Unglaubliche Vitalität

Es waren wilde Zeiten im "Swinging London" der 60er Jahre - und mittendrin ein schlaksiger Musiker mit Hornbrille und seltsamen Bartwuchs

1975 erschien „Nightingales & Bombers“ und die Manfred Mann’s Earth Band war in folgender Besetzung unterwegs: (von links) Chris Slade, Mick Rogers, Manfred Mann, Colin Pattenden.
von Autor MFGProfil

Manfred Sepse Lubowitz heißt der Bursche im zivilen Leben. Doch bald schon nennt er sich, auf Geheiß seines damaligen Managers, Manfred Mann, gleichfalls seine Combo. Mann, der 1961 von seiner südafrikanischen Heimatstadt Johannesburg in die brodelnde britische Metropole zog, war ein begnadeter Pianist, der am Beat-Kuchen partizipieren wollte.

Und tatsächlich folgte ab 1962 bis zur Auflösung der Gruppe sieben Jahre später ein Gassenhauer auf den nächsten: „Do Wah Diddy Diddy“, „Mighty Quinn“ oder „Ha! Ha! Said The Clown“ machten dank ihrer energischen Eindringlichkeit jede Jukebox unsicher. Was zur Folge hatte, dass Manfred Mann zwischen 1964 bis 1969 Stammgäste beim britischen Radio BBC waren und dort live im Studio auftreten durften.

Auszüge dieser wilden Sessions sind auf zwei Doppel-CD’s erschienen, vermengt mit Interviews aus jener Zeit plus bislang unveröffentlichten Tracks. Doch damit nicht genug: Ein weiterer Doppeldecker beschäftigt sich mit Live-Sessions und Studioraritäten von Manfred Manns Experimental-Projekt Chapter III. Und die vierte und letzte Ausgabe der „Radio Days“, wie sich diese Serie nennt, bietet erstaunliche Dokumente aus der Frühzeit von Manfred Mann’s Earth Band, die bis heute existiert.

Mick Rodgers war von 1971 bis 1975 Gitarrist bei letzt genannter Formation. 1983 stieg der Mann aus der englischen Grafschaft Essex wieder ein und ist bis heute an Bord der Pioniere des progressiven Rocks. Der 72jährige erinnert sich an seine Dekaden mit dieser musikalischen Institution im Gespräch.

ONETZ: Wann und warum haben Sie Ihr ursprünglich erlerntes Instrument, den Kontrabass, gegen die elektrische Gitarre eingetauscht?

Mick Rogers: Mein Onkel war Kontrabassist – und großer Held meiner Jugend. Er hat mich inspiriert, dieses Monster zu spielen. Gleichzeitig war dieser Onkel auch begnadeter Gitarrist. Anfang der 60er drückte er mir seine Klampfe in die Hand, zeigte mir ein paar Griffe und meinte: „Junge, wenn den Beat-Zug nicht verpassen und von moderner Musik leben willst, dann eigne dir dieses Ding an.“ Ich war vom ersten Moment an davon infiziert.

ONETZ: Tatsächlich haben Sie in den 60ern mit Beat-Helden wie Adam Faith oder Gene Pitney in Australien gespielt, ehe Sie Ende 1970 nach England zurückkehrten, um dort Manfred Mann’s Earth Band mit ins Leben zu rufen. Wie kam es dazu?

Mick Rogers: Manfred und ich wurden einander durch gemeinsame Musiker-Freunde vorgestellt. Zumindest ich aus meiner Perspektive kann behaupten, dass mir der Bursche vom ersten Moment an sympathisch war. Man hatte mich gewarnt, dass er ein etwas verschrobener, gelegentlich unleidlicher Zeitgenosse sei. Okay, es ist nicht immer ganz leicht mit ihm. Aber wenn man ihn zu nehmen weiß, ist er einer der spannendsten Typen, die ich kenne. Bis heute.

ONETZ: Die Earth Band wird oft und gerne als „Pioniere des Progressive Rock“ bezeichnet. Fühlen Sie sich in dieser Ecke wohl?

Mick Rogers: Ich habe diese Gruppe von Beginn an geliebt! Weil vier Persönlichkeiten zusammen gekommen waren, von denen jeder auf seine Art immenses Talent besitzt. Zwar mag die Combo nach Manfred benannt sein. Aber wir waren – und sind – stets gleichberechtigte Kreativpartner. Bei so viel Intuition hatte der Kerl gar keine Chance, sich gegen all unsere Ideen zu wehren.

ONETZ: Welche Erinnerungen haben Sie speziell an die BBC-Aufnahmen von 1972 und 1973, die jetzt auf „Radio Days Vol. 4“ erschienen sind?

Mick Rogers: Der britische Kult-Produzent John Peel zeichnet dafür verantwortlich. Er hatte uns eingeladen, denn er hat für unsere Musik lichterloh gebrannt! Was mich an dieser Serie so begeistert, ist diese unglaubliche Vitalität, welche dem Außenstehenden vermittelt wird. Man kommt sich als Hörer vor, als würde man im Tonstudio sitzen. So stelle ich mir den puren, perfekten Live-Charakter einer Aufnahme vor.

ONETZ: Bei den Aufnahmen zu den „Radio Days“ 1–3, die sämtlich in den 60ern entstanden sind, waren Sie logischer Weise nicht dabei. Haben Sie mit Manfred mal darüber gesprochen?

Mick Rogers: Natürlich – und ich weiß, dass er reichlich stolz auf den Stoff ist! Nicht umsonst hat er das Logo „Artist Approved“ frei gegeben. Was bedeutet, dass er voll und ganz hinter dem Zeug steht. Erst mit der Veröffentlichung dieser vier Doppel-CDs schließt sich der Kreativ-Kreis um das Schaffen von Manfred Mann zwischen 1964 bis 1973. Das ist zunächst mal klassischer Beat, der allerdings rasch erweitert wird um Pop- und vor allem Rock-Elemente. Auf „Volume 3“ wird’s ziemlich experimentell und jazzig. Und nachdem ich dazu stieß, machte man sich in Prog-Gefilde auf.

ONETZ: Obwohl Sie die Earth Band für dermaßen spannend hielten, haben Sie ihr 1975 den Rücken gekehrt. Wieso?

Mick Rogers: Ich war stets eher ein Anhänger von Avantgarde-Progressiven wie John McLaughlin und vor allem Frank Zappa. Deren Sound-Ideen hätte ich gerne mehr in die Earth Band eingebracht. Doch dagegen wehrten sich die restlichen Mitglieder. Es war Zeit zu gehen.

ONETZ: … um 1983 zurückzukommen…

Mick Rogers: Ganz genau! Ich habe mich acht Jahre lang ausgetobt. Um festzustellen, dass Manfred Mann ein Genie ist, der zeitlose Musik komponiert. Das schätze ich mittlerweile sehr. Und obwohl er nächstes Jahr 80 wird, stehen noch ein paar Bühnenjahre bevor, da bin ich mir sicher. Wäre schön, wenn ich diese Jahre weiter an seiner Seite stehen darf.

Info:

Sevice

Manfred Mann’s Earthband spielt am Mittwoch, 24. Juli in Nürnberg (Serendadenhof) und am Freitag, 7. September, in Wunsiedel (Luisenburg), mit Special Guest Glenn Hughes.

Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter Telefon 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0

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