/1

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