Zehn Jahre lang haben sich Katharina und Hektor nicht mehr gesehen. Ihre Ehe war unschön zu Ende gegangen. Jetzt begegnen sie sich wieder: im Warteraum eines Untersuchungsgefängnisses. Dort sitzt ihre Tochter Lilith ein. Für den Zuschauer ist es höchst vergnüglich anzusehen, wie sich Désirée Nosbusch und Matthias Brandt als überfordertes Ex-Paar ganz großartig angiften und es doch irgendwie miteinander aushalten müssen.
Der Film „Eine Nacht in Bangkok“ ist mehr Tragikomödie als Drama (23.9. im Ersten um 20.15 Uhr; ab dann auch in der ARD-Mediathek).
Regisseur Rainer Kaufmann und Drehbuchautor Sathyan Ramesh machen aus der eigentlich simplen Grundkonstellation eine rasante Fernsehunterhaltung - mit Witz, Ironie, Tiefe und treffsicheren Dialogen.
Neben den beiden großartigen Hauptdarstellern Nosbusch und Brandt überzeugt vor allem Danilo Kamperidis als WG-Mitbewohner von Lilith (Clara Vogt). Einziger Schwachpunkt des Filmes: der Titel. Doch dazu später mehr.
Katharina und Hektor leben in neuen, nicht unbedingt glücklichen Beziehungen. Als Yogalehrerin beziehungsweise Pfarrer wollen sie auf unterschiedliche Weise ihren Mitmenschen zu Seelenheil verhelfen - ihr eigenes und vor allem das ihrer Tochter scheinen sie dabei aus dem Blick verloren zu haben.
Als sich das Ex-Paar in der JVA wiedersieht, kommt Katharina sofort die Galle hoch. Etwas unbeholfen treten die Eltern dann im Besucherzimmer ihrer Tochter gegenüber. Die Studentin soll an einer Reihe von Einbrüchen beteiligt gewesen sein. Katharina und Hektor sind sich ausnahmsweise einig, und zwar darin, dass es sich bei der Sache um einen Justizskandal oder zumindest um eine schreckliche Verwechslung handeln muss. „Es wird alles gut“, versprechen sie Lilith. Dabei stellen sie fest, wie wenig sie eigentlich über ihre Tochter wissen.
Die unbekannte Tochter
Während Hektor in seiner Hilflosigkeit versucht, diplomatisch, sachlich und souverän zu bleiben, kann Katharina sich spitze Kommentare und Augenrollen nicht verkneifen. Sie erkennt aber trotz aller Wut, dass sie wohl nicht drum herumkommt, mit ihrem Ex-Mann zu sprechen. Als der konstatiert: „Wir sind jetzt zusammen gefragt“, kontert sie spitzfindig: „Wir sind beide gefragt.“ Katharina würde am liebsten jede Verbindung, die sie mit Hektor hat, streichen. Vergeblich, denn: „Lilith ist zwar meine Tochter, aber Du bist ja doch der Vater.“
Hektor schaltet die befreundete Anwältin Lydia (Kim Riedle) ein, die den Fall allerdings nicht so schnell gelöst sieht, wie die Eltern das gerne hätten. Also machen sie sich auf den Weg nach Rostock in Liliths Wohngemeinschaft. Der loyale Mitbewohner Robert (Danilo Kamperidis) offenbart den Eltern eine Seite ihrer Tochter, von der sie nichts geahnt haben. Außerdem stellen sie fest, dass Lilith das Studium geschmissen hat.
Vorsichtige Annäherung
Der Besuch in der WG lässt die Ex-Eheleute sich etwas annähern. „Wie geht's Dir?“, fragt Katharina Hektor. Während Lilith weiter in Untersuchungshaft sitzt, reisen die Eltern immer weiter in ihre Vergangenheit zurück.
In einer Szene tanzen sie zu dem von den Abba-Männern und Tim Rice geschriebenen und von Murray Head gesungen 80er-Jahre-Hit „One Night In Bangkok“. Psychologisch sicher eine zentrale Szene, weil sie Katharina und Hektor einander wieder näher bringt, weil sie an eine Vergangenheit erinnert werden, in der sie unbeschwert waren. Den Film deswegen mit dem Songtitel zu überschreiben, ist dann doch irritierend - oder schlichtweg zu platt.
Schwamm drüber. Der Titel ist angesichts des sehenswerten und starken Gesamtpakets eine Petitesse. Und ob das vermeintlich von Lilith begangene Verbrechen schlüssig aufgeklärt wird, ist letztlich auch zweitrangig. Steht es doch eher symbolisch und symptomatisch für die Verlorenheit und Einsamkeit der jungen Frau.
Weder Held noch Versager
„Mich interessiert an dem Film, dass er Familie weder romantisiert noch abwertet“, sagt Matthias Brandt im ARD-Interview. „Diese Menschen haben Fehler gemacht, sie haben Distanz aufgebaut, sie haben Dinge versäumt und trotzdem sind sie in dem Moment, in dem es ernst wird, da.“
An der Figur des Hektor habe ihm gefallen, dass er weder Held noch klassischer Versager sei. „Er ist jemand, der sich über Fürsorge, Haltung und Vernunft definiert und plötzlich in einer Situation landet, in der all das nicht mehr reicht.“ Diese Mischung aus Überforderung, Hilflosigkeit, Humor und dem verzweifelten Versuch, handlungsfähig zu bleiben, finde er sehr menschlich, so Brandt. „Ich hab den gut verstanden.“
© dpa-infocom, dpa:260921-930-718238/1













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