17.08.2018 - 14:12 Uhr
WaidhausDeutschland & Welt

Ein Aktenordner-Thriller

Was sich im August und September 1968 an der deutsch-tschechoslowakischen Grenze zutrug, ist vom BGS in zahlreichen Unterlagen festgehalten worden. Den Dokumenten drohte der Reißwolf.

Nur wenige Meter trennten ihn von der Freiheit: Einem 20-jährigen Soldaten aus der CSSR misslingt die Flucht am Grenzübergang Waidhaus. Wenige Meter vor dem Grenzstrich stolpert er, wird von seinen Kameraden überwältigt und zurücktransportiert.
von Autor HOUProfil

Doch dann bekam sie der in der Gemeinde Hahnbach (Kreis Amberg-Sulzbach) wohnende und in der ostbayerischen Polizeigeschichte forschende Bundespolizist Reinhold Balk. Er, der den Wechsel vom BGS zur Bundespolizei mitmachte, leitete alle Unterlagen dem Amberger Staatsarchiv zu und behielt Kopien für sich.

Die Grenzschutzgruppe 1 hatte damals drei Standorte: Nabburg, Deggendorf und Schwandorf. Die Unterkunft auf dem Schwandorfer Weinberg galt als Lagezentrum, von hier aus liefen alle Informationen an übergeordnete Dienststellen weiter. Meist über Fernschreiber, denn Internet gab es nicht. Der Grenzlagebericht für August 1968 an das Bundesinnenministerium in Bonn beginnt mit folgendem Satz. "Die Lage beiderseits der Landesgrenze war bis zum Einmarsch der Interventionstruppen in die CSSR ruhig. In den frühen Morgenstunden des 21. August wurden erstmals sechs sowjetische Panzer am Grenzübergang Schirnding festgestellt."

Verstärkter Einsatz

Damit begann für den Bundesgrenzschutz ein verstärkter Einsatz. Zusätzliche Streifen wurden in Marsch gesetzt und alle verfügbaren Einsatzkräfte mussten sich zu den Unterkünften begeben, um dort für einen längeren Zeitraum zu bleiben. Die Aufgabe der Grenzschützer war klar umrissen: Beobachten, Rückkehrer aus der CSSR befragen, Informationen sammeln und weitermelden. Damit wurde ein Situationsbild skizziert und laufend fortgeschrieben. Stunde um Stunde, Tag für Tag.

Der Alarm an diesem 21. August 1968 kam um 3.48 Uhr. Von den Übergängen wurde gemeldet: "Westliche Ausländer und deutsche Touristen können ohne Abfertigung ausreisen. Bei Waidhaus verstärkter Ausreiseverkehr (auch durch Tschechen)." Dann folgte der Satz: "Aufmarsch der Interventionstruppen bei Waidhaus noch nicht zu erkennen." Nächstes Ereignis dann: "Um 6.15 Uhr ist ein tschechischer Hubschrauber mit einem Offizier der CSSR-Armee bei Straubing gelandet." Offenbar ein Deserteur.

Die vom BGS weitergegebenen Nachrichten gingen nicht nur an deutsche Behörden. Auch die Bundeswehr und die US-Armee wurden informiert. Sie erfuhren: "Kaum mehr Ausreisen von Touristen in die CSSR. Die erwartete Fluchtbewegung blieb aus." In Erfahrung brachten die Grenzschützer, dass in den Tagen nach dem 21. August sowjetische Offiziere mehrmals versuchten, die Überwachung an den Übergängen in ihre Zuständigkeit zu bringen. "Diese Absicht scheiterte an der konsequenten Haltung der tschechoslowakischen Kommandeure." Hoch über dem Grenzraum waren sowjetische Düsenjäger und Hubschrauber unterwegs. "Dabei", so steht in den Unterlagen, "kam es mehrfach zu Grenzverletzungen." Die Grenztruppen im Nachbarland waren über den Einmarsch der Sowjets und deren kommunistischen Helfershelfern aus anderen Paktstaaten genauso empört wie weite Teile der Bevölkerung. In den Unterlagen heißt es: "Es tritt eine auffallende Kontaktfreudigkeit zu deutschen Grenzsicherungsorganen ein. Sie benutzen jede Gelegenheit zu einem Gespräch, um sich über die Lage im Landesinnern der CSSR zu informieren, da ihre Nachrichtenverbindung zum Hinterland unterbrochen ist. Besonders begehrt sind deutsche Zeitungen."

Tiefe Blicke

Was die Grenzschutzbeamten in diesen tagen alles hörten, war mitunter sehr drastisch. "Ein tschechoslowakischer Offizier äußert, dass er seine Leute an einer Flucht in die BRD nicht hindern wird", kann man in den Protokollen lesen. Und: "Äußerungen lassen darauf schließen, dass Unterkünfte nicht kampflos aufgegeben werden sollen." Das vermittelte tiefe Blicke in die Stimmung jenseits der Grenzzäune.

Im August 1968 wurden von den drei Standorten Schwandorf, Nabburg und Deggendorf aus 921 motorisierte Grenzstreifen in den Einsatz geschickt. BGS-Hubschrauber stiegen zu 122 Flügen auf. Ein bis dahin nicht gekanntes Arbeitspensum.

Protokoll:

Auf weit über 100 Aktenseiten hatte die Grenzschutzgruppe I all das niedergelegt, was sie beim Einmarsch der Sowjetarmee und anderen Truppen des Warschauer Pakts im August 1968 beobachtete und erfuhr. Auszüge daraus:

21. August: „Ab 17.30 Uhr am Grenzübergang Rozvadov Ausreiseverbot von CSSR-Staatsangehörigen. Einreisende berichten: Etwa 1000 Meter vom Grenzübergang landeinwärts ein sowjetischer Kontrollposten. Gegen 12 Uhr soll das Rathaus in Karlsbad durch Zivilisten gestürmt worden sein. Die Karlsbader Kaserne ist von russischen Truppen umstellt.“

22. August: „Grenzübergänge nach wie vor geöffnet. Geringer Einreiseverkehr. Stimmung der Bevölkerung gegenüber Interventionstruppen unfreundlich und feindliche Truppenbewegungen auf den Straßen zur Grenze. Die an der Straße Pilsen-Waidhaus lagernde starke Panzereinheit wurde im Lauf der Nacht bis auf einen Kilometer an die Grenze herangezogen. In der CSSR werden seit 21. 8. an Ausreisende nach Westen und an Angehörige der Interventionstruppen Flugblätter verteilt.“

23. August: „Von 12 bis 13 Uhr vermutlich Streik der CSSR-Zöllner am Übergang Furth im Wald.“ Um 15.15 Uhr stellt die Grenzpolizei Waldsassen fest: ,Flugtätigkeit zweier russischer Kampfflugzeuge vom Typ ,MIG 21‘ im Luftraum über Marienbad. Keine Grenzverletzung. Ein deutscher Reisender teilt mit, dass in allen Gasthäusern und Hotels, die er in der CSSR aufsuchte, Plakate mit folgendem Wortlaut aufgehängt sind: ,An Soldaten und ziviles Personal der russischen, polnischen, bulgarischen und der DDR-Armee werden keine Speisen und Getränke verabfolgt.‘ Nahezu alle Wegweiser der CSSR sind übermalt und tragen die Aufschrift ,Moskau‘.“

24. August: „Eine Straßensperre der Sowjets soll fünf Kilometer ostwärts von Waidhaus stehen. Verpflegungslage der Interventionstruppen angeblich ungünstig. Grenzübergänge Furth im Wald, Waidhaus und Schirnding nach wie vor geöffnet. In Prag sollen einige Angehörige eines Festnahmekommandos der Okkupationstruppen durch Tschechen gelyncht worden sein.“

25. August: „Reisende berichten, dass zwischen Bor und Rozvadov starke Einheiten in den Wäldern lagern, bei denen mehrere russische Offiziere erkannt wurden. Russsische Soldaten haben einem Reisenden bei Karlsbad sein Kofferradio weggenommen.“

26. August: „Ein Stabsoffizier der Tschechen äußert in einem Gespräch mit BGS-Beamten: ,Wir wollen ein sozialistisches Land, aber einen demokratischen Sozialismus.‘ Bei Sokolov werden 60 russische Panzer ... gesichtet.“

27. August: „Am Grenzübergang Waidhaus Visa-Erteilung nur noch bei schriftlich belegten Gründen. Auch für Journalisten dort keine Ausreise mehr ohne Begründung. Ab 22.30 Uhr am Übergang Furth im Wald keine Ausreise mehr möglich.“ (hou)

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