Branchen-Vielfalt statt Einfalt

"Die Monokultur ist verschwunden", nennt Bernd Fürbringer, Vorsitzender des IHK-Gremiums Nordoberpfalz, einen Grund für die stabile Konjunktur in der Nordoberpfalz, "wir stehen sehr breit da, sind konjunkturunabhängiger."

IHK-Experten Bernd Fürbringer (links) und Florian Rieder.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Bei den Arbeitsmarktdaten ist Bayern Nummer 1 in Deutschland, die Oberpfalz Arbeitsmarktführer in Bayern. Wie konnte sich das krisenanfällige Zonenrandgebiet so prächtig entwickeln? "Die mittelständische Struktur macht das perspektivische Denken stärker", erklärt Fürbringer, Geschäftsführer des Waldsassener Bauunternehmens Kassecker, "wir planen langfristig, wenn wir ein Jahr kein Wachstum verzeichnen, geht die Welt nicht unter." Es gehe um den Fortbestand, nicht den kurzfristigen Aktienkurs. "Wir sind Konstanz getrieben statt von der Renditeerwartung."

"Weiden ist weit genug weg von Regensburg, um sich eigenständig entwickeln zu können", nennt Florian Rieder, Leiter des IHK-Gremiums Nordoberpfalz, in dessen Zuständigkeit neben dem Oberzentrum auch die Landkreise Neustadt und Tirschenreuth gehören, ein weiteres Merkmal des Nordoberpfälzer Aufschwungs.

Im Zehn-Jahres-Vergleich gebe es ein Faktorenbündel, das für die positive Entwicklung verantwortlich sei. Das kürzlich vorgestellte Wirtschaftsleitbild Nordoberpfalz, an der die IHK ein Jahr gefeilt habe, zeige:

  • „Wir haben drei Branchen definiert, die das Rückgrat der Wirtschaft ausmachen“, erklärt Fürbringer. Kein Gutachten mit einem Stichtag wollte die IHK, sondern eine Fortschreibung, aus der man erste Visionen abgeleitet habe. Die mittelständische Struktur und eine Belegschaft mit hoher Loyalität zum Unternehmen trage zur positiven Entwicklung bei.
  • „Die traditionellen Branchen haben erkannt, dass es so nicht weitergehen kann“, sagt Fürbringer. „Mit herkömmlicher Ware hatte man keine Chance mehr gegen die Konkurrenz aus Fernost.“ Heute produzierten diese Unternehmen hochmodern: „Auch wenn es immer noch Manufakturanteile gibt“, sagt Fürbringer, „hat da längst die Robotik Einzug gehalten.“ Geniales unternehmerisches Handeln habe kriselnde Firmen zurück auf die Erfolgsspur gebracht.
  • „Die Glas- und Keramik-Branche ist wieder auf Weltniveau“, freut sich Rieder über die Evolution von Schott, Pinketon, Seltmann und Bauscher. „Sie stehen in der Wertschöpfung an Nummer 3 der Branchen.“
  • Zudem habe sich die Wirtschaftsstruktur diversifiziert: unternehmensnahe Dienstleistung, IT, Handel: „Vorzeigeunternehmen wie das IGZ in Falkenberg haben ein irres Wachstum“, sagt Rieder.
  • Der Großteil der Wertschöpfung werde in den Landkreisen erwirtschaftet. „Weiden ergänzt den Standort als Handelszentrum.“
  • Die Ostbayerische Technische Hochschule aber auch die EDV-Schule Wiesau bildeten akademisches Personal aus.
  • Bei der Digitalisierung, die jedes Unternehmen betreffe, gebe es ein zunehmendes Bewusstsein dafür, die Mitarbeiter mitzunehmen. Der Industriestandort Tirschenreuth etwa mit seinen starken Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau oder dem Kartonagenwerk Liebenstein, hätte man die Belegschaft umgebaut, ohne Mitarbeiter freizusetzen.
  • Als Jobkiller sieht Rieder die Entwicklung nicht: „Je geringer qualifiziert, desto ersetzbarer“, das sei ein geltendes Gesetz der Automatisierung. „Es entstehen neue Berufsbilder, an die wir noch gar nicht denken“, ist sich Fürbringer sicher.
  • Die Politik müsse für die Fortsetzung des Aufschwungs Rahmenbedingungen schaffen, fordert Rieder, „mit Investitionsanreizen“.
  • Positiv wirke sich der grenzüberschreitende Arbeitsmarkt aus, sagt Fürbringer. Der Anteil tschechischer Arbeitnehmer im Agenturbezirk betrage 6 Prozent. „Wir konkurrieren um die begehrten Facharbeiter.“
  • Ein Standortvorteil der Region sei das Preisniveau: „Mit einem guten Gehalt lebt man hier deutlich besser als in München“, sagt Fürbringer. „Bei uns steht der Akademiker vorm Tresen, in München dahinter.“
Wie gerüstet ist die Oberpfalz für kommende Krisen?:

Gefahren für das Jobwunder

Amberg/Weiden. (jrh) Wirtschaftsweise warnen vor der Eintrübung der Konjunktur – dazu Trumps Handelskrieg mit China und der deutschen Autoindustrie, der Brexit und eine divergierende EU. Sind die guten Nachrichten bald Geschichte?

„Die Automobilbranche in der Region ist stärker als man denkt“, weiß Weidens IHK-Chef Florian Rieder. „Die Zeichen der Besorgnis mehren sich.“ Aber es gebe keinen Grund zur Angst. „Man sieht mit Unbehagen den Protektionismus, den Wachstumsrückgang in China“, beschreibt Rieder die Lage, „aber die Region ist krisensicherer als früher.“

Es gäbe nicht den einen Weltkonzern, sondern die Mittelständler stellten die Mehrheit. „Und wir haben neu aufgestellte Geschäftsmodelle, die Spritzindustrie arbeitet nicht nur für die Auto-, sondern auch für die Verpackungsindustrie. „Im Übrigen ist die Bauwirtschaft bei uns derzeit derart am Anschlag, dass ein leichter Rückgang eher eine Entspannung wäre.“

Kritischer beurteilen die IHK-Experten die Akquise des Nachwuchses: „Der Informationsstand der Jugendlichen und Eltern ist nicht der beste“, bedauert Fürbringer, Vorsitzender des IHK-Gremiums Nordoberpfalz, „man muss wissen, dass man im familiengeführten Unternehmen schneller ein eigenes Projekt bekommt, auch leichter ins Ausland kommt, als im Konzern.“ Am bescheidenen Image seien Unternehmer teils selbst schuld: „Da ist die Nordoberpfälzer Kultur hinderlich“, findet Rieder, „man muss auch mal Stärke zeigen, die Karrierechancen in müssen in die Köpfe der Eltern.“

I-Pad reicht nicht

Beim Werben um die Jugend reiche aber nicht ein I-Pad als Lockmittel für den Azubi: „Entscheidend ist das Gesamtpaket“, erklärt Rieder. „Die Wertesysteme haben sich verschoben, es geht nicht nur um die Vergütung, auch um Arbeitszeitmodelle, Vereinbarkeit von Beruf und Familie.“ Der Markt stehe Kopf, findet Fürbringer: „Früher sagte ich dem Bewerber, ich gebe Ihnen in 14 Tagen Bescheid – heute ist es umgekehrt.“

Fürbringer warnt bei allem Lob für die OTH vor einer Überakademisierung: „Bei diesem Ansturm befürchte ich hohe Abbruchzahlen.“ Gut findet er den engen Austausch von Hochschule und Unternehmen: „Wir haben gemeinsame Studiengänge ins Leben gerufen, da wird nicht an der Wirtschaft vorbei gelehrt.“ Allerdings kritisiert der Geschäftsführer die Atomisierung der Studiengänge: „Es entstehen neue Fächer, um kurzfristige Trends zu bedienen – wir trauern dem Diplom-Ingenieur und dem Diplom-Kaufmann nach.“ Spezialisieren könnten sich die Absolventen auch noch im Unternehmen: „Als ich von der Uni kam, dachte ich auch, ich weiß alles – die Wirklichkeit zeigte mir schnell meine Grenzen auf.“

Auch die Reserven des Arbeitsmarktes – Frauen in der Babypause oder Elternzeit, Langzeitarbeitslose – seien ausgeschöpft. „Vor zehn Jahren war das noch anders, da meinten manche Personalchefs, man könne Mütter aussortieren.“ Auch der Trend zu Heimarbeitsplätzen helfe erziehenden Eltern: „Die Gehaltsabrechnung für Firmen kann ich auch von zu Hause aus machen“, erklärt Rieder. „Es gab einen Beschäftigungsaufbau in der Dienstleistung, auch in der steuerlichen Beratung, aber keine Ausreißer dahingehend, dass Leiharbeit den Aufschwung getragen hat.“

Keine Panik vor dem Alter

Auch wegen des Demografischen Wandels verfällt die IHK nicht in Panik. „Das ist eine Projektion aus der Vergangenheit in die Zukunft“, sagt Rieder. „Das Thema ist ambivalent“, findet Rieder, „wir saßen lange genug wie das Kaninchen vor der Schlange, aber man darf sich da nicht paralysieren lassen.“

Zusammen mit Betreuungslehrern erkundeten die Schülersprecher der Mittelschulen den Betrieb der Firma Witron in Parkstein.
Aufbruch Nord:

Wirtschaftsleitbild Nordoberpfalz

Weiden. (jrh) Mit einem im Februar vorgestellten Wirtschaftsleitbild will das IHK-Gremium Nordoberpfalz einen Beitrag dazu leisten, der Wirtschaftsregion ein klares Profil zu verleihen. Man wolle damit eine fundierte Grundlage für die gemeinsame Diskussion zwischen regionalen Akteuren der Nordoberpfalz aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung zu schaffen und daraus konkrete Maßnahmen abzuleiten.

Die Wirtschaftsregion Nordoberpfalz erbringe mit einem Bruttoinlandsprodukt von mehr als sieben Milliarden Euro eine herausragende Leistung. Es bestünden zwar funktionierende Netzwerke, ein Bewusstsein, bei gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen auch gemeinsam zu handeln, fehle aber noch.

Das IHK Gremium Nordoberpfalz fordert etwa die Stärkung der Rahmenbedingungen:

◘ die rasche Realisierung der Gewerbegebiete Weiden West IV und Wiesau

◘ intensive Zusammenarbeit mit der Region Karlsbad/CZ

◘ den Ausbau der Datennetze zu Gigabitnetzen und 5G.

◘ die Elektrifizierung der Schienenstrecke Hof-Regensburg inklusive Lärmschutz

◘ den Ausbau kombinierter Ladungsverkehre

◘ neue und innovative Lösungen im ÖPNV für Berufsverkehre.

Man müsse als Region mit guter Beschäftigung bekannter werden, deshalb fordert die IHK:

◘ eine gemeinsame Kommunikation der Nordoberpfälzer Lebensqualität

◘ ein gemeinsames Konzept zur Fachkräftegewinnung und -sicherung.

Junge Menschen müssten alle Karrierewege der Region kennen. Dazu wünscht sich die IHK:

◘ eine gemeinsame Plattform zur regionalen Berufsorientierung

◘ die Realisierung der Gleichwertigkeit akademischer und beruflicher Bildung.

Fachkräfte müssten alle Vorteile der Region nahegebracht werden, dazu regt die IHK an

◘ die Entwicklung einer gemeinsamen Kommunikationsstrategie, die Fachkräften nicht nur die beruflichen Vorteile der Region, sondern auch die optimalen Voraussetzungen für das private Umfeld näher bringt.

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