17.08.2018 - 14:23 Uhr
WaldsassenDeutschland & Welt

Das Surren der Panzerketten

Ein Geräusch macht den Unterschied, erzählt Jaroslav Šonka: "Das Surren der Panzerketten aus der Ferne." Der Prager Exilant lebt seit 1969 in Deutschland

Jaroslav Šonka arbeitet gerade an einer Fotoreportage im Kloster Waldsassen.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Bei einer Szene in der Verfilmung von Milan Kunderas "Unerträglicher Leichtigkeit" merkt man, wer die Besetzung der Tschechoslowakei am 20/.21. August 1968 miterlebt hat. "Tomás und Tereza diskutieren in der Prager Dachwohnung", schildert Sonka. "Im Hintergrund ein unmerkliches Surren, das langsam lauter wird." Es sind die sich nähernden Panzer der Sowjets, die den politischen Frühling niederwalzen. "Wenn ich mit deutschen Freunden darüber rede, sagen die oft, ,das habe ich gar nicht bemerkt'."

Sonka ist 19 und hat an diesem Tag andere Pläne: "Ich wollte meine süße Freundin Jitka in Trebon besuchen", erinnert er sich. "Du fährst nirgendwo hin", versperrt ihm der Vater die Tür der elterlichen Wohnung in der Nähe des Prager Flughafens. "Hörst du das nicht?" Da ist es wieder, das Surren der Maschinerie, die bald die Hoffnung von Millionen auf Sozialismus mit menschlichem Antlitz und Demokratisierung ersticken wird.

Der Traum zerplatzt

"Ich war geschockt", sagt der Biologe, der die nächsten Jahrzehnte im Exil verbringen wird - an den Universitäten Hamburg, Ulm und dem Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, später als Korrespondent der "taz" und als Dozent der Europäischen Akademie in Berlin. "Meine Mutter war skeptisch, hatte immer befürchtet, Breschnew würde das Prager Experiment beenden wie die Stalinisten den Arbeiteraufstand in der DDR 1953 oder die Rebellion in Ungarn 1955." Ein Volk zwischen Furcht und Hoffnung, aber erst als die stählernen Ungetüme wirklich über den Wenzelsplatz rollen, hört man, wie der Traum zerplatzt.

Sonka muss die Tragödie mit eigenen Augen sehen, er läuft in die Innenstadt, sucht nach Freunden und Kommilitonen, schließt sich Demos an. "Ich habe mich erst kürzlich zufällig unter anderen Demonstranten auf dem Titelblatt eines italienischen Magazins wiedergefunden", erzählt er. Er ist einer von vielen, die sich in den folgenden Monaten gegen das Unabänderliche wehren. Auch sein Vater, angestellt bei der Nationalen Technischen Bibliothek im Klementinum, wo russische Soldaten untergebracht sind, tut mit einem bitteren Scherz kund, was er von der Besetzung hält: "Zusammen mit einem Freund hat er einem sowjetischen Offizier den Abguss einer Skulptur überreicht, die die Befreiung Prags von den Nazis 1945 durch die Russen darstellt", erklärt Sonka. "Die brauchen wir jetzt nicht mehr", habe der Vater gesagt. Der Offizier, ein Ukrainer, habe sie stumm genommen, sich offensichtlich geschämt.

Überhaupt, das Fußvolk des Warschauer Pakts - außer Rumänien und der DDR, wie neuere Forschungen zeigten: "Ulbricht wollte sich beteiligen, Breschnew war schlauer": "Die einfachen Soldaten, wussten nicht, wo und warum sie hier waren." Manchen wurde weisgemacht, sie verteidigten den Bruderstaat gegen eine imperialistische Invasion.

Abgesägtes Kanonenrohr

Überall im Land kursieren Gerüchte über erfolgreiche Aktionen à la "Braver Soldat Schwejk": "Irgendwo zwischen Brünn und Prag sollen Tschechen die Besatzung eines Panzers auf ein paar Bierchen eingeladen haben - als sie zurücktorkelten, war das Kanonenrohr abgesägt." Überall im Land werden Ortsschilder abmontiert und ausgetauscht.

Die fantasievolle Sabotage kann die Supermacht nicht lange aufhalten. "Vom Süden kamen Ungarn und Bulgaren, vom Norden Polen, nur Richtung Westen dauerte es ein paar Tage, weil keine Verbündeten an der Grenze standen." Das südböhmische Trebon erreichen die Truppen mit einem Tag Verspätung. "Ich wollte weg und auch meine Freundin hat sich eine Einladung aus Hamburg besorgt." Das Paar zieht in die Hansestadt. Doch die Eltern der 17-Jährigen sind überzeugte Realkommunisten. "Sie drohten, mich bei Interpol wegen Entführung anzuzeigen." Die junge Frau kapituliert, geht zurück nach Prag. Sonka muss zehn Jahre warten, bis er wieder ins Land seiner Eltern einreisen darf.

Zu deutschfreundlich:

Jaroslav Šonka zählte für den zweiten demokratischen Botschafter der ČSFR, František Černy, zu den möglichen Nachfolgekandidaten: „Er hat die Struktur des Außenministeriums unterschätzt.“ Šonka, dessen bilingualer Großvater bei jeder Rede des „Alten“ im Radio sagte: „Psst, Adenauer mluví – Adenauer spricht“, galt vielen als zu Deutsch-freundlich. „Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu Bernd Posselt“, sagt der heutige Korrespondent der Sudetendeutschen Zeitung, der derzeit in Waldsassen das kleine Wirtschaftswunder der Klosterschwestern beschreibt. „Der Prager Frühling war auch für die Sudetendeutschen eine neue Startlinie.“ Dafür durfte der sprachbegabte Prager für eine Delegation Havels 1990 in Italien dolmetschen: „Ich musste Berlusconi die Hand geben“, erzählt er die Schattenseite. Als er 1969 nach Deutschland gekommen sei, hätten ihn viele Sudetendeutsche unterstützt. „Posselt hat mehrfach darüber gesprochen, dass die Vertriebenen und die heutigen Flüchtlinge zwar nicht das Gleiche sind, aber viele Gemeinsamkeiten haben – und auch was wir erlebten, war ähnlich.“ Es gebe Länder wie Deutschland, wo alle reinwollen, und die tschechischen Staatsgebilde, wo alle immer weggingen. In puncto Weltoffenheit setzt Šonka auf die nächste Generation: „Es gibt in jeder Gesellschaft Umbrüche nach dem Generationenwechsel, auch wenn der bei uns leider schon zu lange auf sich warten lässt.“

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