Transparente Fehlerkultur als Pflicht

Der ehemalige Chefredakteur des "Spiegel", Georg Mascolo, sagt: Fehler sind selbst in einem hochprofessionell arbeitenden Betrieb "nahezu unvermeidlich".

Teilnehmer der Jahreskonferenz des Vereins Netzwerk Recherche auf dem Weg zur Eröffnungsveranstaltung. Netzwerk Recherche e.V. wurde 2001 gegründet, um die journalistische Recherche und den Qualitätsjournalismus in Deutschland zu stärken.
von Agentur DPAProfil

Wenn Journalisten Berichte fälschen, ist das schlecht für die Glaubwürdigkeit der gesamten Branche. Gleichzeitig aber können solche Fälle dem Journalismus auch helfen. Davon sind Teilnehmer des Netzwerk-Recherche-Treffens in Hamburg überzeugt.

Der Fälschungsfall um den Reporter Claas Relotius hatte den Auftakt des Jahrestreffens der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche in Hamburg bestimmt. Er habe dem "Spiegel"-Verlag auch gezeigt, dass es wichtig ist, über eigene Fehler zu sprechen und sie zuzugeben, sagte Cordula Meyer, Deutschland-Ressort-Leiterin beim "Spiegel". "Sie passieren uns (...) in der einen oder anderen Form jeden Tag." Indem darüber gesprochen werde, könnten zudem Mechanismen geschaffen werden, dass andere auf die Redaktion zukommen und auf Fehler hinweisen. Gleichzeitig sei es wichtig, dass Kritik und Fehler innerhalb einer Redaktion in einer angstfreien Atmosphäre zur Sprache gebracht werden können. "Es muss innerhalb von Redaktionen ein Forum geben, wo solche - auch ganz grundsätzliche - Kritik angebracht werden kann, ohne dass es gleich für den einen oder den anderen existenzvernichtend ist", sagte Meyer dazu.

Fälschen andere Kategorie

Der "Spiegel"-Verlag hatte die Fälschungen im Dezember 2018 öffentlich gemacht. Der Journalist Claas Relotius hatte zuvor in der Zeitschrift Reportagen veröffentlicht, in denen er zum Teil Protagonisten und Szenen erfunden hatte. Daraufhin gab es intensive Diskussionen über die Glaubwürdigkeit der Medien.

Grundsätzlich sei es in dieser Debatte wichtig, zwischen Fehlern und Fälschungen zu unterscheiden, sagte der ehemalige "Spiegel"-Chefredakteur Georg Mascolo dazu. "Fälschen ist doch noch mal eine ganz andere Kategorie, und das müssen wir auseinanderhalten." Fälschen sei eine ganz bewusste Entscheidung. Es sei dagegen nahezu unvermeidlich, dass es selbst in einem hochprofessionellen Betrieb zu Fehlern komme.

"Ich glaube, dass es erstens eine Verpflichtung ist und zweitens unsere Glaubwürdigkeit stärkt und dass wir es unserem Publikum schulden, mit all diesen Fehlern und Versäumnissen viel transparenter umzugehen, als wir das bisher gemacht haben", sagte Mascolo weiter. Fehler sollten nicht geleugnet, sondern transparent veröffentlicht werden. Das sollte eine Pflicht innerhalb der Medien sein, so Mascolo.

Auch "Bildblog"-Gründer Stefan Niggemeier plädierte dafür, mit Fehlern offensiver umzugehen. Jeder Fehler sollte als Chance genutzt werden, um Vertrauen zu gewinnen. "Das ist für mich auch Fehlerkultur."

Texte müssen stimmen

Der Hamburger Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma votierte mit Blick auf die Relotius-Reportagen für eine strengere Trennung von Literatur und Journalismus. "Die Reportage ist keine Literaturform in dem Sinne, dass sie die Lizenz hat, dass sie machen kann, was sie will", sagte der 66-Jährige. Er erwarte von Texten in einer Zeitung oder Zeitschrift vor allem, dass sie stimmten. Er erwarte kein literarisches Erlebnis. "Wenn wir nicht informiert werden, sondern irgendwelchen erdichteten Schrott bekommen, dann werden wir am Kiosk betrogen."

Netzwerk Recherche, ein eingetragener Verein, wurde im Jahr 2001 gegründet, um die journalistische Recherche und den Qualitätsjournalismus in Deutschland zu stärken.

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