18.12.2019 - 22:45 Uhr
MünchenDeutschland & Welt

Verbindungen der prom-bastischen Art

Musik verbindet. Bei "Night of the Proms" ist dieses geflügelte Wort von jeher das grundlegende Konzept. 30 000 Musikfans an drei Abenden in München erleben dennoch eine positive Überraschung.

von Tobias Schwarzmeier Kontakt Profil

Selten ist das dreistündige "Rock und Klassik"-Erlebnis so in sich stimmig wie in der 26. Auflage der Veranstaltungsreihe. Vielleicht liegt es daran, dass in der dreimal ausverkauften Olympiahalle zwar große Namen, aber nicht die dominierenden Paradiesvögel auf der Bühne stehen. Alan Parsons, "Al McKay's Earth, Wind & Fire Experience" und The Hooters stehen für ausgefeilte Kompositionen und sich tief einprägende Songs. Nicht für den schnellen Applaus.

So gehen die rockigen Hooters-Klassiker wie "Johnny B", "All You Zombies" und "500 Miles" mit den spielfreudigen Eric Bazilian und Rob Hyman runter wie Öl. Das von Letzterem geschriebene "Time After Time" lässt beim gemeinsamen Auftritt auch "German Act" Leslie Clio glänzen, die sonst an einem bemerkenswerten Abend blass blieb.

Auch Alan Parsons zeigt bei den Proms, dass er mehr noch als ein genialer Arrangeur und Tonkünstler, nämlich ein begnadeter Musiker ist. Perfekt inszeniert überlässt er bei selbst nur minimalistischer Bewegung zu Gesang und Gitarrenspiel die theatralische Show seinen Sängern. Aktuellen wie Todd Cooper oder P. J. Olsson, die Kracher wie "Sirius/Eye in the sky" oder "Games people play" zu Höhepunkten des Abend machen, oder früheren.

Rhapsody mit 100 Musikerstärken

Wie John Miles, dessen "Night oft the Proms"-Hymne "Music" einst von Parsons produziert wurde. Miles wagt sich im Strudel des großen Queen-Hypes an deren Sahnestück "Bohemian Rhapsody" und glänzt - mit der orchestralen Durchschlagskraft des 72-köpfigen "Antwerp Philharmonic Orchestra", dem Background und den 24 Sängern des Chors "Fine Fleur" im Rücken.

Die Klassik ist gefühlt mehr gleichberechtigter Partner statt schmückendes Beiwerk als bis dato. Unter Leitung der lebhaften brasilianischen Dirigentin Alexandra Arriche werden Klassiker wie "Schwanensee" neu belebt. Auch Mash-Ups wie "Bach Meets Timberlake" oder "Someone You Loved" gefallen.

Für die quietschbunten Farbtupfer sorgt der heimliche Star des Abends: Die Sopranistin Natalie Choquette wirbelt 20 Jahre nach ihrem ersten Prom-Auftritt heftig durch das Gefühlsleben der Zuhörer. Die Kanadierin macht aus ihrem gerade operierten, gebrochen Bein eine witzige Show, reißt die Tenor-Domäne "Nessun Dorma" brillant an sich, singt bei Spaghetti und Wein gurgelnd und mit vollem Mund einen kulinarische Variante von "O Sole Mio", pusht das Tempo mit "Kalinka", ehe sie beim wunderbaren "Ave Maria" (Schubert) zu Tränen rührt. Beim ambitionierten Peter Gabriel/Kate Bush-Duett "Don't Give Up" sorgt sie mit John Miles für eine echte Gänsehaut.

Auf ein verbindendes klassisches Element, den üblichen Zuschauer-Walzer, verzichtet NOTP 2019, nicht aber auf den Tanz an sich. Der ohnehin treibende Rhythmus von Ravels "Bolero" etwa verschmilzt durch einen härteren Beat mit den frischen Moves der starken Dance-Crew "Let's Go Urban".

Die Verbindungen greifen ineinander und bekommen im gemeinsamen Finale aller mit "All You Need Is Love" den letzten Schliff. Denn welches Element verbindet noch mehr als die Liebe?

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