03.02.2020 - 11:26 Uhr
WaldsassenDeutschland & Welt

Ein Grenzüberschreiter von Raum und Geist

Detlef Bertram ist ein Ausnahmekünstler. Befreit von den Zwängen einer stets fordernden Gesellschaftsform schafft er seine Werke. Ob es gefällt oder nicht, was er macht, ist ihm egal. Das macht den 72-jährigen Kreativkopf besser als gut.

von Ulla Britta BaumerProfil

"Wenn das Leben nicht von dieser Erde stammt, weil es eine universelle Naturkonstante ist, können wir den Sinn des Lebens ... auch auf dieser Welt nicht finden." Das ist eine Aussage von Detlef Bertram, die ihn zum philosophischen Künstler macht. Der Künstler aus Hranice ist einer, der alles kann und alles austestet. Er zaubert auf großflächige Leinwände Gesichter und Körper, verwirbelt in den Farben, die er mit Spachteln aufsetzt. Er schält aus groben Holzklötzen witzige Figuren. Er verfeinert Lamberts-Glas zu filigraner Objekten oder nutzt das Buntglas für Installationen, die in eine sphärische Welt der Spiegelperspektiven entführen. Detlef Bertram ist ein Ausnahmekünstler. Was ihm die Kunst auferlegt, er versucht sich darin, mit spektakulären Ergebnissen. Bertrams Kopf muss geradezu explodieren vor Kreativität. Das war bei ihm schon immer so. Als junger Mann studierte er freies Gestalten, entschied sich für die Werbebranche, arbeitete freiberuflich für Konzerne wie Milka, Ford, Shell, Hewlett-Packard, Bosch und andere.Jetzt ist Detlef Bertram frei. Ein Grenzgänger, räumlich wie geistig.

Der heute 72-Jährige schüttelte alle gesellschaftlichen Zwänge von sich ab, um Kunst zu machen, die niemandem gefallen muss. Bertrams Hände schaffen Dinge, die nicht gefällig sein sollen und gewiss nicht beliebig sind. Das Kunsthaus Waldsassen ist voll davon. Die neue Ausstellung mit Titel „Gesellschaftsspiegel eines Grenzgängers“ strotzt vor Malereien und Spielereien zum Nachdenken, Schmunzeln oder Diskutieren. Eine Taschenlampe spielt eine Rolle. Wer Betrams Installationen aus kleinen Buntglaselementen damit beleuchtet oder seinen Kopf weit in eine der räumlichen Arbeiten steckt, sieht Spiegelbilder, die den gewohnten Raum eines normal denkenden Gehirns verlassen. Was ist geistiges Kind, was ist Raum, was ist Illusion? Gibt es überhaupt Illusion? Oder ist alles Wirklichkeit? Bewusst und, sagt der Künstler, baue er Spiegel in seine Arbeiten ein. Sie sollen dem Betrachter nicht schmeicheln. Detlef Bertram will damit hinter die gesellschaftlichen Kulissen schauen lassen.

Ausführliche Textbegleitung zu den Kunstwerken legen offen, welch Geisteskind der Künstler in sich trägt. Großflächigen Malereien wie seinen Kalligrafien hat er komplizierte Titel gegeben. „Kalligrafie gegen läufiger Trends gegen starre Bürokratie“ heißt sein wohl bestes Werk. Bertram kann auch Text, ist ein Poet der kritischen Wortwahl. Die starre Bürokratie erklärt er zum Schubladendenken. Wo Bürokraten, mit Formularen etwas festnageln wollen, um die Kontrolle zu behalten. Die Gesichter auf seiner „Kalligrafie“ wirken entsetzlich gehetzt, verzerrt in ihrem Ausdruck. Als „Gesellschaftsmasken“ beschreibt sie Detlef Bertram. „Denn wer weiß schon, wer was ist?“ Dem Künstler aus Offenbach am Main, der Grenzen auch räumlich überschritten hat mit seinem Umzug in tschechische Hranice, fehlt es bei aller strengen Kritik an der Gesellschaft nicht an Witz. Aus der gequetschten Cremetube (geschnitzt aus Holz) quillt weiße Zahnpasta. Ein Werk, das dem Betrachter Freude macht. Der kindsgroße, hölzerne „Stinkefinger“ zeigt steil in den Himmel: Ihr könnt mich alle einmal! Will Detlef Bertram das damit sagen?

Der Offenbacher ist kein Unbekannter im Landstrich entlang der Grenze. In der Glashütte Lamberts hat er die Leidenschaft zum Glas und der Lichtspielerei damit entdeckt. Glas-Projektwochen mit drei tschechischen und drei deutschen Künstlern, 2012 mit drei Russen, drei Tschechen und drei Deutschen tragen seine Handschrift, Ausstellungen hatte er unter anderem in Selb, Eger, er arbeitete für die Landesgartenschau Tirschenreuth und nun die Ausstellung in Waldsassen. Seit er es sich leisten könne, Werke herzustellen, die er nicht verkaufen müsse, also ökonomisch befreit, habe das Gestalten eine neue Wertigkeit erhalten, zitiert ihn Freund Robert Christ bei der Laudatio im Kunsthaus. Die Werke sprechen für sich. Ihre Wirkung lässt ein experimentierfreudiges, vor Kreativität explodierendes Energiebündel als Künstler im Hintergrund geradezu erahnen. Das Beste daran: Detlef Bertram legt keinen Wert darauf, ob er gefällt oder nicht. Das macht diesen Ausnahmekünstler, der den Dialog mit dem Betrachter seiner Werke geradezu herausfordert, besser als gut.

Info:

Hintergrund

Detlef Bertram, geboren in Offenbach am Main 1947, hat an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach studiert. Ab 1974 arbeitete er selbstständig in Böblingen für große Konzerne wie Shell, Milka, Bosch, Ford und andere. Seit zehn Jahren ist Detlef Bertram freischaffender Künstler. Ausstellungen wurde gezeigt in Prag, Bad Elster, Coburg, Selb, in der Schweiz, in Hof, im Vogtland, Eger und andere. Für Tirschenreuth und Bayreuth lieferte er Arbeiten (Schmetterlinge und Blätter aus Lamberts-Glas) zu den Landesgartenschauen. Detlef Bertram wohnt mit seiner Faru Ivana im tschechischen Hranice. Er hat drei Söhne. Die Ausstellung im Kunsthaus kann bis 1. März jeden Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr besichtigt werden. Jeden Sonntag ist der Künstler persönlich vor Ort.

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