26.12.2018 - 17:00 Uhr
WackersdorfDeutschland & Welt

WAAihnacht in Wackersdorf: Das Christkind im Hüttendorf

Männer und Frauen haben die Krippe in den Wald geholt. Für die Staatsregierung sind es Chaoten, doch es geht fröhlich zu im Taxöldener Forst. An Heiligabend 1985, vor 33 Jahren, wird im Hüttendorf bei Wackersdorf ein Zeichen gesetzt: Ein atomares Großprojekt ist in der Oberpfalz unerwünscht.

Heilig Abend im Hüttendorf. Weiß war die Weihnacht aber auch damals im Hüttendorf nicht
von Autor HOUProfil

Weiß jemand noch, wo er am 24. Dezember 1985 war? Selbst angesichts der Weihnachtsfeste setzt das Langzeitgedächtnis mitunter aus. Nicht aber bei annähernd 2000 Menschen, die an dem denkwürdigen Heiligen Abend in einen Wald östlich von Wackersdorf stapften. Unter ihnen war der Amberger Autor Fritz Brandl. "Was dort war", sagt er heute mit lebhafter Erinnerung, "werde ich nie vergessen".

Die "Deutsche Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen" (DWK) wollte im Taxöldener Forst ein atomare Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) bauen. Das tat sie mit Unterstützung der CSU-Staatsregierung. Doch in der Oberpfalz und darüber hinaus regte sich Widerstand. Das umstrittene, milliardenteure Projekt ging dennoch unaufhaltsam seinen Weg. Am 11. Dezember 1985 begann nach einer Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs München die Rodung von 160 Hektar Wald. Kurz darauf errichteten Gegner ein Hüttendorf. Doch es stand nicht lange. 2000 Polizeibeamte kamen, rissen es nieder und nahmen 850 Leute fest. Später baute man eigene Gerichtssäle, um die Festgenommenen abzuurteilen.

Doch der Widerstands ruhte nicht, er ließ neue Hütten entstehen. Ein Dorf aus Stämmen und Ästen, das an die Gallier in ihrem Kampf gegen die Römer erinnerte. David gab sich nicht geschlagen. Und Goliath, wenn man so will, ließ weihnachtlichen Frieden walten. Mit anderen Worten: Auf morastigem Boden, bedeckt von Eis und Schnee, begann ein Heiliger Abend, der sich in so eindrucksvoller Form für alle Teilnehmer nie wiederholte. Sie feierten in der "Freien Republik Wackerland". Am Nachmittag scharten zwei Geistliche am sogenannten Roten Kreuz, einem Platz nicht weit vom Hüttendorf, viele Menschen um sich. Bei dieser ökumenischen Andacht sagte der evangelische Stadtpfarrer Gerhard Roth aus Schwandorf: "Es stehen mehr Fragen als Antworten im Raum". Der katholische Theologe Leo Feichtmeier aus Nittenau ließ in den Fürbitten sagen: "Gib Kraft, Unrecht beim Namen zu nennen." Nur ein paar Meter weiter standen die Krippe und eine geschmückte Fichte inmitten des Hüttendorfs. Menschen kamen mit Plätzchen und Stollen, manche schleppten Suppe und Gulasch in Kesseln herbei. Akte der Solidarität für alle, die in dieser aus globigem Holz errichteten Siedlung auszuharren gedachten.

Fritz Brandl und sein Autorenkollege Harald Grill lasen aus ihren Arbeiten. Neben ihnen standen der damalige Bund-Naturschutz-Vorsitzende Hubert Weinzierl und seine Frau Beate. Er trug die Sorgen des WAA-Widerstands vor, sie fotografierte. Dann erklangen Weihnachtslieder, spielte eine Kapelle. "Ich weiß nicht mehr in jedem Detail, wie das war", sagt Schwandorfs Altlandrat Hans Schuierer (SPD). Doch dem 87-Jährigen ist im Gedächtnis geblieben: "Was da vonstatten ging, war großartig." Schuierers Heimweg kreuzte sich damals mit denen der Reporter. Sie mussten heim, weil dort die Kinder warteten. Doch alle wussten: Auch dieses zweite Hüttendorf, am Heiligen Abend 1985 eine Art Bethlehem für alle, war dem Abriss geweiht.

In den Tagen nach Weihnachten kamen Leute wie Gerhard Polt und die Biermösl Blosn, wurde intensiv mit dicker wollener Weste und wärmenden Hauben weiter Front gemacht gegen das Atomprojekt. Doch am 7. Januar 1986, dem Tag nach Dreikönig, war alles vorbei. Tausende von Polizisten marschierten auf, rissen die Hütten nieder und machten unzählige Festnahmen. 33 Jahre später ist wieder Weihnacht. Es kann gefeiert werden in der Gewissheit, dass am Ende die Vernunft siegte. Stollen, Punsch, Gulasch, ausgegeben in einer Atmosphäre, die alles andere wie daheim im Wohnzimmer war. "Doch genau das ist es gewesen, was man nicht vergisst", sagt Hans Schuierer und fügt hinzu: "Wir haben diese WAA verhindert - und es ist gut so."

Damals vor 33 Jahren: Die Autoren Fritz Brandl (links) aus Amberg und Harald Grill aus Wald bei Roding lesen an Heiligabend 1985 im WAA-Hüttendorf aus ihren schriftstellerischen Arbeiten. Ein Weihnachten, das beide nie vergessen werden.
Weihnachten im Hüttendorf
Weihnachten im Hüttendorf
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.