26.10.2018 - 12:35 Uhr
TirschenreuthDeutschland & Welt

Seiltanz zwischen Spiel und Wirklichkeit

Kann es lustig sein, Nazis zu veräppeln? Das fragte sich Regisseur Manfred Grüssner, als er für sein Theaterensemble das Stück „Sein oder nicht sein“ in der Bühnenfassung von Nick Whitby gewählt hat. Die Antwort gibt das Stück selbst.

Szenen das Abschieds: Bleibt nur die Flucht?
von Ulla Britta BaumerProfil

"Sein oder nicht sein" auf der Theaterbühne des MTT? Das klingt nach Hamlet. Ist es aber nicht. Oder besser gesagt, nur bedingt. Denn tatsächlich kommt Hamlet im Bühnenstück von Nick Whitby unter Regie von Manfred Grüssner vor. Nur hat der Klassiker diesmal lediglich eine "Hintergrundrolle", wenn auch eine wichtige.

Bei dem Kammerspiel, das am Donnerstag, 8. November, Premiere hat, wird "Theater im Theater" gespielt. Das ist ganz einfach zu verstehen: Das Ensemble spielt mit "Sein oder nicht sein" nach einer Filmvorlage des polnischen Regisseurs Ernst Lubitsch aus dem Jahr 1942 ein damaliges Theaterensemble, das sich den Nazis erfolgreich widersetzen konnte. "Darf man heute über Hitler lachen?", fragt sich Manfred Grüssner, durchaus berechtigt. Ernst Lubitsch tat es in seinem Film, der heute in seiner Theaterfassung regelmäßig auf großen Bühnen gespielt wird.

Mit Satire entwaffnet

Das moderne Theater Tirschenreuth (MTT) will damit seinem Publikum zeigen, dass tödlicher Ernst durchaus auch mit Satire entwaffnet werden kann. Damals, als der Film im besetzten Polen während des Zweiten Weltkriegs herauskam, war dies ein gewiss lebensgefährlicher Seiltanz zwischen Spiel und Wirklichkeit. Heute dürfen sich die Zuschauer im Kettelerhaus auf einen mit feinsinnigen Humor getränkten Theaterabend freuen. "Es darf gelacht werden", betont Grüssner und fügt an, "wir bauen im Stück auf Ironie, Satire und schwarzen Humor". So will es die Drehbuchvorlage.

Klezmer und Nazi-Uniform

Dabei ist das Einstudieren von Humor auf einer Bühne wesentlich schwieriger als "tödlicher Ernst". Grüssner hat seinem Ensemble in wochenlangen Proben diesen unnachahmlich-sarkastischen Wortwitz geradezu eingetrichtert. MTT-Vorsitzender und Hauptdarsteller Florian Winklmüller, der gleichzeitig Produktionsleiter ist, tut dies als Josef Tura in einer Szene sogar auf Polnisch. Die Betonung lernen sei ihm am schwersten gefallen, sagt er. Winklmüller hat sich als sprachlichen Berater den Chefarzt aus der Kardiologie des Kreiskrankenhauses Tirschenreuth geholt. Rafael Ulrych ist gebürtiger Pole.

Profitänzerin Nikola Müller hat mit einigen Darstellern einen jüdischen Tanz einstudiert, Franka Plössner und Stefan Jordanesku begleiten das Stück live mit Klezmer-Musik. Kaum zu glauben: Während gute Leute fürs Ensemble und die Gesamtproduktion leicht zu gewinnen waren, hat ausgerechnet diesmal die Kostümbeschaffung Schwierigkeiten gemacht. Für die Nazi-Uniformen mussten die Tirschenreuther bis zum Kostümverleih Vogl nach Eggenfelden fahren. "Nirgendwo gab es diese Uniformen." Das hat einen Grund: Grüssner berichtet, sogar dort noch habe man unterschreiben müssen, dass die Kostüme nur für die Bühne und die Proben getragen werden dürfen. "Meine Leute dürfen nicht einmal damit zum Rauchen raus vor die Tür des Kettelerhauses gehen", sagt Güssner. Selbst er wurde von solch strengen Bestimmungen überrascht.

Hintergrund:

Alles dreht sich im Stück um Warschau 1939, kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Das Theaterensemble um Joseph Tura und seine Frau Maria müssen auf Druck der Regierung von Polen ein antifaschistisches Stück absetzen. Stattdessen steht Hamlet auf dem Spielplan. Wenig später wird Warschau bombardiert und nichts ist mehr, wie es war. Darsteller sind unter anderem Florian Winklmüller (Josef Tura), Petra Sommer-Stark (Maria Tura), Stefan Malzer (Stanislaw Sobinsky, polnischer Fliegeroffizier), Johannes Zagler (Dowasz, Schauspieldirektor), Herbert Kreuzer (Professor Silewski, Spion für die Gestapo). Termine: Donnerstag, 8., Samstag, 10., Freitag, 16., Samstag, 17. und Sonntag, 18. November.

Es spielen nur drei Frauen im Stück mit, doch sind es starke Rollen.

Tickets und Informationen

Das "Polski Theater" ist ein wichtiger Schauplatz von "Sein oder nicht sein".
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