Thomas Cook ist pleite - Hunderttausende Urlauber betroffen

Der Reiseanbieter Thomas Cook hat Insolvenz beantragt. Letzte Bemühungen um Finanzierungen blieben erfolglos. Jetzt steht das Telefon von Lena Prem in Weiden nicht mehr still.

Harte Landung: Der Reisekonzern ist endgültig pleite.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

London. Der britische Reisekonzern Thomas Cook hat kein Geld mehr und deshalb den Betrieb mit sofortiger Wirkung eingestellt.

Allein aus Großbritannien sind etwa 150.000 Urlauber im Ausland von der Pleite betroffen, auch deutsche Touristen könnten die Folgen spüren. Die britische Regierung ließ die größte Rückholaktion in Friedenszeiten anlaufen.

„Wir werden jeden nach Hause bringen“, kündigte Verkehrsminister Grant Shapps auf Twitter an. Mit dem deutschen Reiseveranstalter von Thomas Cook sind nach Unternehmensangaben derzeit 140.000 Gäste unterwegs. Am Montag und Dienstag sollten 21.000 Menschen abreisen. Die deutsche Tochter Condor hält den Flugbetrieb aber aufrecht.

Lena Prem, Leiterin des Thomas-Cook-Reisebüros in Weiden, hat davon am Montagmorgen um 6 Uhr aus den Medien erfahren. Normalerweise öffnet ihr Geschäft in der Weidener Innenstadt um 9.30 Uhr. An diesem Tag hat Prem mit ihren Mitarbeiterinnen die Telefone schon um 8 Uhr für die Kunden freigeschaltet. Seitdem „geht’s ab“, berichtet Tobias Kaltenecker, Bereichsleiter der VR-Bank Nordoberpfalz. Verärgerte Kunden haben Prem und ihre vier Kolleginnen in Weiden und Eschenbach allerdings nicht am Hörer. „Die Kunden sind gut drauf“, freut sie sich. „Die sehen es positiv, dass sie einen Ansprechpartner haben.“ Denn in der Zentrale von Thomas Cook sei das nicht so. Die habe am Montag die Service-Hotline dicht gemacht, vermuten Prem und Kaltenecker. Ruft man dort an, höre man weder ein Besetzt- noch Freizeichen.

Positiver Nebeneffekt

Allen Anrufern kann das Team um Prem jedoch nicht helfen. Die Reiseberater haben nur Zugriff auf die Reisen der Kunden, die bei ihnen gebucht haben und können nur diesen helfen. Wer allerdings im Internet selbst eine Reise bei Thomas Cook gekauft hat, hat Pech. Kaltenecker freut sich über den positiven Nebeneffekt für die Wertschätzung des Services vor Ort.

Und haben Mitarbeiter Angst um ihren Job? „Nein, da mache ich mir überhaupt keine Sorgen“, sagt Prem selbstbewusst. Das Thomas-Cook-Reisebüro in Weiden und Eschenbach ist eine GmbH der Volks- und Raiffeisenbank Nordoberpfalz. „Wir sind froh, dass wir da mit dranhängen“, sagt die Prem, die das Reisebüro seit 2013 leitet. Größere Auswirkungen würden ihrer Ansicht nach Mitarbeiter in Büros verspüren, die Franchise-Unternehmen von Thomas Cook sind. In Weiden und Eschenbach verkaufen Prem und ihr Team auch Reisen anderer Anbieter. Das werde in Zukunft so bleiben. Neuer Partner ist Oberpfalz-Medien. Das Reisebüro der VR-Bank Nordoberpfalz bietet ab 1. Januar 2020 die Leserreisen an.

Condor nicht betroffen

Der Ferienflieger Condor ist nicht von der Einstellung des Flugbetriebs betroffen, aber die Fluggesellschaft darf aus rechtlichen Gründen Urlauber, die mit Thomas-Cook-Veranstaltern gebucht haben, nicht mehr an ihr Reiseziel bringen, teilte die Airline mit.

Die deutsche Thomas Cook hatte nach der Insolvenz der britischen Mutter mitgeteilt, man könne nicht gewährleisten, dass gebuchte Reisen mit Abreisedatum 23. und 24. September stattfänden.

Zuvor waren die Bemühungen um eine Rettung des angeschlagenen Konzerns gescheitert. Die britische Regierung lehnte eine Finanzierungsbitte über 150 Millionen Pfund (knapp 170 Mio Euro) ab.

Das ist natürlich eine Menge Steuergeld und stellt, wie die Menschen anerkennen werden, eine moralische Gefahr für den Fall dar, dass Unternehmen künftig mit solchen wirtschaftlichen Schwierigkeiten konfrontiert werden“, sagte Johnson noch vor der Betriebseinstellung.

Reisekonzern Thomas Cook beantragt Insolvenz

21.000 Mitarbeiter betroffen

Die Transportgewerkschaft TSSA machte die Regierung dafür verantwortlich, dass die weltweit 21.000 Mitarbeiter, davon 9000 in Großbritannien, ihre Jobs verlieren. „Dass sie (die Regierung) unsere Mitglieder lieber hängen lassen als Thomas Cook zu retten, ist beschämend und falsch“, sagte Gewerkschaftschef Manuel Cortes einer Mitteilung zufolge.

Das Unternehmen stellte einen Insolvenzantrag, wie der zweitgrößte Reisekonzern Europas auf seiner Website mitteilte. Der Flugbetrieb in Großbritannien wurde nach Angaben der britischen Luftfahrtbehörde CAA mit sofortiger Wirkung eingestellt.

Peter Fankhauser, der Chef von Thomas Cook, bezeichnete das Scheitern der Bemühungen zur Rettung des Touristikkonzerns als „verheerend“. Noch bis Sonntagabend war mit Investoren über eine zusätzliche Finanzierung in Höhe von 200 Millionen Pfund (226 Mio Euro) verhandelt worden. Der chinesische Mehrheitseigner Fosun zeigte sich „enttäuscht“.

Die deutschen Veranstaltertöchter, zu denen Marken wie Neckermann Reisen, Bucher Last Minute, Öger Tours, Air Marin und Thomas Cook Signature gehören, haben den Verkauf von Reisen nach eigenen Angaben komplett gestoppt. Man könne nicht gewährleisten, dass gebuchte Reisen mit Abreisedatum 23. und 24. September stattfinden, teilte Thomas Cook GmbH am Morgen in Oberursel bei Frankfurt mit.

Briten starten "Aktion Matterhorn"

Die Luftfahrtbehörde CAA teilte mit, sie habe eine Flugzeugflotte bereit gestellt, um Urlauber nach Großbritannien zurückzuholen. Die britische Regierung betonte, im Zuge der „Aktion Matterhorn“ würden die Maschinen Touristen ungeachtet ihrer Nationalität ausgefliegen, falls sie eine Reise mit Ziel Großbritannien gebucht hätten.

„Die größte Rückführungsaktion des Vereinigten Königreichs in Friedenszeiten ist angelaufen“, so Transportminister Shapps. „Es ist eine riesige Aufgabe, es wird einige Verzögerungen geben, aber wir arbeiten rund um die Uhr, um alles zu tun, was wir können.“ Bereits in der Nacht starteten bereits erste Flugzeuge zu verschiedenen Zielen.. Für Urlauber im Ausland wurde die Website thomascook.caa.co.uk geschaltet.

Während bei Pauschalreisenden aus Deutschland im Fall einer Insolvenz des Veranstalters ein Versicherer einspringt, bezahlt in Großbritannien der Staat für die Rückholung gestrandeter Urlauber aus dem Ausland.

Thomas Cook verhandelte zuletzt mit Investoren über weiteres Kapital in Höhe von rund 200 Millionen Pfund für seine Sanierungspläne. Diese kämen zu einem bereits ausgehandelten 900 Millionen Euro schweren Rettungspaket hinzu. Thomas Cook verhandelte zum einen mit dem chinesischen Mischkonzern Fosun, der den Tui-Konkurrenten übernehmen wollte, aber auch mit Banken und Anleihegläubigern.

Schulden in Milliardenhöhe

Thomas Cook war in den vergangenen Jahren immer wieder in Schieflage geraten. Bereits im Jahr 2012 retteten mehrere Banken den Konzern mit frischem Geld nach immensen Abschreibungen auf das britische Geschäft und IT-Systeme. Auch dadurch sitzt Thomas Cook auf einem Schuldenberg in Milliardenhöhe und ächzt unter der hohen Zinslast. Der jüngste Preiskampf im Reise- und Fluggeschäft kam erschwerend hinzu, ebenso anhaltende Unsicherheit rund um den Brexit, die die Urlaubsfreude der britischen Kundschaft dämpft.

Um dringend benötigtes Geld zu bekommen, hatte der Konzern im Februar sogar seine Fluggesellschaften samt Condor zum Verkauf gestellt. Im Juli blies er das Vorhaben wieder ab und präsentierte stattdessen einen umfangreichen Rettungsplan mit Investoren - der nun scheiterte.

Das Sommerhalbjahr bis Ende September werde deutlich schwächer als 2018, hatte Konzernchef Fankhauser Mitte Juli erklärt - und die Vorlage der Quartalszahlen abgeblasen. Dass es noch immer keine Klarheit über den Brexit gibt, dürfte die Lage noch verschärft haben. Großbritannien ist neben Deutschland der wichtigste Absatzmarkt für Thomas Cook. (dpa/esa)

Check-In-Schalter des britischen Reisekonzerns Thomas Cook im Südterminal des Flughafens Gatwick. Die Bemühungen um Rettung des angeschlagenen britischen Touristikkonzerns Thomas Cook sind gescheitert. Rick Findler/PA Wire/dpa
Ein Airbus A321 im Design des Tourismuskonzerns Thomas Cook steht auf dem Rollfeld am Gatwick Airport in Sussex.
Angestellte des Tourismuskonzerns Thomas Cook in einem Reisebüro des Konzerns. Die Bemühungen um Rettung des angeschlagenen britischen Touristikkonzerns Thomas Cook sind gescheitert.
Ein Flugzeug des britischen Reisekonzerns Thomas Cook startet in Großbritannien. Die Bemühungen um Rettung des angeschlagenen britischen Touristikkonzerns Thomas Cook sind gescheitert.

Mitteilung Thomas Cook

CAA

CAA-Website für Urlauber

TSSA-Mitteilung 1

TSSA-Mitteilung 2

Fosun

Unternehmensergebnisse im ersten Halbjahr 2019

Mitteilung von Fosun, Chinesisch

Tweet von Shapps

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