Erfolgreich mit Erwartungen brechen

Einzigartiges Ein-Mann-Konzert mit "And the Golden Choir" auf der "Sünde"-Bühne

„And the Golden Choir“ ist ein Solo-Projekt des Berliner Produzenten und Multiinstrumentalisten Tobias Siebert, das er in der „Sünde“ vorstellte.
von Autor HLLProfil

Weniger ist mehr. Stimmt das? Mal ja, mal nein. Ganz sicher trifft die Anwendung dieses abgenutzten Sprichworts nicht zu bei der Idee, sich im Vorfeld der Sünde-Show nochmal das neueste Album des Abend-Acts "And the Golden Choir" zu Hause anzuhören. "Breaking with Habits" heißt es, ein bezeichnender Titel und wohl auch ein Tipp, in Zukunft von allzu eingefahrenen Hörgewohnheiten Abstand zu nehmen.

Salon-Mantel und Rotwein

Denn: Überraschend leblos klingt das Werk, gar nicht so, wie man es noch vom Erscheinen im vergangenen Februar in Erinnerung hatte. Dann die Erkenntnis: Es war wohl keine besonders schlaue Idee, sich wie üblich die Platte via Streaming-Dienst bei Zimmerlautstärke lediglich auf einem sogenannten "Smart TV" anzuhören. Nein, live und laut ist es sicher viel, viel besser.

Kurze Antwort: Ja. Aber doch auch ganz anders als erwartet. Mit Gewohnheiten - oder eben im Falle des Zuschauers - mit Erwartungen brechend, betritt Tobias Siebert die "Sünde"-Bühne im alten Postamt ganz allein. Gekleidet in einem geblümten Salon-Mantel, ein Glas Rotwein in der Hand, wirkt er wie der kapriziöse fin de siècle-Bewohner eines verwunschenen alten Landhauses, welcher nach einem Tag voller Müßiggang gerade seiner (Musik)-Bibliothek entsteigt. Keine Band also. Das macht durchaus Sinn, schließlich ist "And the Golden Choir" so etwas wie ein Solo-Projekt des Berliner Produzenten und Multiinstrumentalisten, für dessen Veröffentlichungen Tobias Siebert in der Regel alles von eigener Hand einspielt. Somit ist er einzig umgeben von Klanggeräten wie etwa einer portablen Drehleier, Umhänge-Zither oder einer Orgel.

Passend zum Privatier-Look aus vergangenen Tagen macht sich Siebert schließlich wortlos daran, auf einem Plattenspieler eine Scheibe aufzulegen - knarzend und krachend. Und dann, endlich: Der erwartete, wundersame wie wunderbare Sound, gefühlvoll und gleichzeitig wuchtig, zerbrechlich und ebenso kraftvoll hüllt er den zum Jahrhundertwende-Salon umfunktionierten kleinen Konzertsaal ein. Das Ganze ist zwar nun noch nicht "live", aber zumindest schon so, wie die Songs des Goldenchors gehört werden müssen - laut, und eben vielleicht auch zusammen mit den beinah heimelig wirkenden Vinyl-Nebengeräuschen, eben fast wie der Klang eines Kaminfeuers.

Und dann ist da die unvergleichliche Stimme Sieberts - die natürlich völlig ohne vorgefertigte Hilfsmittel direkt von der Bühne ertönt - welche den einmal als Eremiten-Pop bezeichneten Stücken ihre Seele geben, intensiv, mitfühlend, glanzvoll. Mehr als 90 Minuten voll von schönem Leiden, Glück und eindringlicher tonaler Verzweiflung.

Bescheidene Präsenz

Zwischendurch erzählt er von seinem wagemutigen Plan, allein auf Tour zu gehen und auf die üblichen Hilfsmittel wie Laptop oder Loop Station verzichten zu wollen, denn "es gibt schon zu viele Computer in meinem Leben". Und so sei die Idee entstanden, sozusagen Karaoke-Versionen aller Songs auf Vinyl zu pressen, auf der Bühne ergänzt durch die Stimme und das jeweilige Instrument, das von Siebert gespielt wird.

Ja, weniger ist durchaus mehr, zumindest in diesem Fall. Die charismatische, aber zugleich auch überaus sympathische wie bescheidene Bühnenpräsenz des Ein-Mann-Orchesters lässt den Gedanken an das etwaige Fehlen einer mehrköpfigen Besetzung gar nicht erst aufkommen und, vielmehr noch: Das Suchen nach der passenden Scheibe im Plattenschrank für den nächsten Song, beleuchtet von einer antiquierten Leselampe, lässt dieses Konzert-Ereignis noch viel unmittelbarer, intimer, werden, so als hätte Tobias Siebert die Zuhörer zu sich nach Hause ins Wohnzimmer eingeladen, für eine exklusive Privatvorstellung. Gleichwohl zu einer Lehrstunde: Mit Gewohnheiten brechen lohnt sich.

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