Sulzbach-Rosenberg
18.10.2018 - 16:14 Uhr

Auch ohne Noten ein Erlebnis

Alles hätte schiefgehen können. Denn den Musikern vom "New Cologne Piano Trio Shanghai" wird am Tag vor dem Konzert im Zug von Berlin nach Nürnberg der Koffer mit den Noten gestohlen.

Trotz der überraschenden Programmänderung beweist das „New Cologne Piano Trio Shanghai“ in Sulzbach-Rosenberg seine internationale Klasse. Bild: Petra Hartl
Trotz der überraschenden Programmänderung beweist das „New Cologne Piano Trio Shanghai“ in Sulzbach-Rosenberg seine internationale Klasse.

Trotz des Verlusts gelingt es dem international besetzten und weltweit agierenden Trio, den Zuhörern bei der 56. Konzertreihe des Kammermusikkreises der VHS Amberg-Sulzbach ein unvergessliches Konzerterlebnis zu bereiten, wenn auch mit einem anderen Programm als geplant.

Mit dem "Gassenhauertrio" op. 11 von Ludwig van Beethoven eröffnen Sui Xin (Flügel), Walter Schreiber (Geige) und Joanna Sachryn (Cello) den Abend. Schon nach den ersten Takten wird spürbar, warum das "New Cologne Piano Trio Shanghai" zur Weltspitze gehört. Die drei Musiker spielen nicht einfach nur zusammen, sondern wirklich miteinander, sie leben und fühlen die Musik, als hätten sie gemeinsam einen Körper mit sechs Armen. Dadurch gelingt ihnen eine schlüssige, mitreißende Interpretation. Wunderbar ist die fröhliche Ausgelassenheit im 3. Satz.

Nach diesem spielerischen Auftakt erklingt Smetanas Klaviertrio g-moll op. 15, in dem er über den Tod seiner kleinen Tochter klagt. Gerade in den langsamen Passagen lässt Sachryn ihr Cello voller Hingabe singen, Xins Flügel schmiegt sich einfühlsam an, Schreibers Geige vollendet den Klang mit zärtlicher Innigkeit. Trotz aller Tragik entstehen so Momente von berückender Schönheit.

Schostakowitsch macht es den Zuhörern nicht leicht. Seine Musik ist nicht eingängig. Sie setzt sehr aktives und bewusstes Hören voraus, insbesondere sein Klaviertrio Nr. 2 e-moll op. 67 von 1944. Der Komponist schrieb es während der Belagerung von Leningrad, und er verarbeitet hier die alltägliche Lebensgefahr, die ständige Bedrohung, aber auch jeden kleinsten Moment der Hoffnung. Mit fast unerträglicher Intensität malt im Andante das Cello Einsamkeit und Verzweiflung, das Klavier lässt Menschen rennen, die Geige heult wie eine Sirene. Die Brutalität des Krieges, die Schostakowitsch in seiner Komposition verarbeitet hat, wird geradezu körperlich spürbar. Dem Trio gelingt es trotzdem, die Zuhörer nicht leiden, sondern mitleiden zu lassen, sie aufzurütteln. Besonders deutlich wird das im Largo. Wenn die Kanonenschläge des Flügels die Zuhörer fast verzweifeln lassen, erblühen mit Schreibers Geige Blumen zwischen den Ruinen. Das ist ein erschütterndes, geradezu kathartisches Erlebnis.

Mit stürmischem Applaus feiern die begeisterten Besucher die Musiker. Nach dem erschütternden Werk von Schostakowitsch könne man eigentlich keine Zugabe spielen, erklärt Schreiber, die Zuhörer sollten aber versöhnt und heiter verabschiedet werden, deshalb spielt das Trio noch Fritz Kreislers leichtfüßig-tänzerisches "Liebesleid".

Beim nächsten Konzert der Kammermusikreihe spielt am Mittwoch, 14. November, das Trio Unico (Flöte, Cello, Klavier) Werke von Weber, Piazzolla, Mendelssohn-Bartholdy.

 
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