14.09.2018 - 10:47 Uhr
Deutschland & Welt

"Die Wahrheit unter vielen möglichen Wahrheiten finden"

Eine internationale Studie hat ergeben: Nicht einmal jeder zweite Deutsche ist davon überzeugt, Falschnachrichten auch als solche zu erkennen.

Ein Mann trägt beim politischen Aschermittwoch der baden-württembergischen CDU heuer im Februar ein Schild mit der Aufschrift „Fake News“.

(nt/az) Lügenpresse, Fake News, alternative Fakten: Diese und ähnliche Begriffe sind nicht nur auf der anderen Seite des Atlantiks, sondern inzwischen auch hierzulande fester Bestandteil des politischen, medialen und zivilgesellschaftlichen Diskurses. Im weltweiten Vergleich ist das Vertrauen der Deutschen in die eigene Presse dennoch höher als in anderen Nationen, wie die Ergebnisse einer internationalen Umfrage des Markt- und Sozialforschungsinstituts Ipsos zur politischen Stimmung in der Welt bestätigen.

China Schlusslicht

Nur jeder dritte Bundesbürger (30 Prozent) ist demnach der Überzeugung, häufig oder regelmäßig auf Nachrichtenberichte zu stoßen, in denen bewusst Falschmeldungen verbreitet werden. In allen anderen untersuchten Ländern werden vermeintliche Fake News deutlich öfter identifiziert, in Argentinien (82 Prozent), Serbien (79 Prozent) und der Türkei (79 Prozent) gar von vier Fünfteln der Bevölkerung. Im Gegenzug geben vier von zehn Deutschen (42 Prozent) an, eher selten oder nie Falschnachrichten in den Medien ausfindig zu machen. Nur in Südkorea (52 Prozent) und China (47 Prozent) werden Fake News somit noch seltener wahrgenommen als in Deutschland.

Gleichzeitig fühlen sich die Menschen hierzulande aber besonders selten dazu in der Lage, beim Medienkonsum gezielt zwischen Fakten und Fiktion unterscheiden zu können. Nicht einmal jeder zweite Deutsche (47 Prozent) ist davon überzeugt, Falschnachrichten auch als solche zu erkennen. Nur in Japan (30 Prozent), Spanien (39 Prozent) und Südkorea (45 Prozent) trauen sich noch weniger Bürger diese Fähigkeit zu. Im globalen Durchschnitt sind immerhin zwei Drittel aller Befragten (63 Prozent) von ihrer Medienkompetenz in Bezug auf Fake News überzeugt, in der Türkei sogar beinahe acht von zehn Personen (77 Prozent).

Ungarn mit Vertrauen

Hierbei zeichnen sich jedoch deutliche Unterschiede zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung ab. Jeder zweite Befragte weltweit (48 Prozent) denkt, dass der Durchschnittsbürger des eigenen Landes nicht im Stande ist, wahre Begebenheiten und Unwahrheiten voneinander zu unterscheiden. Gerade in den westlichen Demokratien wie Schweden (64 Prozent), den USA (62 Prozent), Italien (61 Prozent), Großbritannien (59 Prozent) und Deutschland (53 Prozent) überwiegt der Anteil derer, die an der Einschätzungs- und Differenzierungsfähigkeit ihrer Landsleute zweifeln. In Ungarn ist das Vertrauen in die Fähigkeiten der Mitbürger hingegen besonders groß (69 Prozent).

Mehr als jeder Zweite weltweit (52 Prozent) ist der Meinung, dass die Menschen häufig falschen Informationen Glauben schenken, weil sie von Politikern getäuscht und in die Irre geführt werden. In Deutschland stimmen immerhin vier von zehn Personen (40 Prozent) dieser Aussage zu. Doch auch die Medien sowie der stetig wachsende Einfluss sozialer Netzwerke befördern aus Sicht der Bevölkerung die Verbreitung von Falschnachrichten. Fast die Hälfte aller Befragten weltweit (49 Prozent) sehen eine Mitschuld bei den Medien (35 Prozent in Deutschland). Vier von zehn Personen (41 Prozent) betonen zudem den wachsenden Einfluss von Social Media auf gesellschaftliche Aushandlungsprozesse (40 Prozent in Deutschland).

Informationshoheit ist weg

Dr. Robert Grimm (Direktor Ipsos Public Affairs) bewertet die Ergebnisse der Umfrage wie folgt: "In den Daten wird eine Resignation vor der Komplexität der Lebenswelten und dem Datenüberfluss in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft ersichtlich, in der es schwer fällt, sich in verschiedene Expertensysteme in Politik und Wirtschaft hineinzudenken. Während sich Informationskanäle multiplizieren, verlieren Staat, Wissenschaft und traditionelle Medien die Informationshoheit.

Sich emotionsgetriebenen Meinungsbildern hinzugeben, welche unmittelbare Erlebniswelten mittels leicht zugänglicher, bipolarer Gegenüberstellungen wie Opfer/Täter, Eliten/das Volk, Inländer/Ausländer gestalten, ist dabei eine einfachere Lösung als die Wahrheit unter vielen möglichen Wahrheiten zu finden. Dort setzt der Populismus an."

Fast 20000 Menschen in 27 Ländern befragt:

Die Ergebnisse stammen aus einer sogenannten Global-Adviser-Studie. Zwischen dem 22. Juni und dem 6. Juli 2018 wurden insgesamt 19 243 Personen in 27 Ländern befragt. Bei den untersuchten Nationen handelt es sich um Argentinien, Australien, Belgien, Brasilien, Chile, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Italien, Japan, Kanada, Malaysia, Mexiko, Peru, Polen, Russland, Saudi-Arabien, Schweden, Serbien, Spanien, Südafrika, Südkorea, Türkei, Ungarn und die USA. Alle Befragten waren zwischen 16 und 64 Jahren alt, in Kanada und den USA 18 bis 64. Es wurde eine Gewichtung der Daten vorgenommen, um die demografischen Merkmale auszugleichen und damit sicherzustellen, dass die Stichprobe die aktuellen offiziellen Strukturdaten der erwachsenen Bevölkerung eines jeden Landes widerspiegelt.

16 der 27 untersuchten Länder stellen jeweils repräsentative Stichproben dar (Argentinien, Australien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada, Polen, Schweden, Serbien, Spanien, Südkorea, Ungarn und die USA). Brasilien, Chile, China, Indien, Malaysia, Mexiko, Peru, Russland, Saudi-Arabien, Südafrika und die Türkei repräsentieren eine nationale Stichprobe, welche eher die wohlhabende und gut vernetzte Bevölkerung abbildet. Gerade diese Bevölkerungsgruppe nimmt in den genannten Ländern jedoch eine wichtige gesellschaftliche Rolle ein.

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