Speinshart."Aus der Tiefe rufe ich zu dir", heißt es in einem Gebetstext. Aus der Tiefe des barocken Kirchenraumes erklingt beim Speinsharttag ein heller Sopran. Von Saitenklängen begleitet schreitet Swantje Tams Freier feierlich mit dem mexikanischen Barockgitarristen Hugo Miguel de Rodas Sanchez durch die Reihen der voll besetzten Klosterkirche zu den Stufen des Altarraumes. "El baxel estea en la playa" oder "Das Boot liegt am Strand ..." verkündet die glockenhelle Stimme, einfühlsam, ja mitreißend. Damit beginnt eine musikalische Reise mit schwingender Barockmusik aus Italien, Spanien und den Niederlanden in die Neue Welt. Die Kreuzfahrt auf einer wendigen Galeone mit spanischen Konquistadoren an Bord endet in Bolivien und Peru, in Mexiko und Kolumbien.
Ruf nach Freiheit
Wären doch damals nach all den Entdeckungsreisen die schlechten Menschen zu Hause geblieben, sagen heute viele Kritiker der europäischen Eroberer. Die Entdeckung Amerikas war für viele Einheimische alles andere als Glücksmomente. Doch bei allen Grausamkeiten im Namen der Religion wird die Musik zur flammenden Botschaft der Gefühle. In Musik und Gesang wird der Ruf nach Freiheit deutlich. "Übers Meer brachten sie mich ohne jeglichen Grund und ließen die Mutter meines Herzens zurück", heißt es da im "Todada el Congo". Davon erzählt das Ensemble Los Temperamentos in seinem Programm "El Galeon 1600 - Von den Klängen einer anderen Welt".
Rührende Lieder von vergeblicher Liebe wechseln sich ab in den Klageliedern vom Leid der Sklaven. "Suspiro es aquel sonido. Que resulta del encuentro" oder "Wenn der Klang des Schmerzes auf die Vernunft trifft, wird dieser Klang zum Seufzer" heißt es da in "Tonada el Tupamaro". Anrührend schön erklingen die frühbarocken Kompositionen des italienischen Meisters Tarquinio Merula und wenn Hugo M. de Rodas Sanchez zur Laute greift, versprüht der Klang einen Hauch von Sehnsucht nach einer anderen, besseren Welt. Mit Tarquinio Merula verzückt auch die blonde Sopranistin und Ensemblegründerin in der Aria sopra la Ciacona "Su la cetra amorosa" das andächtig lauschende Publikum. Hinreißend auch die weiteren Romanzen der Sängerin über Seefahrer und die süßeste Liebe.
Durch die Besetzung schaffen "Los Temperamentos" einen ganz eigenen individuellen Ensembleklang. Immer im Gepäck des Sextetts die einfühlsamen Lieder, die lebendigen Tonadas und die kunstvolle Instrumentalmusik aus der Zeit des Barock. Alte Musik, die vor Vitalität strotzt und alle Facetten menschlichen Gemütes anspricht. Da greift Hugo M. de Rodas Sanchez zu Laute und Barockgitarre, Néstor F. Cortés Garzón zupft dazu sanfte Bässe ins Cello, Felipe M. Egana spielt die Blockflöte höchst virtuos und Nadine Remmert stützt nicht nur präzise den Gesang Tams Freiers. In Domenico Scarlattis mehrsätziger "Sonata d-Moll" beeindruckt sie mit rasantem spanischen Flair.
Weite Reise
Im tanzenden, ja rasenden Improvisationsteil unternimmt das Ensemble eine weite Reise in die Ursprünge Mittel- und Lateinamerikas. Auch die "Anonymus-Passagen" unbekannter peruanischer und mexikanischer Künstler begeistern. Gegossen in lateinamerikanische und spanische Rhythmen erklingen innige Zwiegespräche von Blockflöte und Gitarre und verbinden sich zu einem Mix voller Lebensfreude, Schmerz und Vernunft.
All das vermitteln "Los Temperamentos" mitreißend: So fröhlich und warmherzig klingt es, wenn sich Kulturen begegnen und austauschen und die Menschen verzeihen können. Eine fesselnde Reise durch alle emotionalen Höhen und Tiefen mit einer klugen Mischung aus Gefühlsregungen, Lebensfreude und Nachdenken. Mit Musik werden "Los Temperamentos" beim Speinsharttag zum Hoffnungsträger für eine freie und gerechtere Welt. Dafür spendet das Auditorium begeisterten Applaus und erklatscht sich eine ebenso temperamentvolle Zugabe.



















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