04.12.2018 - 20:44 Uhr
TirschenreuthDeutschland & Welt

Bundesverdienstkreuz für Tirschenreuther Holocaust-Überlebenden

Die Eltern von Alexander Nesanel Fried starben in den KZs der Nazis. Auch heute noch, mit 93 Jahren, kämpft der Tirschenreuther gegen Unmenschlichkeit. Zusammen mit seiner Frau Dorothea wurde er jetzt vom Bundespräsidenten ausgezeichnet.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verleiht an Alexander Nesanel Fried (rechts) und Dorothea Woiczechowski-Fried aus Tirschenreuth Bundesverdienstkreuz und Bundesverdienstmedaille.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat dazu aufgerufen, die Erinnerung an die deutschen Verbrechen der Vergangenheit wachzuhalten und Antisemitismus und Diskriminierung entschlossen zu bekämpfen. "Es gibt kein Ende des Erinnerns", sagte Steinmeier am Dienstag bei der Auszeichnung von 14 Frauen und 14 Männern mit dem Verdienstorden. Sie wurden im Schloss Bellevue für ihr herausragendes Engagement für die Gedenk- und Erinnerungskultur in Deutschland geehrt.

Unter den Geehrten befinden sich zwei Überlebende und Zeitzeugen, die sich in Tirschenreuth kennen- und lieben lernten und in der Oberpfälzer Kreisstadt leben: Der 93-jährige Historiker Alexander Nesanel Fried wurde mit dem Bundesverdienstkreuz, seine Ehefrau Dr. Dorothea Woiczechowski-Fried mit der Bundesverdienstmedaille ausgezeichnet.

Dem Tod mehrfach entkommen

Eine glückliche Jugend in Žilina, dem industriellen Zentrum der Nordwest-Slowakei, endet für Fried abrupt mit der Annexion Böhmens und Mährens und der Errichtung einer teilautonomen Slowakei von Hitlers Gnaden. Die Mutter wird von der Gestapo abgeholt. Sie stirbt später im KZ Auschwitz, sein Vater im KZ Buchenwald. Er selbst entkommt mehrfach knapp dem Tod. "Ich habe ja das Doktorat in Konzentrationslagern", sagt er sarkastisch. Er überlebt drei dieser mörderischen Einrichtungen und auch den Todesmarsch an die Ostsee, wo die Nazis planten, die geschwächten Gefangenen auf Kähnen im Meer zu versenken. Kinderärztin Woiczechowski-Fried konnte den Nationalsozialisten entkommen - ihre Mutter war Jüdin, der Vater nicht.

Weltbürger Alexander Fried studierte nach der Befreiung an verschiedenen europäischen Universitäten und arbeitete weltweit als Professor für europäische Geschichte. Von 1960 bis 1964 war er Kulturdezernent im Zentralrat der Juden. Wie schafft er es, mit 93 noch wie gedruckt zu sprechen? "Ich habe Glück", sagt er lachend, "als Kind galt für mich die Devise ,lernen', jetzt spreche ich zehn Sprachen." Das Paar widmet sein Leben der Wissenschaft und dem Kampf gegen Vorurteile und Unmenschlichkeit. An Schulen vermitteln beide den Jugendlichen, was die Gräuel des Nationalsozialismus für die Betroffenen bedeuteten. "Was wollen diese Nationalisten?", kann er den Zulauf für die Rechtspopulisten nicht verstehen. "Damals war Deutschland wegen der Nazis völlig zerstört - hat man nicht genügend gelitten?"

Am Abend hielt Professor Veit Neumann, Dozent für Pastoraltheologie am Bischöflichen Studium Rudolphinum Regensburg, die Festrede bei einer Feier für das Paar am Berliner Gendarmenmarkt im einstigen Bankhaus Mendelssohn. "Mich hat sehr berührt, dass auch Alexanders Sohn Jonathan eigens aus Dubai angereist ist", so Neumann.

"Kein Schlussstrich"

Bei der Erinnerung an Leid und Unrecht, das von Deutschen begangen wurde, "darf es keinen Schlussstrich und keine Wende zu neuem Nationalismus geben", sagte Bundespräsident Steinmeier bei der Zeremonie am Vormittag. "Diese Erinnerung ist weder Schande noch Schwäche. Im Gegenteil: Sie macht uns stärker", betonte das Staatsoberhaupt. Die Erinnerung an die Schoah und ihre Opfer gehöre heute zur Identität unseres Landes. Konsequenz daraus sei aber nicht nur der Kampf gegen Antisemitismus, sondern gegen jede Form der Diskriminierung von Minderheiten - "ganz gleich, ob wegen ihrer Religion oder Kultur, ihrer Herkunft, ihrer sozialen Situation oder ihrer sexuellen Orientierung oder Identität".

(Mit Material von dpa)

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