19.08.2019 - 16:58 Uhr
SpeinshartDeutschland & Welt

Speinsharter Konzerte: Turkmenische Töne mit Tiefgang

Leidenschaft ist Programm bei den Speinsharter Sommerkonzerten. Mitreißendes bekommen die Besucher beim Gastspiel des Kammerorchesters Turkmenistan zu hören.

Wärme und sinnspendenden Trost gewährten bei einem Musikabend für die Seele das Kammerorchester Turkmenistan unter Leitung von Rasul Klychev und die Solisten Samir Rzayev (Violine), Yusup Ovezov (Klarinette) und Leyli Okdirova (Sopran)
von Robert DotzauerProfil

Ein Konzert, festlich und rasant, kündigten die Macher des Musiksommers mit einem Ensemble aus Zentralasien an. Noch lag am Freitagnachmittag ein Hauch des Festlichen in der Klosterkirche. Nach einem der höchsten Marienfeiertage des Jahres und einem Festgottesdienst, mitgestaltet von Sängersolisten des Festivals, schallte tags darauf das nächste Halleluja durch den Gottesraum. Lobet Gott in seinem Heiligtum, das hieß für die 16 Streicher und die Solisten aus Asgabat, der Hauptstadt des ölreichen Landes am Kaspischen Meer, himmlisches Musizieren. Auf hohem Niveau bot das turkmenische Kammerorchester ein Konzerterlebnis voller Feuer.

Dirigiert von Rasul Klychev, einem Stammgast beim Festivaltreffen, spannt das Ensemble einen weiten Bogen durch Zeiten, Musikgenres und Komponisten. Programmatische Vorbehalte gab es keine. Das facettenreiche Programm, auswendig vorgetragen, umfasst von Klassik, über turkmenische Kompositionen und virtuosen Solostücken für Klarinette, Violine und Gesang auch einen musikalischen Abstecher in das Mutterland des Tangos. Für die jungen Musiker ist das leidenschaftliche Musizieren ein Beitrag zur Völkerverständigung.

Schon zu Beginn des Konzerts wagt sich das Ensemble an Anspruchsvolles. Mit Peter Tschaikowskys Serenade in C-Dur op. 48 setzten die Turkmenen ein starkes Ausrufezeichen. Das Streichorchester brilliert in einem der berühmtesten Orchesterwerke des Komponisten vom "Pezzo in forma die sonatina" bis zum "Finale" mit Mozartscher Leichtigkeit, deutsch-romantischer Innigkeit und französischer Eleganz. Mit der Auswahl dieses ungewöhnlich optimistischen Werkes des Komponisten setzen die jungen Musikerinnen in ihren feschen Festgewändern und die in schwarz-weiß gewandeten Streicher mit ihrem strahlenden Dur ein großes Ausrufezeichen. Die gelungene Interpretation verleiht dem Kammerorchester Flügel.

Kongenial und hellwach

Yusup Ovezov, der Solo-Klarinettist des Ensembles, zeigt danach mit "Fantasie und Variationen für Klarinette und Streichorchester Op. 81" mit dem jüngsten der klassischen Holzblasinstrumente ein Zauberspiel. Tieftraurig und dunkel, dann wieder voller Süße und Sehnsucht nutzt der Künstler "sein Werkzeug" als perfektes Ausdrucksmittel, um mit dem Glanz der kunstvollen Solos die heiteren Geister der Seele zu besuchen. Auch in den folgenden Stücken beeindrucken Ensemble und Solisten in kongenialer hellwacher Partnerschaft.

Tiefschwebende Ruhe

An vielen musikalischen Stilen des 20. Jahrhunderts hat sich Arvo Pärt als einer der erfolgreichsten Komponisten der Gegenwart im Laufe seines Schaffens versucht. Am Freitag liegt der Fokus des Ensembles auf dem von tiefer Gläubigkeit durchdrungenen Werk "Fratres". Immer wieder bricht die Musik ab. Eine tiefe Stille übermannt das Gotteshaus. In dynamischer Spannung steigert Solist Samir Rizayev das Stück aus der Tiefe in ein leises Piano, schließlich ins Forte, um dann zur Ruhe kehrend tiefschwebend wieder im Piano zu versinken. Ein glanzvoller Beitrag, den der Geigen-Virtuose mit "All in the Past" (alles in der Vergangenheit) des lettischen Komponisten Georgs Pelecis fortsetzt.

Eine beherzte Sängerin ist es dann, die den Kirchenraum mit ihrer bezaubernden Stimme in eine "Klang-Kathedrale" verwandelt. Im Kollektiv mit dem Orchester schwebt die Sopran-Stimme von Leyli Okdirova als eigentlich schönstes Instrument der Welt durch das barocke Juwel. Mit "Calsana Bagsy" erklingt ein Stück turkmenische Seele. Dazu eine Streicherbegleitung, schwebend leicht und doch erdend. Die Hörerschaft in der voll besetzten Klosterkirche genießt diese verträumten Klang-Verlockungen. Von der Seidenstraße kommen Töne mit Tiefgang. Ganz anders der temperamentvolle und feurige Melodienbogen in "La Foletta". Einem Steppensturm gleich fegen die Melodien über das Publikum, der auch in Bartóks "Rumänischen Volkstänzen" nicht enden will.

Geheimnisvoller Tango

Ein "Saitenwechsel" führt das Kammerorchester schließlich musikalisch über den großen Teich. Das Ensemble erinnert an die auch in Asien verankerte Kultur des Tangos. Im Geist des Nuevo Tango erklingt das Astor-Piazzolla-Arrangement im Klangbild der "Fuga y Misterio" (Fuge und Geheimnis). Ein mit seiner rhythmischen Kraft und eruptiven Gewalt gut gewählter Schlussakkord. Leider ohne Zugabe begleiten stehende Ovationen den Abgang des Orchesters und der Solisten.

Passend zum Konzert stellen die Turkmenen im Kreuzgang des Klosters Bilder aus ihrer Heimat aus. Umrahmt wird die kleine Präsentation von den turkmenischen Volksmusikanten Vepamyrat Odayev, Spartak Atakov und Kerven Aydogdyyev mit den landestypischen Volksinstrumenten Tüidük (Langflöte), Gyjak, das einem kleinen Cello ähnelt und dem Dotar, das zur Familie der Laute gehört.

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