09.11.2018 - 14:49 Uhr
TirschenreuthDeutschland & Welt

Lachen über die Nazis

"Sein oder Nichtsein" heißt das Theaterstück des Modernen Theaters Tirschenreuth, bei dem gelacht werden darf. Ungewöhnlich dabei ist allerdings, dass über Nazis gelacht wird.

Wer erschießt wen, das ist hier die Frage.
von Ulla Britta BaumerProfil

Zwischenapplaus nach jeder Szene, frenetischer Schlussapplaus bevor das Stück richtig zu Ende ist: Die Premiere von „Sein oder Nichtsein“, inszeniert vom Modernen Theater Tirschenreuth (MTT) unter Regie von Manfred Grüssner, feiert im Kettelerhaus eine großartige Premiere. Das Publikum leistet Standing Ovations, minutenlanger Applaus begleitet das 15-köpfige Ensemble von der Bühne.

Damit sind die kritischen Stimmen im Vorfeld ausgeräumt zur Komödie „Sein oder Nichtsein“ von Nick Whitby, die mit Satire und schwarzem Humor das Nazi-Regime auf die Schippe nimmt. Jeglichen Zweifel an der Stückqualität räumt das Ensemble am Donnerstag mit einem Meisterleistung aus, die das Publikum fast vom Hocker reißt. Das MTT-Ensemble hat an diesem Abend alle Kriterien eines Profi-Theaters erfüllt.

Es geht um den Beginn des Zweiten Weltkriegs in Polen. Schauspieler proben eine antifaschistische Komödie, dann wird das Stück abgesetzt, stattdessen kommt „Hamlet“ auf den Plan. Hautdarsteller Josef Tura (witzig-grotesk: Florian Winklmüller als Hamlet in Strumpfhosen und als eitler Möchtegern-Star) ahnt nicht, dass während seines Monologs seine Ehefrau Maria Tura (Petra Sommer-Stark) in der Garderobe Besuch von ihrem Geliebten, dem polnischen Fliegerleutnant Stanislaw Sobinsky (Stefan Malzer) bekommt.

Wenn auch Spielfreude und Tempo anfänglich Raum haben, zeigt Petra Sommer-Stark als Maria von Beginn an die Gesamtbreite ihrer unübersehbar starken Bühnenpräsenz. Das hält die Waldsassenerin drei Stunden lang durch. Die Hauptrolle der Maria Tura bleibt unübertroffen die stärkste Figur des Abends. Der Ehebruch wird zur Satire Gewalt und Kriegsgebaren. Maria Tura bewundert „den Bomber“ des Fliegerleutnants süffisant und in Sprache und Mimik, die sarkastischer nicht sein könnten.

Es ist Krieg, Sobinsky (dem die Rolle auf den Leib geschnitten ist) muss weg, die polnischen Schauspieler darben dahin. Maria Tura wird zum Entsetzen aller zur Gestapo zitiert zu Gruppenführer Erhard (Martin Rother). War die Satire bis hier noch zurückhaltend, geht es jetzt in die Vollen: Martin Rother steht als Gruppenführer Erhardt in kurzen Turnhosen und engem Sportshirt auf der Bühne, wippt wie einst Franz Josef Strauß auf und ab beim Sprechen und gibt eine derart urkomische Figur als „dynamisch-sportliches“ Gestapomitglied ab.

Dann kehrt Sobinsky zurück, weil er Professor Silewski (souveräner Herbert Kreuzer) töten muss. Dieser hat eine Liste mit Widerständlern gegen das Nazi-Regime, darunter das Theaterensemble. Josef Tura, der sonst nur seine Eitelkeit pflegt, wird zum Retter. Er will Silewski töten. Der Professor wird in einer turbulent-humorigen Szene erschossen. Maria Tura muss wieder zu Erhardt. Sie versucht diplomatisch, sich aus den Fingern des schmierigen Gestapo-Mann zu entwinden, der es auf sie abgesehen hat. Auch hier setzt Petra Sommer-Stark ihre besten Waffen der Schauspielkunst und Weiblichkeit ein. Was für ein Genuss, Maria Tura und Erhadt beim ungleichen Flirt zu erleben.

Wenig später hat der jüngste Darsteller, Felix Schmidkonz, seinen großen Auftritt. Als Kind eines Juden wird der kleine Grünberg beim Gala-Abend der Gestapo brutal von den Nazis auf der Bühne herumgeschupst. Das Kind wehrt sich mit dem Monolog „Hat nicht ein Jude Hände?...“ Starke Leistung bei dieser ernsten Szene, Felix! Hier können Zuschauertränen fließen. Bis zum Happy End wird in „Sein oder Nichtsein“ das Publikum von starken Charaktere, fein ausgefeilt und mit hintergründigem Wortwitz gewürzt, durch die Grotesken des Nazi-Regimes geführt, immer mit dem nötigen Ernst der Materie. Das Gesamtwerk lebt vom Zusammenspiel der Akteure, die in ihren persönlichen Rollen vom Theaterdirektor (HansZagler) bis zur Garderobiere (Janka Hannemann-Mathes) oder den Schauspielern Eva und Rowicz (Lilly Melzer und Reiner Summer) außergewöhnliche Figuren abliefert.

Weitere Aufführungen sind am heutigen Samstag sowie am 16., 17. und 18. November, jeweils um 19.30 Uhr im Kettelerhaus Tirschenreuth. Karten and er Abendkasse.

Was für ein lächerlicher Auftritt. Sehr gut, Martin Rother als Gestapoführer Erhard.

Ehebruch in der Theatergarderobe: Bestens dargestellt von Stefan Malzer als Fliegerleutnant und Petra Sommer-Stark als die Schauspielerin Maria Tura.

TTrauer um den jüdischen Schauspieler Grünberg. Er hinterlässt ein Kind.

Hamlet als Witzfigur: Hauptdarsteller Florian Winklmüller hat die Rolle im Griff und erntet dafür Lacher und Zwischenapplaus.

Der Abschied.

Maria Tura (Petra Sommer-Stark) in den schmierigen Händen von Gestapo-Gruppenführer Erhard (Martin Rother).

Best-Off-Leistung lieferte der jüngste Darsteller Felix Schmidkonz als jüdisches Kind ab.

Perfekter Bühnentod: Professor Silewski stirbt vor den Augen des Theaterensembles.

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