Weiden in der Oberpfalz
28.06.2019 - 13:58 Uhr

Einigeln bringt nichts

Mit der Toleranz ist es nicht so einfach. Das kann auch schnell falsch verstanden werden. In Weiden erläuterte Bundespräsident a.D. Joachim Gauck sein Plädoyer für eine „kämpferische Toleranz“.

Altbundespräsident Joachim Gauck sprach am Donnerstagabend in der Weidener Buchhandlung Rupprecht über "kämpferische Toleranz" Bild: stg
Altbundespräsident Joachim Gauck sprach am Donnerstagabend in der Weidener Buchhandlung Rupprecht über "kämpferische Toleranz"

Besser spät als nie. Bereits 2012 sei ein Auftritt von Joachim Gauck in Weiden geplant gewesen, erinnert Maria Rupprecht am Donnerstagabend zu Beginn der Lesung in ihrer Buchhandlung. Dann habe sich der Genannte allerdings „beruflich neu orientiert“ und wurde zum Bundespräsidenten gewählt. Nun, sieben Jahre später als vorgesehen, ist der Altbundespräsident tatsächlich in der Max-Reger-Stadt anwesend. Gut 300 Zuhörer sind gekommen zu der Lesung, die seit Monaten ausverkauft ist. Und das, noch bevor das neue Buch Gaucks überhaupt erschienen war und noch bevor er mit seinen Ausführungen zum Thema Toleranz in einem "Spiegel"-Interview für Schlagzeilen gesorgt hat.

Hängengeblieben ist dabei vor allem die Forderung Gaucks nach einer „erweiterten Toleranz in Richtung rechts“. Das bedeute jetzt allerdings nicht, betonte Gauck, dass aus ihm ein Freund der „Rechten“ geworden sei, wie manche Medien gemutmaßt hätten. Als „Blödsinn“ charakterisiert Gauck solche Vermutungen. „Ich komme nicht aus dem konservativen Milieu, aber es gibt gute Gründe darüber nachzudenken“, sagt Gauck. Er appelliert dazu, besser zu differenzieren. Natürlich gebe es auf rechter Seite – Gauck nimmt hier aber auch die linke Seite nicht aus – Dinge, die ihm völlig lebensfremd sind und die er persönlich für abstoßend hält. Er wolle aber auch nicht, dass die unterschiedlichen Milieus so weit auseinanderdriften, dass es kaum noch Brücken gebe. Als negative Beispiele hierfür sieht er die USA und auch Polen. „Wir dürfen uns nicht dort einigeln, wo wir beheimatet sind“, fordert Gauck. „Und auch ich muss möglicherweise etwas tolerieren, was ich gar nicht abkann“, stellte Gauck fest.

Das schließe aber nicht ein, Toleranz gegenüber „widerlichen rechten Mob-Gesellen“ zu zeigen. Denn eine bedingungslose Toleranz gegenüber Intoleranten gehöre nicht zum Wesen der Demokratie. Wo Hass, Rechtsbruch, Demokratiefeindlichkeit, Gewalt, Ausländerfeindlichkeit und Positionen gegen die universellen Menschenrechte gepredigt würden, müsse auch Schluss mit Toleranz sein. Aber nur allein krude Ansichten, die nicht gegen das Grundgesetz verstoßen, würden eben nicht ausreichen, um Leute aus dem Spiel zu nehmen.

Über weite Teile des Abends spricht Gauck frei. Und freilich ist er ein Intellektueller: Manche Sätze und Formulierungen gehen ihm über die Lippen, die nicht immer zum aktiven oder passiven Wortschatz aller Zuhörer zählen. Seine Ausführungen zur Toleranz schmückt das ehemalige Staatsoberhaupt aber auch mit persönlichen Geschichten aus.

So erfahren die Zuhörer, dass sich für ihn selbst in vielen Bereichen die Toleranz erst entwickeln musste. „Ich bin in der DDR mit einem Verbot der Toleranz im politischen Bereich aufgewachsen“, erzählt Gauck mit Blick auf den Staatsapparat. Er habe keine Toleranz gegenüber den Intoleranten entwickeln wollen. Als dann die Mauer 1989/90 fiel, sei es auch für ihn ein gewisser Lernprozess gewesen, sich für gesellschaftliche Entwicklungen Toleranz anzueignen. „Eine öffentliche Homosexualität oder vielfältige verschiedene Nationen, die zusammenleben und auch sichtbar im Stadtbild sind, waren in der DDR kein gewohntes Bild“, räumt Gauck ein. Das Fremde verliere aber auch das Angstmachende, wenn man ihm offen begegne.

Eindringlich plädiert Gauck rund 90 Minuten lang für eine „kämpferische Toleranz“. Toleranz zu leben sei ein Gebot der politischen Vernunft. „Sie legt uns nahe, den Raum, in dem wir leben, nicht voreilig in Gut und Böse zu unterteilen und die Bösen aus dem Diskurs auszugrenzen“, erklärt Gauck. Jeder Demokrat sollte den Raum schützen, in dem Toleranz geübt und praktiziert werde, also einen Raum, in dem Uneinigkeit zwar immer anwesend sein werde und dennoch Chancen eröffne. Jeder bewusste Demokrat müsse aber das Ja zur Toleranz ergänzen durch ein entschlossenes Ja nur Intoleranz, wenn Freiheit und Toleranz bedroht seien.

Frank soll kommen:

Bereits sein letztes Buch wollte Joachim Gauck, als er 70 war, in Weiden bei der Buchhandlung Rupprecht vorgestellt, erinnert sich der Bundespräsident a.D. Als er sein neues Buch „Toleranz einfach schwer“ herausgebracht hatte, sei wieder eine Einladung von Rupprecht ins Haus geflattert. „Das kenne ich doch. Das mach ich glatt“, habe sich Gauck (79 Jahre) gesagt. Auch diesmal muss es ihm in Weiden gefallen haben. Nach einem Gespräch über Inklusion mit Mitarbeitern und Nutzern der Tagesstätte Oase im Rathaus sagte er im Geiste an seinen Nachfolger, Frank-Walter Steinmeier, gerichtet: „Lieber Frank, ich durfte da einer tollen Gruppe begegnen in einem Ort, der heißt Weiden und liegt in der Oberpfalz.“ (esa)

 
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.