Angeklagter besteht darauf: "Ich bin trotzdem Arzt"

Er machte als "falscher Arzt" am Krankenhaus Kemnath Schlagzeilen. Seit Montag muss sich ein 37-Jähriger unter anderem wegen Urkundenfälschung vor dem Landgericht Kassel verantworten. Zum Auftritt legt er einen bühnenreifen Auftritt hin.

Die ihm vorgeworfenen zahlreichen Vergehen räumt der Angeklagte teilweise ein, beharrt aber: „Ich bin trotzdem Arzt.“
von Agentur DPAProfil

(dpa/ca) Er beschwört Gott, fleht um Nachsicht und nennt den Richter "Chef": Mit einem ungewöhnlichen Auftritt des Angeklagten hat am Montag vor dem Landgericht Kassel (Hessen) der Prozess gegen einen falschen Arzt begonnen. Der 37-jährige Libyer soll mit gefälschten Dokumenten in einer Praxis und Kliniken in Hessen und Bayern gearbeitet haben, unter anderem etwa sechs Wochen im Krankenhaus Kemnath. Selbst eine Gefängnisstrafe konnte den wegen ähnlicher Vergehen bereits verurteilten Hochstapler nicht aufhalten. Zum Prozessauftakt erklärt er: "Ich bin trotzdem Arzt, ich schwöre bei Gott."

Laut Anklage ist an dem Mann wenig echt: Zulassungen, Bescheinigungen über Promotionsverfahren, Zeugnisse, Sprachkursteilnahme, Unizertifikate - all diese Dokumente sollen gefälscht gewesen sein. In Deutschland hätte der ausreisepflichtige Mann nicht mehr sein dürfen - doch er legte eine gefälschte Aufenthaltsbescheinigung vor. Ob der Libyer eine im Ausland abgeschlossene ärztliche Ausbildung hat, blieb unklar. Bei einer Kenntnisprüfung in Deutschland fiel er laut Gericht durch.

Den Kliniken Nordoberpfalz war der Mann von einer Vermittlungsagentur für Honorarärzte für etwa 20 Dienste, zumeist Nachtdienste, im Zeitraum von sechs Wochen überlassen worden. Nach Auskunft von Kliniken-Anwalt Carl Brünnig haben die Kliniken Nordoberpfalz Schadenersatz gegenüber der Agentur geltend gemacht, die den "falschen Arzt" vermittelt hatte. Schaden an Patienten sei nach derzeitigem Kenntnisstand nicht entstanden, so Brünnig. Alle rund 200 möglichen Patienten wurden angeschrieben. Zudem liegen alle 200 Patientenakten der Staatsanwaltschaft Weiden zur Prüfung vor.

Wie der Libyer es wiederholt schaffte, Personalchefs und Mediziner zu täuschen, blieb angesichts seines Auftritts vor Gericht offen: Mit schiefer Brille, wild gestikulierend und in gebrochenem Deutsch warf er mehr Fragen auf, als er beantwortete. So räumte der Mann Vorwürfe ein, bestritt sie aber kurz darauf: "Kann sein, glauben Sie mir, mein Kopf nicht gut." Das Gericht sprach er immer wieder mit "Guck mal!" und "Chef" an. "Wenn Sie hier geboren wären, hätten Sie schon längst drei Ordnungsgelder", sagte der Vorsitzende Richter deshalb.

Zweimal flehte der 37-Jährige minutenlang um Nachsicht. Seine drei Kinder brauchten ihren Vater. Er habe aus Fehlern gelernt. Tatsächlich hatte der Mann laut Staatsanwaltschaft aber noch als falscher Arzt gearbeitet, als er wegen ähnlicher Vergehen bereits zu zwei Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt worden war. Er hatte sich gegen das Urteil gewehrt und so einen Aufschub erreicht, den er offenbar für neuen Betrug nutzte. Nun sitzt er in Haft.

29 Zeugen sollen an vier Verhandlungstagen gehört werden - ein sportliches Programm. Mit den Zeugen aus der Oberpfalz ist man schon durch: Am Montag sagten der Personalchef sowie ein Chefarzt der Kliniken Nordoberpfalz aus.

Hintergrund:

"Hochstapler sind unter uns"

Laut Hessischer Krankenhausgesellschaft machen es Datenschutz und moderne Kopiertechniken den Kliniken schwer, Betrüger zu erkennen. „Sie können nicht 100-prozentig ausschließen, dass Sie einem Betrüger aufsitzen“, sagt Geschäftsführer Steffen Gramminger. Beispiel: Landesärztekammer. Jeder praktizierende Mediziner muss dort Mitglied sein. „Früher bekam man mal schnell Informationen über einen Arzt, heute ist man da vorsichtiger.“ Es gebe zudem Hochstapler, denen es gelingt, selbst die Landesärztekammern zu täuschen.

„Fachlich gesehen kann bei Hochstaplern eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vorliegen“, sagt Peter Walschburger, Professor für Psychologie an der Freien Universität Berlin. Viele hätten aber keine ausgeprägte Störung, sondern verfügten über eine Mischung aus Charme, intelligenter Einfühlung und Erfahrung im medizinischen Berufsfeld. Eine „Hochstapler-Karriere“ werde begünstigt, dass bei Betroffenen die Angst vor sozialen Sanktionen unterentwickelt sei.

Für die Betrüger sei der Arztberuf wegen seines hohen Ansehens in der Gesellschaft besonders attraktiv. Einige Fälle hätten auch eine tragische Komponente. Etwa, wenn junge Leute im Studium scheiterten und der Erfolgsdruck aus dem Elternhaus groß sei. „Dann kommt eine Verführungssituation auf sie zu. Es wird eine Urkunde gefälscht und wenn sie merken, dass es gut ging, machen sie unbekümmert weiter.“

Die Gesellschaft sei auf Betrüger auch schlecht vorbereitet: Oft gewännen sie mit Charme das Vertrauen ihres Umfelds. „Ist aber Vertrauen erst einmal etabliert, dann sind wir Menschen sehr arglos“, erklärt der Psychologe. Walschburger geht deshalb auch von einer hohen Dunkelziffer aus. Da die Betrüger meist durch Kleinigkeiten auffielen, sei zu vermuten, „dass viele erfolgreiche Hochstapler unter uns sind“. (dpa)

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