Corona-Tests für tschechische Pendler: Schutz oder Zumutung?

Der Alltag tschechischer Pendler ist anstrengend genug. Alle 48 Stunden einen Coronatest vorzuweisen, empfinden viele als Zumutung. Oberpfälzer Arbeitgeber bangen um ihre Fachkräfte.

Pendler warten in der Schlange auf obligatorische Corona-Tests. Seit 24. Januar müssen die Grenzgänger bei jeder Einreise in die Bundesrepublik einen negativen Corona-Test vorlegen, der nicht älter als 48 Stunden sein darf.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Milan Soukup ist sauer. Das Wochenende des Lkw-Fahrers ist jetzt noch kürzer als sonst: "Ich bin ja ohnehin die ganze Woche unterwegs", sagt der 56-jährige Prachatitzer, "jetzt muss ich schon am Sonntag nach Deutschland, um rechtzeitig zum Schnelltest zu kommen."

Soukup versteht schon, dass die hohen Inzidenzzahlen - im Bezirk Prachatice lag er vergangene Woche bei 292,3 - in Deutschland die Alarmglocken schrillen lassen. "Aber man muss genauer hinschauen, wo sich Leute anstecken", sagt er, "ich sitze den ganzen Tag im Lkw und zeig' allenfalls mal den Frachtbrief vor - immer mit Maske."

Erste Kündigungen in Speditionen

Der Wettbewerb um Fernfahrer ist groß. "Ich habe schon von ersten Kündigungen gehört", warnt Spediteur Josef Dischner. Eine massenhafte Abwanderung tschechischer Arbeitskräfte befürchtet Petr Arnican, Abteilungsleiter für grenzüberschreitende Beziehungen beim DGB, dennoch nicht. "Das sind bisher nur Einzelfälle, denen der Aufwand zu anstrengend ist."

Bei Lkw-Fahrern sei die Lage allerdings heikel: "Viele müssen ihre Ruhezeiten verletzen, um sich testen zu lassen", sagt Arnican. "Als das in den neuen grenznahen Testzentren anlief, mussten sie stundenlang in der Kälte Schlange stehen, statt sich zu erholen." Rund 1000 Lkw-Fahrer aus Tschechien sitzen bei Oberpfälzer Unternehmen auf einer Zugmaschine. "Da fürchten einige Spediteure, dass ihre Fahrer den Stress bald satt haben."

Am Tag der Eröffnung einer Drive-In-Testanlage für Pendler am tschechisch-deutschen Grenzübergang in Mühlbach (Pomezí nad Ohří) nimmt ein Mitarbeiter des Gesundheitswesens aus einem Auto heraus einen Abstrich für einen Corona-Test.

Missmut in den Betrieben

Auch in vielen Industriebetrieben ist die Stimmung angespannt. "Am Fließband stehen die tschechischen Pendler dann neben Oberpfälzer Kollegen aus Hochinzidenz-Landkreisen wie Tirschenreuth, die sich aber nicht testen lassen müssen", beschreibt Arnican den Missmut einiger Landsleute. "Einen Test pro Woche würde jeder akzeptieren, aber alle 48 Stunden ist zu viel."

Richard Brunner, Leiter der IHK-Geschäftsstelle Cham und Schwandorf, bestätigt den Tenor unter den Pendlern: "Wir bekommen von vielen Unternehmen die Rückmeldung, dass die Belastung der tschechischen Belegschaft durch die Tests enorm hoch ist, die Wartezeiten, die Testabnahme, das ganze Prozedere." Bei Speditionen sei es auch schon vereinzelt zu Kündigungen gekommen. "Die Firmen registrieren in größerem Umfang krankheitsbedingte Absenzen." Die Wirtschaft unterstütze aber die Testpflicht, da sie neben den eigenen Hygienekonzepten ein zusätzliches Stück an Sicherheit böte. "Die große Herausforderung ist es jetzt, die Leute bei Laune zu halten."

Brezen an der Grenze

Dazu nützten die ostbayerischen Unternehmen die ganze Bandbreite des Motivationsbaukastens: "Ich war selber mit dabei, als Führungskräfte der Zollner AG an der Grenze bei Furth im Wald die tschechischen Mitarbeiter mit Brezen und Croissants begrüßten - mit einem kleinen Zettel daran, ,schön, dass ihr da seid, wir schätzen euren Einsatz'." Einige Betriebe hätten den Corona-Test im eigenen Haus organisiert, um den Mitarbeitern zusätzliche Wege zu ersparen oder weil die Distanz zum Testzentrum einfach zu groß sei, und es von den Schichtmodellen her gar nicht anders gehe. In vielen Unternehmen ist die tschechische Belegschaft schon so lange Teil der Firma, dass eine enge Bindung entstanden sei.

Soweit wie möglich werde das Homeoffice als Alternative genutzt: "Es wird alles getan, um dezentral zu arbeiten, aber von den knapp 14 000 tschechischen Pendler arbeiten alleine 5000 im verarbeitenden Gewerbe und über 1000 sind Berufskraftfahrer, die vor Ort gebraucht werden." Ein Lob spricht Brunner den kommunalpolitischen Verantwortlichen aus: "In den Landkreisen Tirschenreuth und Cham hat man schnell im Vorgriff reagiert und Schnelltest-Zentren aufgebaut - eine Infrastruktur, von der Firmen und Mitarbeiter profitieren." Man sei in der Corona-Krise schnell mit Kritik zur Hand, "aber die Landkreise haben sich als guter und leistungsfähiger Teil des Krisenmanagements bewährt".

Jetzt sind auch in Nähe des Grenzübergangs Waidhaus Corona-Schnelltests möglich. Das Landratsamt Neustadt reagierte damit umgehend auf die Forderungen von Grenzgängern.

Waidhaus unterversorgt?

Noch unterversorgt mit Testkapazitäten sei dagegen aus Sicht der Unternehmen der Autobahn-Grenzübergang Waidhaus: "Ein großer Teil der Pendler in den Wirtschaftsraum Oberpfalz nutzt diese Strecke, auch der größte Anteil derer, die durch die Oberpfalz in andere Teilen Bayerns fahren", sagt der IHK-Vertreter, "wie Geschäftsreisende, Fachleute der Industriewartung. "An der Landstraße steht die Polizei, auf der Autobahn braust man einfach durch", verdeutlicht Brunner das Problem. "Wir können nicht in Philippsreuth einen riesigen Zirkus veranstalten und am größten Übergang ist nichts zu sehen."

Schon im vergangenen Jahr habe die IHK vorgeschlagen, dass auch am Kreuz Wernberg ein Testzentrum sinnvoll und möglich wäre. "Ich weiß nicht, ob die Leute überhaupt auf das Testzentrum bei Waidhaus hingewiesen werden." Vorbildlich findet er da die Beschilderung in Furth: "Da wird man zweisprachig geführt, ,hast du deinen Test? Wenn nicht, hier geht's zum Testzentrum'." Dadurch, dass inzwischen auch auf tschechischer Seite Schnelltestangebote in Wohnortnähe ausgebaut würden, entspanne sich die Lage langsam. "Da bleibt vielen wenigstens der Stress am Montagmorgen vor der Einreise erspart." Die IHK habe über das Generalkonsulat und ihre tschechischen Partner an Lösungen getüftelt. "Dass es so gekommen ist, macht uns froh und dankbar."

Reibungsloser Klinikbetrieb

Ohne größere Störungen läuft der Betrieb in den Kliniken. "Alle tschechischen Kolleginnen und Kollegen - rund 15 - haben wie gewohnt ihren Dienst in den jeweiligen Abteilungen aufgenommen", teilt Michael Reindl von den Kliniken Nordoberpfalz AG in Weiden mit. "Bereits vor Monaten wurde von unserer Seite eingeführt, dass Pendler aus Tschechien ein Mitarbeitertagebuch führen, in dem mögliche Symptome einer Erkrankung eingetragen werden." Aufgrund der geltenden Regelung sei die Frequenz der bereits zuvor erfolgten regelmäßigen Tests der Pendler erhöht worden, "so dass diese alle zwei Tage getestet werden".

Das Klinikum St. Marien in Amberg beschäftigt 32 Mitarbeiter aus Tschechien. "Die tschechischen Ärzte bei uns am Klinikum haben überwiegend ihren Erstwohnsitz hier in unserer Region", sagt Klinikumssprecherin Sandra Dietl. "Der Zweitwohnsitz befindet sich in Tschechien. Wir handeln hier gemäß der aktuellen Einreise-Quarantäneverordnung." Das Klinikum teste Mitarbeiter mit PCR-Tests in der eigenen Abstrichstelle.

Personalnotstand in Cheb

Von einer "Rückkehr" der Ärzte aus Deutschland ist in Tschechien jedenfalls bislang nichts zu spüren. "Wir haben bisher kein Anzeichen dafür, dass sich Ärzte oder Pflegepersonal aus dem Ausland bei uns melden würden", sagt der Sprecher des Krankenhauses in Cheb (Eger), Vladislav Podracký. Von einer "Rückkehr" der Ärzte aus Deutschland ist in Tschechien jedenfalls bislang nichts zu merken. "Wir sehen bisher kein Anzeichen dafür, dass sich Ärzte oder Pflegepersonal aus dem Ausland bei uns melden würden", sagt der Sprecher des Krankenhauses in Cheb/Eger, Vladislav Podracký. "Vor allem für unser Krankenhaus in Cheb ist diese Situation besonders kritisch", fährt er fort, "in der Vergangenheit haben bis zu 9 von 10 Absolventinnen der Krankenschwesternschule Cheb das tschechische Gesundheitswesen verlassen, überwiegend in die Gesundheitseinrichtungen auf der deutschen Seite der Grenze."

In diesem Zuge fehlten dem Krankenhaus zum vollen Personalstand bis zu 50 Krankenschwestern. "Dieser Personalmangel hat einen negativen Einfluss auf das Gesundheitswesen nicht nur in Cheb, sondern in der ganzen Region."

Die tschechische Regierung habe schon vor einiger Zeit versprochen, die Lage in der Region verbessern zu wollen. "Bislang sind aber noch keine Gegenmaßnahmen getroffen worden."

Testzentrum in Waidhaus

Frankenreuth bei Waidhaus
In diesen Branchen arbeiten tschechische Pendler:
  • Nach Angaben der IHK sind derzeit 13 784 tschechische Mitarbeiter in der Oberpfalz beschäftigt.
  • Im Landkreis Cham konzentriere sich mit rund 4000 die höchste Zahl der etwa 7000 tschechischen Pendler in die mittlere Oberpfalz.
  • 4903 der tschechischen Mitarbeiter in der Oberpfalz sind im verarbeitenden Gewerbe beschäftigt.
  • Es folgen wirtschaftliche Dienstleistungen wie Vermittlung und Überlassung von Mitarbeitern (2205),
  • Lagerarbeiter und Verkehr wie Berufskraftfahrer (1793),
  • Baugewerbe (1265),
  • Einzel-, Großhandel, Werkstätten (1046),
  • Gastgewerbe (943),
  • Gesundheits- und Sozialwesen (894) u.v.a.

 

 

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