20.10.2019 - 23:12 Uhr
VohenstraußDeutschland & Welt

Frech-frivol in den Untergang

Wild, locker und freizügig. So erscheint Schriftsteller Cliff Bradshaw das Berlin zwischen den Weltkriegen, in das er eintaucht. Doch bald muss er feststellen: Das Leben ist – obwohl die Szene es mit Verve lebt und besingt – kein Cabaret.

von Tobias Schwarzmeier Kontakt Profil

Der gleichnamige Musicalstoff, dessen sich das Landestheater Oberpfalz (LTO) für den Kulturherbst angenommen hat, könnte nicht zeitgemäßer sein. Eine ich-bezogene Spaßgesellschaft, die sich langsam überlebt hat, und in der radikale Kräfte immer mehr an Boden zu gewinnen drohen. Die vielschichtigen Reaktionen des Publikums bei der gelungenen Premiere am Freitag zeigen, wie stark "Cabaret" berührt.

Zumal es im Stück nach Joe Masteroff, das LTO-Regisseur Till Rickelt und sein junges Ensemble mit viel Emotion umsetzen, bereits zu spät ist. Die fatale Entwicklung, der aufkommende Nationalsozialismus, ist nicht mehr aufzuhalten. Doch noch wird im berüchtigten Kit-Kat-Club gefeiert. Die androgyne Conférencieuse (die großartige Linde Hammer changiert mit sichtlichem Vergnügen zwischen den Geschlechtern) und ihre sexy Kit-Kat-Tänzerinnen und -Tänzer geben den Takt an.

Vielschichtige Diva

Attraktion im Club ist aber Sängerin Sally Bowles, in die sich Cliff (auch gesanglich stark: David Endress) verliebt. Doris Hofmann spielt die tragische Figur in bester Liza-Minnelli-Manier schonungslos. Eine leicht zynisch gewordene Diva mit wunden Punkten, die sich im Leben treiben lässt und nach einer kurzen Begegnung bereits bei dem mittellosen Autor einzieht. Und schwanger wird.

Die bewegende Inszenierung in der Stadthalle verzichtet auf üppige Kulissen und vermeidet es, Szenen allzu drastisch darzustellen (etwa bei Cliffs Schlägerei) oder "nazi-symbolisch" aufzubauschen. Dafür setzt die schlüssige Bearbeitung auf ein elegant variierendes Spieltempo und clevere Andeutungen. Fantasievolle Kostüme, burleske Tanzszenen, "extra-ordinärer" Wortwitz und das gesanglich und schauspielerisch überzeugende Ensemble beeindrucken.

Die ausgefeilte Live-Musik, die anfangs einige Male unter Störungen durch angeschaltete Zuschauerhandys leiden musste, begeistert. Thomas Basy gelingt es, mit seiner fünfköpfigen Live-Band (ein Sonderlob für Multiinstrumentalist Markus König) die Motive und Aussage von Fred Ebbs Musik so zu variieren, dass selbst bei krassen Wendungen der Handlung die wunderbaren Charleston-Standards ohrwurmartig weiterklingen. Beschwingte Evergreens wie "Life is a cabaret" sowie "Money, Money" und "Mein Herr" – letztere stammen aus der Verfilmung des Stoffs und wurden dem Original-Musical hinzugefügt – reißen einfach mit.

Den Höhepunkt und zugleich die symbolische Zeitenwende bildet aber "Der morgige Tag ist mein". Marion Weißmeyers gesanglich herausragende Interpretation (in der Rolle der Fräulein Kost) des "Vaterländischen Weckrufs" in Kombination mit einem Nazi, der im Hintergrund erscheint und immer dominanter wird, jagt den Zuhörern eine Gänsehaut ein.

Bekannter wird Bösewicht

All dies wirft ein eindringliches Kopfkino an. Und das Publikum fiebert und leidet mit. Besonders mit den fragilen Liebesbeziehungen: Neben den Bindungs-Dilettanten Sally und Cliff scheinen auch Vermieterin Fräulein Schneider (Claudia Lohmann) und der jüdische Obsthändler Herr Schultz (Ruppert Grünbauer) ein spätes Liebesglück zu finden.

Doch nach deren Verlobung wächst der Druck: Bradshaws Bekannter Ernst, ein Nazi, warnt Schneider vor dieser Ehe. Julian Struck gibt den schmierigen Widerling mit so viel Bösartigkeit derart überzeugend, dass das Publikum am Ende sogar zögert und zu überlegen scheint, ob es klatschen soll. Natürlich erhält Struck nach einem außergewöhnlichen Theaterabend seinen Applaus wie der gesamte Cast. Denn das Stück hallt wie seine Songs nach.

Es wird deutlich, dass es nicht erst die Machtergreifung braucht, um Existenzen zu zerstören. Während Schulz die "Nazi-Phase" aussitzen will, trennt sich Schneider angesichts drohender Repressalien von ihm. Cliff geht in die USA zurück. Sally hingegen scheut Veränderung und krallt sich an einem Trugbild fest. Aber nicht lange. Bald schon tanzen ihre Kit-Kat-Girls im Marschschritt in schwarzen Corsagen und blonden Perücken. Gleichmacherei – erschreckender als jede Nazi-Uniform.

Karten für "Cabaret":

Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter Telefon: 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0 sowie unter www.nt-ticket.de

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