Trauer in Vollendung

1957 war Frank Sinatra emotional ein Wrack. Die gerade mal sechs Jahre zuvor geschlossene - seine zweite - Ehe mit Film-Diva Ava Gardner war frisch geschieden worden. Die CD "Sings For Only The Lonely" ist Ausdruck dieser Krise.

Die CD "Frank Sinatra sings for only the lonely" zählt heute zu seinen Meisterwerken.
von Autor MFGProfil

Im Frühjahr 1958 begab sich "Ol' Blue Eyes", wie der italienisch-stämmige charismatische Sänger, geboren 1915 im US-Bundesstaat New Jersey, bis heute ehrfürchtig genannt wird, zusammen mit Meister-Produzent Nelson Riddle (u. a. Ella Fitzgerald, Linda Ronstadt) in ein New Yorker Studio, um dort nächtens sein Opus Magnum aufzunehmen, während er untertags Bourbon trank, viele Tränen vergoss und mit seinem Schicksal haderte. Ein schwerst geprüfter Mann, der gerne austeilte bei der Damenwelt. Und nicht gut einstecken konnte, wenn die Ladys sich von ihm abwandten.

"Frank Sinatra Sings For Only The Lonely" (Universal Music) nennt sich das Meisterwerk, das vor kurzem anlässlich seines 60. Jubiläums erneut erschienen ist. Darauf zu hören ist Trauer in Vollendung. Der nach seinem Scheidungskrieg mit Gardner verschmähte Vokalist wollte diese Platte ursprünglich sarkastisch "Frank Sinatra Sings For Losers Only" betiteln. Die Plattenfirma "Capitol Records" ließ das jedoch nicht durchgehen.

Samtene Stimme

Was nichts daran ändert, dass diese Scheibe eine der existenziell tristesten Werke aller Zeiten ist. Wobei das Resultat letztlich vollkommen umangestrengt daher kommt. Denn "The Voice", wie Sinatra gleichfalls immer wieder genannt wird, besaß nunmal diese originär-samtene Stimme. Und Riddles Orchestrierung verfügt über eine Eleganz, die ihresgleichen sucht. Selbst wenn Frankie in einem der Stücke singt, dass er "seine Tränen zum Trocknen nach draußen hängt" - der Hörer ist bestürzt, doch gerade solche Songs geben dem vielleicht selbst Verlassenen einen merkwürdigen Trost mit auf den Weg.

Mit "Sings For Only The Lonely" wurde Sinatra endgültig zum Idol einsamer Nachtschwärmer, zum Helden aller verzweifelt nach erfüllender Sehnsucht Gierenden und zum Ritter der tragischen Emotions-Gestalt. Viele Hörer sehen diesen Geniestreich bis heute als Soundtrack des legendären Bilds "Nighthawks" des US-Malers Edward Hopper.

Es gibt kaum ein anderes Album, das dermaßen gezeichnet ist von den Erschütterungen der Seele seiner Protagonisten. Denn nicht nur "Frankie-Boy" ging durch die Hölle der Leidenschafts-Qualen, hatte sich Ava Gardner doch ohne ihn zu fragen für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden und diesen umgesetzt. Auch Orchesterleiter und Streicherarrangeur Nelson Riddle war am Boden zerstört, hatte er drei Monate vor Beginn der Aufnahmen den Tod seiner Tochter zu verkraften. Während der Sessions starb auch noch seine Mutter an Krebs.

Ein Jahrhundertwerk

Im Elend schicksalhaft verbunden lieferten Riddle und "Ol' Blue Eyes" geradezu zwangsweise den Geniestreich ihres Lebens ab. Obwohl Sinatra, wie stets, keinen einzigen Text selbst geschrieben hat, nimmt man ihm jedes gesungene Wort zu 150 Prozent ab. Er hatte sich richtiggehend hinein gefressen in das ihm vorlegende Vers-Material. Und hatte es offenbar dermaßen verinnerlicht, dass die Lyrics ihm wie seine eigenen vorkommen durften. Diese Aufnahme, die in verschiedenen Versionen, teilweise gepaart mit Bonus-Tracks, gerade als Doppel-CD in Mono- und Stereo-Qualität (wobei erstere die zweitere an Intensität und Einfühlsamkeit schlägt) auf den Markt gekommen ist, berührt mit einer Bittersüße, die man seither kaum von einem anderen Künstler gehört hat. Gerade weil sie von einer universellen Morbidität leben, werden diese Tracks niemals an Glaubwürdigkeit und auf der anderen Seite Nonchalance in all ihrer Abgründigkeit verlieren.

Ein Jahrhundertwerk für alle Zweifler. Lieder, die im Gegenzug nie verzweifeln lassen. Auch und gerade deshalb, weil die besungenen Protagonisten eine große Liebe hinter sich wissen. Und davon ausgehen, dass die nächste große Liebe bereits an der Ecke gleich nebenan auf sie wartet. Alles wird gut. Hoffentlich. Es muss ja weitergehen mit der Liebe. Irgendwie.

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