19.08.2018 - 02:54 Uhr
WaidhausDeutschland & Welt

Pavel stolpert in die Flucht

Es ist das Foto des dramatischen Jahres 1968: Ein junger Mann flieht über die Grenze bei Waidhaus. 50 Jahre später treffen wir Pavel Fidermák. Er ist zurück in einem freien Land.

Die Atmosphäre erinnert an Tschechows Kirschgarten, auch wenn Pavel Fidermák lieber Sliwowitz brennt: Der Mann, der vor 50 Jahren den Eisernen Vorhang überwand, wohnt keine 60 Kilometer von Weiden im Dorf Dubec.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Waidhaus/Rozvadov. Geplant war an diesem 21. August 1968 gar nichts. Pavel Fidermák hat Nachtschicht in einer Pilsener Papierfabrik. Gegen 4 Uhr die bestürzende Nachricht im Radio: Invasion der Truppen des Warschauer Paktes. Der erste Gedanke des chemisch-technischen Angestellten: „Ich muss zu meinen Eltern nach Cheb!“

Panzer in Prag, für den 22-Jährigen ist das gleichbedeutend mit Krieg. Pavel ist panisch, keinesfalls will er in die Armee eingezogen werden. Was dann passiert, sind Zufälle, die sein Leben radikal verändern sollten. „Ich hatte wenig Benzin im Motorrad“, erinnert er sich, „also hab ich den Daumen rausgehalten.“ Gegen halb acht Uhr hält ein Wagen. Der deutsche Fahrer will zur Grenze, Fidermák sagt nichts, schon weil er kein Deutsch spricht. Wenn er überhaupt etwas denkt: „Dann eben zur Grenze.“ Kurz vor dem antifaschistischen Grenzwall fragt der Zufallschauffeur aus Freiburg: „Hast du einen Pass? Passport?“ Fidermák schüttelt den Kopf, der Fahrer wird nervös, scheucht den jungen Tschechen aus dem Wagen.

Unschlüssig setzt er sich auf eine Bank bei der Pkw-Abfertigung: „Wie lange ich da saß, weiß ich nicht“, beschreibt er den Tunnel in sich, in den er blickte. „Ich beobachtete, wie ein Lkw nach dem anderen passierte, die erste Schranke per Knopfdruck, dann langsam zur zweiten, die händisch hochgezogen wurde.“

„Lasst ihn doch laufen“

Pavel Fidermák flieht über die Grenze.

Irgendwann steht er auf, läuft auf der gegenüberliegenden Seite der Zöllner im toten Winkel neben einem Lkw her – dann beschleunigt der Laster, die Beamten sehen ihn, rufen. „Ich stand genau in der Mitte zwischen zwei Posten, Wachsoldaten von vorne und hinten, ich hatte fast die deutsche Seite erreicht, als mich einer abgedrängt und etwas schubst.“ Aber er sei Sportler gewesen damals: „Ich schlug einen Haken und dann nichts wie runter zum Bach.“ Fidermák meint Schüsse zu hören. Ein Zeitzeuge, der die Szene beobachtet hat, ist aber sicher: „Sie haben angelegt“, erinnert sich Verleger German Vogelsang, „aber nachdem ein deutscher Zöllner geschrieen hatte, ,lasst ihn doch laufen‘, ist kein Schuss gefallen.“

Der Flüchtling stolpert ins Wasser, fällt, deutsche Grenzbeamte ziehen ihn hoch, raus und rüber. Im Kopf des Westböhmen dreht sich alles, er weiß nicht, wie es jetzt weitergeht. „Auch die ideologische Erziehung in der Schule gegen die Deutschen hat mich geprägt“, bedauert er. Die Beamten bringen das nasse Bündel Elend in ein unscheinbares Gebäude einige Kilometer weg von der Grenze – zum Trocknen. Viel versteht er nicht, nur so viel: „Das US-Konsulat wusste bereits Bescheid.“ Er musste den Deutschen schriftlich bestätigen, dass sie ihn nicht befragt hätten.

Geheimdienstliche Ermittlungen behält sich die andere Supermacht vor. „Sie haben mich zum US-Konsul nach Nürnberg gebracht“, erzählt er. Von freundlicher Aufnahme eines Fahnenflüchtigen des Klassenfeinds keine Rede. Weil Fidermák die Behandlung suspekt ist, will er dem Fahrer deutlich machen, dass der ihn rauslassen soll: „Mit einer Watschen hat er mich wieder beruhigt“, erzählt er süffisant.

Im Konsulat lässt man ihn erst einmal halbtrocken zwei Stunden an einem Tisch sitzen: „Ich hatte Hunger, fror ein wenig, wusste nicht, was sie von mir wollten.“ Als dann endlich eine etwa acht Mann starke Einheit US-Soldaten aufmarschiert, wird schnell klar, was von ihm erwartet wird: „Sie wussten meinen Namen, dass ich bei einer kleinen Einheit zum Schutz gegen Atomwaffen gedient und eine chemische Ausbildung hatte.“

Grundausbildung zum Spion

Die Kunst war auch Therapie für Pavel Fidermák.

Das US-Angebot: „Sechs Monate Grundausbildung als Spion, 4 Dollar die Stunde.“ Viel Geld für einen jungen Mann, der gerade Land, Familie und Habseligkeiten eines Junggesellen verloren hat. Auch eine Alternative hatten die Emissäre im Portfolio: „Als Soldat im Vietnamkrieg.“ Fidermák lehnt kategorisch ab. „Ich flüchte doch nicht vor dem einen Krieg um in einen andern zu geraten.“

Westdeutschlands Schutzmacht ist enttäuscht: „Dann bringen wir Sie ins Flüchtlingslager nach Zirndorf.“ Pavel ist entsetzt: „Lager hatte ich nur im Zusammenhang mit KZ gehört.“ Als ihn ein VW-Bus hinbringen will, springt er bei Rot aus dem Transporter. „Da stand ich nun mit meinen komischen Kleidern, mit nichts in der Tasche am Abend in Nürnberg – dabei wollte ich in der Früh doch nur zu meinen Eltern nach Cheb.“

Die Abenteuer des braven Künstlers Fidermák:

Es ist das größte Haus im Dorf Dubec nahe Primda. Nicht allen gefällt, dass sich der Flüchtling von damals das leisten kann. Pavel Fidermák ficht das nicht an: "Ich habe mir alles hart verdient", blickt der Flüchtling vom 21. August 1968 zurück auf ein Leben in Deutschland mit spektakulären Höhen und Abgründen. Etwas von beidem spiegelt sich in dem kreativen Durcheinander im ehemaligen Gutshof, der sowohl einen Gasthof als auch eine Sparkasse beherbergte - Geschäftsidee: Das Bier am eigenen Konto anschreiben.

Der Künstler als Sammler: Eine Batterie alter Nudelhölzer ist aufgereiht in einer Ecke über der Treppe - Lida, die dritte Ehefrau, schwenkt eines drohend, als Pavel wieder vom Sliwowitz anfängt, den er von den Zwetschgen im idyllischen Garten brennt. Mit gutem Grund. Acht Jahre kann er sich nicht von der Flasche billigen Aldi-Schnaps befreien, nachdem die erste Frau ein halbes Jahr nach der Hochzeit an einer Blinddarmentzündung gestorben war. Unglaublich: Der Todestag am 26.6.76 war beider Geburtstag. "Es hört sich so an, als könnte er das so gelassen erzählen", wirft Tochter Laura ein, "doch das täuscht. Erst seinen 70. hat er als Opa wieder gefeiert."

Dass sich Pavel berappelte, sieht man im Dachgeschoss: Bilder über Bilder stapeln sich dort. "Das war meine Therapie", sagt er. Auf Druck der Schwiegereltern aus Ehe 2 nimmt Fidermák nach dem Grafik-Studium in Münster die Professur als Kunstpädagoge in Gießen an. Dabei hatte er gerade erst einen Auftrag über 20 000 Mark in der Tasche, für den berüchtigten Josef Beuys eine Mistkäferkugel über die Düsseldorfer Kö gerollt und eine skandalöse Ausstellung in Orléans hinter sich: "Die CDU-Stadträtin wollte sich wegen meines Aktes mit Affen nicht neben mich setzen - zu Hause verkaufte ich wie verrückt." Fidermák gewöhnt sich an die Hochschule, ist beliebt bei Studenten. "Sie haben uns den besten Cognac weggesoffen", frotzelt Laura aus dem Hintergrund.

Das erste Bierchen, natürlich Pilsener Urquell, gibt's um acht. "Henri, hast du die Kühe gesehen?", neckt er den kleinen Enkel. "Ja? Und auch die Elefanten?" Der kleine Mann sieht ihn mit großen Augen staunend an. "Damit habe ich schon Laura aufgezogen", freut sich Pavel, "heute glaubt sie mir nichts mehr - die beste Erziehung." Laura spricht Deutsch und Tschechisch gleich gut. Dass sie BWL studiert hat, war schon eine Enttäuschung für den Kreativen: "Dafür kann ich das Geld verwalten, wenn deine Bilder posthum wertvoll werden", zieht sie ihn lachend auf.

Sein buntes Reich im Dorf Dubec, in dem vor der Vertreibung der Deutschen 800 Menschen lebten, hätte seine Kunstschule werden sollen. An diesem Traum, an dem er nach der Wende 1989 tüftelte und restaurierte scheiterte die zweite Ehe. Man merkt: Es fehlen ihm die Studenten, die Intellektuellen, die Spinner: "Es ist manchmal schon sehr ruhig hier."

Pavel Fidermák mit einer Fotografie aus seiner Porträtserie über Menschen im Ruhrpott.

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