Bergsteiger Philipp Jander: Am Berg auf der Suche nach Grenzen

Bis auf über 7126 Meter ist Philipp Jander im Himalaya schon geklettert. Der 36-jährige Weidener kann sich gut vorstellen, dass es noch höher hinaus geht. Ein Gespräch über eine extreme Leidenschaft

von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Höhenluft liegt Philipp Jander. Sein Geld verdient der 36-Jährige als Pilot, bringt andere in den Urlaub. Wenn er selbst frei hat, zieht es den Weidener fast genauso weit nach oben. 2018 hat er in Nepal den Himlung Himal bestiegen, 7126 Meter ist der Berg hoch. Im Oktober war er mit seiner Kletterpartnerin Bettina Gruber für drei Wochen in den bolivianischen Anden, mit dem gut 6000 Meter über dem Meer gelegenen "Chachacomani" als Höhepunkt im Wortsinn.

"Höhenbergsteigen" nennt Jander seine Leidenschaft, "Extrembergsteigen" findet er übertrieben. "Es gibt Bergsteiger, die wesentlich extremere, schwierigere Touren machen." Für den Laien klingt es aber schon extrem, was Jander von seinen drei bolivianischen Wochen berichtet: extreme Natur, extreme Anstrengung, körperlich und mental.

Immer wieder: Entscheidungen

Mental anstrengend sind die Entscheidungen, die ständig zu treffen sind. Das begann diesmal früher als gedacht: Eine erste Tour war lediglich als Anpassung an die Höhe gedacht. Magen-Darm-Probleme machten aber schon diese Tour zur Tortur. "Mir ging es hundeelend", beschreibt Jander den Wanderaufstieg auf den 5320 Meter hohen "Pico Austria". "Ich habe aber gewusst, dass ich den Berg brauche." Ohne Akklimatisierung sind die folgenden Klettertouren nicht nur viel anstrengender, wegen der drohenden Höhenkrankheit wären sie schlicht lebensgefährlich. Also habe er sich auf den Gipfel geschleppt

Tatsächlich erholtet sich Jander, so dass die Besteigung des 5370 Meter hohen "Pequeno Alpamayos" über eine 70 Grad steile Eiswand am Folgetag glückte. Bei der folgenden Tour warteten neue Probleme: Schlechtes Wetter machte schon die Trekkingtour mit Führer und Material auf fünf Pferden zum Basislager zur Herausforderung. Statt Natur und Panorama gab es klamme Kleidung und nasse Ausrüstung - auf 4500 Metern Höhe.

Trotz des Wetters entschied sich die Gruppe für den Aufstieg über ein Hochlager auf 5100 Meter hinauf zum Gipfel des "Chachacomani" - allerdings über eine einfachere Route als geplant. Zurück im Basislager folgte die nächste schwere Entscheidung: "Durch das schlechte Wetter habe ich mir eine fiebrige Erkältung eingefangen", sagt Jander. Die Königstour der Bolivien-Reise auf den 6437 Meter hohen "Illimani" war nicht zu machen. Sechs Monate Planung hin oder her: Statt auf den Prestige-Berg ging es nach La Paz ins Hotel.

Kein Hubschrauber

"Man muss auf seinen Körper hören", sagt Jander. Schon beim Aufstieg müsse man abschätzen, ob es für den Rückweg reicht. "Dort fliegen keine Rettungshubschrauber." Hinzu kommen die äußeren Bedingungen, die man nicht beeinflussen, nur abschätzen kann. "Wenn dich der Berg nicht zum Gipfel lassen will, dann kommst du auch nicht hoch."

Die fehlende Planbarkeit mache auch den Reiz des Sports aus, natürlich suche er das Abenteuer. Andererseits stellt sich Jander oft auch die Frage nach dem "Warum". In Erinnerung bleibe der Gipfel-Moment. Erschöpfung, die Übelkeit wegen der Höhe, die nassen Klamotten in der Kälte, das vergesse man. Kurz nach der Heimkehr aus Bolivien ist die Erinnerungen frisch. "In den nächsten beiden Jahren kann ich mir keine Expedition vorstellen."

Ohne Grenzerfahrungen geht es auf Dauer aber wohl auch nicht. Einst suchte Jander beim Langdistanz-Triathlon seine körperlichen Grenzen. Weil das regelmäßige Training irgendwann nicht mehr mit dem unregelmäßigen Piloten-Beruf zu vereinen war, buchte er vor etwa zehn Jahren eine Tour auf den Kilimandscharo als Alternative.

Der höchste Berg Afrikas hat Jander begeistert. So sehr, dass er immer häufiger zu Wandertouren in die Alpen aufbrach. Dort habe er sich dann für das Klettern begeistert. Nur wandern war irgendwann nicht mehr genug, Bei einem einwöchigen Kletterkurs eignete sich Jander das Können an, um auf Gletschern und in Eiswänden zu bestehen. Bei Touren in Österreich und der Schweiz sammelt er die Erfahrung für Anden oder Himalaya. Die Technik sei dieselbe, nur die Berge 2000 bis 3000 Meter höher.

Entsprechend mehr Zeit sei dort für die Planung gefragt. "Mindestens ein halbes Jahr, an der Tour im Himalaya habe ich beinahe anderthalb Jahre geplant." Wichtig sei ihm das Naturerlebnis. "Ich habe keine Lust auf überlaufene Gipfel." Natürlich reizen andererseits die prestigeträchtige Berge. In den Alpen denkt Jander an Großglockner, Mont Blanc oder Matterhorn. Anderswo zählt ein 7000-Meter-Gipfel mehr als ein 6000er.

Mehr Zeit für Planung

Andererseits stoßen ihn Massenveranstaltungen ab. Lieber weiche er auf weniger bekannte Gipfel und Touren aus. Ein Ziel in den Alpen ist die Überschreitung des Weißhorns im Schweizer Wallis. Die Tour gilt als eine der schönsten der Alpen und sie ist so anstrengend, dass sie nie überlaufen ist.

Nach solchen Alternativen sucht Jander auch bei den ganz hohen Bergen. Der Traum vom 8000er sei da, sagt der 36-Jährige. Der Mount Everest wird es aber wohl nicht werden: zu teuer, zu überlaufen, und ohne Sauerstoff zu schwierig. Aber es gebe Alternativen. Auch wenn er nun eine Pause braucht, Philipp Jander zieht es weiter in die Höhe - nicht nur beruflich.

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