15.04.2019 - 17:37 Uhr
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Ein Sommernachtshorror

Das Münchener Volkstheater inszeniert Shakespeares Komödie als um sich kreisendes Liebes-Drama. Die Wiederholungen lassen den Traum aber eher zum schlechten Trip werden.

Wie ein Untoter aus Shakespeares Zeit: Pyramus (Jakob Geßner) trauert laut um seine Thisbe.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

"Hermia!" Ein Schrei steht am Anfang des Sommernachtstraums in der Interpretation von Regisseur Kieran Joel und Dramaturgin Daphne Ebner am Münchener Volkstheater. Der Vorhang geht auf, die ewige Wiederholung beginnt.

Puck sorgt dafür, dass vier junge Liebende im Wald ihren persönlichen Albtraum erleben. In einer Mischung aus allwissendem Erzähler und Regisseur lässt er sie durch den Sand rutschen, fallen und rollen. Es scheint, sie haben jegliche Sicherheit, jeglichen festen Boden unter den Füßen verloren, sind mit ihren Gedanken und Gefühlen gefangen in jenem Waldstück, in dem die Elfen Titania (Luise Deborah Daberkow) und Oberon (Pascal Fligg) das Sagen haben. Demetrius (Timocin Ziegler) spuckt und stottert in all seiner Verwirrung, denn er betet nicht mehr Helena, sondern Hermia an. Diese hat sich in Lysander (Sebastian Schneider) verliebt, der sich nach und nach Helena (Nina Steils) zuwendet, während diese ihr ungesundes Selbstbild zelebriert. Für Hermia (Carolin Hartmann) spielt Puck den Psychiater und stellt in all dem Chaos auch noch ihre Freundschaft zu Helena aufs Spiel. Die vier Figuren - gleiche Jeans, gleiches Blümchenhemd, gleiche Pilzkopffrisur - durchleiden, jeder auf seine Weise, einen kollektiven Albtraum, werden abgewiesen, verhöhnt und ausgelacht. Und täglich grüßt das Murmeltier: Sie stehen ihrem Glück nicht nur selbst, sondern auch sich gegenseitig im Weg.

Zauberblume als Requisite

Puck, gespielt von Max Wagner, ist mehr Moderator, Showmaster und Puppenspieler denn Hofnarr des Elfenkönigs. Er spielt Amor, äfft die Vier nach und macht sich einen Spaß daraus, den Liebenden ihr Begehren vorzuführen und sie sich schließlich gegenseitig zerfleischen zu lassen. Seine Zauberblume braucht er nicht mehr, sie wird zum Snack, zur Pistole, schlicht zur Requisite degradiert. In der flimmernden Theater-Ruine "Sycamore Grove" (Kostüme und Bühne: Belle Santos) - eine Anspielung auf die 1998er-Kultverfilmung von "Romeo und Julia" - sehen die vier nicht nur der verzweifelten Eifersucht von Titania und Oberon zu, sie sind auch Zuschauer der "äußerst spaßigen Komödie von Pyramus und Thisbe". Drei Handwerker in Pluderhosen und Halskrausen proben für das Hochzeits-Theaterstück für Theseus und Hippolyta - letztere kommen in der Münchener Inszenierung nicht vor. Jakob Gessner, Oleg Tikhomirov und Mauricio Hölzemann wirken wie Untote aus Shakespeares Zeit. Zwischen komisch-skurril und erfrischend-verrückt scharren sie im Sand, turnen auf dem Baugerüst der Ruine, durchbrechen die Wand zum Publikum, klettern über Stühle und fordern: "Wir brauchen Zuschauer mit kurzen Beinen, damit wir durch die Stuhlreihen gehen können."

Versifft, verfilzt, verworren

Jürgen Gosch und Angela Schanelec haben das Stück zeitgemäß übersetzt - und zeitgemäß bedeutet in diesem Falle inklusive "verdammte Scheiße". Letzteres ruft König Oberon seiner verhassten und geliebten Ehefrau Titania zu. Das Paar wirkt versifft, die beiden taumeln in zerrissenen Tüchern mit verfilzten Haaren über die in gelbes Licht getauchte Bühne und lassen sich von ihrer Eifersucht zerfressen. Wie verschreckte Hühner sehen die vier Liebenden zu, wie Titania und Oberon schließlich übereinander herfallen, bis Puck die beiden Elfen mit einem Laubsauger von der Bühne bläst.

Ohne kleine Lacher wie den wild um sich schlagenden Lysander - "tschuldigung, kein Thema" - wäre die inzwischen vierte Wiederholung, die die Inszenierung inzwischen an einen schlechten Trip erinnern lässt, arg langweilig. Nicht nur für die Liebenden wird ihr eigenes Begehren zum Horror-Trip, auch für die Zuschauer. Dankbar ist man da über Shakespeares Witzeleien: die gespielte Wand oder Hans Zettels Verwandlung zum Esel.

Als nach der wirren Nacht schließlich die Sonne aufgeht, ist man sich als Zuschauer nicht sicher, ob denn wirklich alles nur ein böser Traum war - und fragt sich mit Hermia: "Was soll ich mit der Liebe, wenn sie den Himmel zur Hölle macht?"___Weitere Vorstellungen: 18. April und 30. Mai, jeweils 19.30 Uhr, Informationen unter www.muenchner-volkstheater.de

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